Die Spannung war kaum zu fassen, als Felix B. eine endlose Liste Sicherheitsmaßnahmen durchging und endlich ans Fenster trat. Er öffnete das Fenster und sprang. Felix B. wird heute von der Welt unisono als »Held« betitelt. Der höchste Sprung aller Zeiten. Schallgeschwindigkeit. Einschaltsquoten auf YouTube, von denen die Piratenpartei nur träumen kann. Selbst das Fernsehen mit mit einer »Quotensensation«. Ausrufezeicheneinseinsausrufezeichenelfausrufezeicheneinseinself. Aber mal ernsthaft: What teh fuck?


Zugegebenermaßen: Ich hab das auch geguckt. Und mein ganzer Freund_innenkreis. Nur irgendwie war ich nicht begeistert. Den Moment der Momente habe ich sogar verpasst, weil ich gerade etwas spannenderes gesehen habe, als eine Kapsel in der Stratosphäre. Auch wenn ich mich daran nicht mehr erinnern kann. Zugegebenermaßen: Auch ich ziehe hiermit meinen Hut vor der Leistung von Red Bull und Felix B. Und auch ich bemühe dafür einen Superlativ. Das, was da gestern über Millionen Bildschirme flimmerte, war die größte Demonstration der gesellschaftlichen Langeweile, die man seit einiger Zeit multimedial und in HD aufbereitet sehen konnte. Es war die eindrucksvollste Demonstration der Verschiebung von Langeweile in den Bereich der Raserei. Eine Verschiebung, die Surfen auf Zügen oder Springen von Hochhäusern mehr und mehr aus dem erlesenen Kreis der Abenteuer ausschließt. Die gesellschaftliche Suche nach dem nächsten Superlativ, dem nächsten Eintrag in irgendeine Bestenliste, den nächsten 15 Minuten Ruhm verlässt dabei zusehends die Grenzen den Menschenmöglichen.


Über die Welt erfährt man so einiges, wenn man ihr zuguckt. Und einiges erst im Kontrast zu der funkelnden Glitzerwelt einer konzerngetriebenen Hochleistungsgesellschaft. Zum Beispiel, dass der Ausschluss aus jener oft tödlich endet. Ein Ausschluss, dem niemand zugucken will, auch wenn die Konsequenz öffentlich ausgetragen wird. So zündete sich ein Mensch am Samstag vor der Besucher_innenmenge des Reichstages öffentlich an, anscheinend, weil er keine Wohnung fand. Die Berichterstattung über Selbstmorde wurde irgendwann zusammengestaucht, weil durch sie zu viele Nachahmer_innen angestachelt wurden. Die Berichterstattung über den nächsten Höhenflug wird hingegen neue Superlative aufstellen. Nachahmer_innen muss man kaum befürchten. Wer hat schon 50 Millionen für die Befriedigung des eigenen Spleens auf der hohen Kante? Eben. Und so bleibt festzuhalten, dass die Gesellschaft, die alle Abenteuer abschafft, ein einziges Abenteuer übrig lassen wird: Diese Gesellschaft abzuschaffen. Im Sinne derer, die sich ihre Träume nicht erfüllen können, bitte möglichst schnell.