Eye, selig-naiv grinsende Bummelmuttis, die ihr euren Nachwuchs wie Monstranzen des Bessermenschentums rumgewickelt vor euch hertragt und wie die Bachen im Frühling auf der Waldlichtung euch auf dem Bürgersteig schart, als habet ihr mit der Gnade der Mutterschaft das Vorrecht erwirkt, euren Mitmenschen die Zeit zu stehlen, denn weder links noch rechts noch mittendrin führt ein Weg an eurem penetrant zur Schau gestellten Glück vorbei! Nein, ich neide euch nichts und wenn ich beladen mit einer bleiernen Aldi-Tüte in der Linken und einem mittelschweren Aktenkoffer in der Rechten daherkomme und im Rahmen sozialer Gepflogenheiten, sozusagen freundlich aber bestimmt, um Platz und Vorbeikommen bitte, dann gibt es keinen Grund, ausfällig engagiert zu erklären, mir fehlte der Kindersegen für meine charakterliche Ausgeglichenheit; überflüssig, eure Augäpfel zu verdrehen, eure Nasen zu rümpfen und auch der Faltenwurf auf euren sonst so anmutig östrogengeglätteten Stirnen ist umsonst. Wundert euch aber nicht, wenn ich die linke Braue über ein solches Gebaren anhebe und mir die Adern in den Schläfen anschwellen und bersten. Denn euer verächtliches Betragen erfüllt eine psychologische Funktion: Niedergekommen aus einer entstellten Vorstellung von Freiheit, spiegelt es nicht weniger als eure Ohnmacht in den heurigen Verhältnissen – was ihr wenigstens mit dem Gefühl moralischer Überlegenheit zu entschädigen sucht.

Anders verkraftet ihr eure Kränkung nicht, da ihr insgeheim lange schon und ganz zu recht habt alle Hoffnung fahren lassen. Verkraftbar ist euch dies mit einer Politur der Widersprüche, die euch selbst mit allen Zwängen versöhnt denken lässt. Was euch Unbehagen bereitet, sind jene, die abweichen von euch, die ihr das Allgemeinste als Individuelles begreift. Anders leuchtet nicht ein, wie ihr privates Glück in einen Heilsdienst an der Menschheit umdeutet, der gefälligen Respekt von allen einfordert, die sich der Hingabe an die Strapazen einer Mutterschaft entziehen. Kinderlose Frauen gehen, wie Homosexuelle (Neuerdings werden auch alle, die sich dem Zwang zur inzwischen ökonomisch notwendigen Selbstoptimierung, z.B. qua Nicht-Rauchen, leiblicher Ertüchtigung und Halbfettmargarine verweigern, als fragwürdig identifiziert.), das Wagnis ein, erkennen zu geben, dass sie ihre leibliche Funktion nicht in den Dienst des Kollektivs stellen, Sexualität gar zum individuellen Lustgewinn praktizieren und werden deshalb apriorisch verdächtigt, die Reproduktion zu hintergehen. Ganz so, als sei ein Einzelnes mächtig, sich gesellschaftlicher Zwangsarbeit, wenn auch in ihrer abgemilderten Variante, zu verweigern, wird jedes Indiz für Individualität zur nackten Provokation. Die Blaupausen vom selben Entwurf, Menschenleben genannt, werden vom weichgespülten liberalen Verstand als höchster Wert veranschlagt, doch sind sie ohne Fleisch und Blut, denn das vermittelnde Element für Assimilation schlechthin ist in der Überflussgesellschaft Mangelware und eben diese Relation produziert gesellschaftlich überflüssige Mangelwesen.

Die Akzeptanz dieser Anomie gelingt nicht ohne Qual. Der Besitz an sich selbst und freier Wille können allenfalls Schein sein, wenn private Existenz abhängt von unbeeinflussbaren ökonomischen Prozessen. Niemand gibt pränatal sein Einverständnis darin, das Licht dieser Welt zu erblicken. Aber selbst von allem Sinn beraubt, treibt die gesellschaftliche Ordnung dennoch dazu an, Erleuchtung in der Unterjochung des persönlichen Glücks zu suchen. Die vorbehaltlose Bejahung des eingekerkerten Lebens kennt nicht einmal die Hoffnung auf ein seliges irdisches Leben. Ökologische Gemüsekisten und nachhaltige Kindergärten vermögen findig darüber hinwegzutäuschen, dass Leben in der Gegenwärtigkeit nur als verwertendes von Wert ist. Das Subjekt, das sich selbst erkennende Erkennende, verdankt die Eventualität seiner Existenz überhaupt erst dem Markt, denn Individualität hatte ihre Geburtsstunde in der Entfesselung der Zirkulationssphäre: Diese Art der Unfreiheit, private Arbeitskraft gesellschaftlich veräußern zu müssen, setzt paradoxerweise die Fähigkeit voraus, sich selbst zum Gegenstand von Erkenntnis zu machen und sich von anderen unterschieden wahrnehmen zu können. Selbsterkenntnis könnte den Status eigener Gefangenschaft bewusst mitdenken. Der unerträglichste Widerspruch ist jener, dass das Potential zu individuellen Lebensentwürfen überhaupt erst im Warentauschverhältnis möglich wird; denn der Markt ist leidenschaftslos gegen Alter, sexueller Identität und Hautfarbe, er kennt nur Verwertungsobjekte, treten diese nun als Arbeitskraft oder Konsument in Erscheinung. Innerhalb dieser allgemeinen Nivellierung ist die Entscheidung für oder gegen Elternschaft überhaupt erst denkbar. Verachtung gegen Mütter, weil diese den Ruch der alten Ordnung, die Stigmata der Bezwingung durch das Patriarchat und biologische Dienstbarkeit an sich trügen, verfehlt den Gedanken von Emanzipation. Solche Lesart blendet den eigenen Gehorsam gegen die bestehenden Verhältnisse aus, verkennt, dass die Gesellschaft nicht für die Menschen geschaffen wurde, missdeutet Individualität als ahistorisch und natürlich. Was von falsch verstandenem Feminismus anvisiert wird, ist die Gleichberechtigung oder Machtumkehr der Geschlechter im Konkurrenzverhältnis am Arbeitsmarkt.

Zweifelsohne sind in der Logik des Bestehenden egalitäre Integrationschancen für die Existenzerhaltung elementar notwendig, nur ist es eine fragwürdige Utopie von einer Gesellschaft, die allen das gleichrangige Recht zur Selbst- und Fremdausbeutung gewährt. Es nimmt nicht wunder, wenn aus solchem Verständnis Mutterschaft grundsätzlich reaktionär geschimpft wird. Indes ist der zur Schau gestellte Regress jener Frauen, die in ihrer Mutterrolle aufgehen und kinderloses Leben nur als Stumpfexistenz begreifen, die Kehrseite desselben Ungemachs über die Unmöglichkeit der Glücksverheißung. Die aufgrund nicht-konformer Geschlechteridentität sichtbar gemachte Differenz, die Ahnung von souverän bestimmter Selbstentfaltung, wirft Fragen auf über den Charakter des gesellschaftlichen Status quo: Die als verwirklicht behauptete Freiheit könnte als Feigenblatt und Legitimation gesellschaftlich schlechter Praxis enttarnt werden – und die Sinnlosigkeit des eigenen Lebens gleich mit. Aber die Wut darüber richtet sich nicht gegen die Verhältnisse, sondern wird untereinander gewaltvoll ausgetragen. Die Verrohung der Umgangsformen und die Kultivierung der Rücksichtslosigkeit auf den Gehwegen, Bahnsteigen und Shopping Malls ist Hingabe an die verdrängte eigene Ohnmacht. Der Ekel davor, sich selbst Gewalt antun zu müssen, sich selbst und andere auszubeuten, wird, einem Spiegelkabinett als Schaustellerattraktion gleich, verzerrt nach außen zurückgeworfen auf alle, die sich als Opfer anbieten. Wer sich in der öffentlichen Sphäre zurück nimmt statt zu nehmen, überhaupt meint, es mit besonnenen Menschen zu tun zu haben, gibt sich selbst als menschlich zu erkennen, markiert den Makel der Verletzlichkeit und erinnert an die unbezwungene Sterblichkeit. Die sich als sorgende Gemeinschaft gerierende Horde fand genau deshalb zusammen, um die Aussicht auf das Durchprügeln der Partikularinteressen wahrscheinlicher zu machen. Wer glaubt, Individuen anzusprechen, der irrt!

Individuelle menschliche Verhaltensweisen erinnern die Monaden an ihre rudimentäre Mündigkeit, die allenfalls ausreichte, Entscheidungsgewalt im Namen des Gemeinen auszuüben. Höflichkeit, die zeremonielle Umgangsform bei Hofe, die elegant die blutigen, unvermittelten Hierarchieverhältnisse der Ständegesellschaft durch zivilisierte Unterwerfungsrituale nicht nur widerspiegelte sondern reproduzierte, findet inzwischen nicht Verwendung, ohne zugleich als überkommen verhöhnt zu werden, denn sie ist nutzlos in einer Gesellschaft, in der die Verfügungsgewalt alle erfasst. (vgl. Adorno, Minima Moralia, Aphorismus No. 19, Zur Dialektik des Takts) Die entstellte Gesellschaft muss sich nicht noch länger verstellen: Sie hat nicht einmal die Sanktion gegen Devianz mehr nötig, denn wer sich der Verwertbarkeit nicht andient, den straft die Zeitigung des eigenen Lebens. Das einstige bürgerlich-emanzipatorische Anliegen, dem Tod von der Schippe zu springen, die Gesellschaft menschenwürdig einzurichten, wurde inzwischen zur Lüge. Dass sogar Gesten, die Menschlichkeit anrühren könnten, von den Menschen selbst abgewehrt und bestraft werden mit Rüpelei und Rempelei, ist das richtige Abbild der falschen Ordnung.