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Zum aktuellen Stand des Immerblöden: ECHO 2013.

Freitag, März 22nd, 2013

Um die Nachricht des Tages vorwegzunehmen: Ich bin jetzt Cro-Fan. Der macht zwar ungefähr so nichtssagende, weil jeglicher Denkleistung beraubte, Popmusik wie die Postpunks (im schlechtesten Sinne) von den Toten Hosen, geht dabei aber nicht auf die Nerven. Seine Live-Performance mit einer Bühne voller Cros ist dann auch das Highlight der gestrigen Show. Zwar nicht direkt neu, aber immerhin ein aktualisiertes Zitat eines Auftritts von Eminem.


Ansonsten kann man, das meint das bundesdeutsche Feuilleton und die paar Popkulturspacken außerhalb dessen, vom ECHO halten, was man will. Dass die deutsche Inszenierung von Pop schon immer an der nationalen Borniertheit oder einer Unfähigkeit zur Inszenierung außerhalb von Parteitagen (pun intended) scheitert, ist nun wirklich weder eine neue These noch eine spektakuläre. Wenn deswegen bei SPON oder der Süddeutschen heute wieder konstatiert wird, dass alles langweilig war, ist das langweilig. Horkheimer und Adorno wussten das schon länger. Irgendwo im Kulturindustriekapitel der Dialektik der Aufklärung hielten diese fest, dass realitätsgerechte Empörung die Warenmarke derjenigen ist, die dem Betrieb eine neue Idee zuführen wollen. Der gestrige Versuch einer aalglatten Selbstbeweihräucherung der schön Erfolgreichen und leidlich Schönen blieb ohne jede Empörung (die Mini-Empörung um Frei.Wild hatte sich schon recht bald erledigt, weit vor gestern 20.15h) und ohne jede neue Idee. Anstatt Ideen übt man sich in Star-Recycling, Einspieler-Werbefilmchen, und Höhnerscher Feier- und Frohsinn-Kotzerei. Immergleich stays Immergleich.


Der Witz des ECHOs ist ein anderer, wenn auch kein guter. Ein Preis, der auf der Basis der Beliebtheit bei denjenigen vergeben wird, die in jeder Umfrage wieder bezeugen, wie ekelhaft sie als Kollektiv sind, die Deutschen, ist keine Auszeichnung, sondern eine Beleidigung. Robbie Williams’ Reaktion auf seinen Echo, ungespielte Langeweile, wird so zur einzig richtigen. Die Sache mit dem Eigenlob kriegt er, auch kein Wunder, wesentlich besser hin als BAP-Niedecken.


Und sonst so: Frida Gold versucht die 90er wiederzubeleben mit einer grausamen Cover-Version eines grausamen Liedes, dessen grausamen Namen ich zum Glück schon wieder vergessen hatte, Cascada zeigt Dance-Pop zum Gähnen. Selbst das zweite Highlight, Emili Sandé, muss mit einem »Naja« vermerkt werden. Das glorreiche Ende ist der ECHO fürs Lebenswerk (national) für Hannes Wader, garniert mit einer Meyschen Gutmenschenlitanei, die man bis zum Moment, an dem sich Wader mehr davon wünscht, fast unverdient finden möchte. Auch Wader verzichtet dann auf eine neue Idee (Die Internationale, Der heimliche Aufmarsch, ich hätte fast alles mit Kusshand genommen) und trällert seinen Kosens-Hit »Heute hier, morgen dort«. Ein beeindruckendes Beispiel dafür, dass zwar tatsächlich »nichts bleibt, wie es war« – es allerdings auch nicht besser wird. Auch und gerade nicht mit den Toten Hosen. Ende. Nicht ohne ein weiteres Mal »An Tagen wie diesen« ertragen zu müssen. Tagesthemen. Snafu.

It’s so Berghain.

Mittwoch, Januar 23rd, 2013

Alle so friendly, ich könnt’ kotzen. Die Hymne für alle, die nach 10 Stunden in der Schlange abgewiesen wurden. Oder Leute mit Humor.

Lektion Techno betreffend.

Freitag, Januar 11th, 2013

Wie geht Techno? Keine Ahnung. Irgendwas mit Drum, Kick, Acid, Weltuntergang. Wem das nicht reicht, die kann ja folgendes Video gucken. In dem wird in 1,5 Minuten erklärt, wie Techno geht. Auf ’ne Art. Der zugehörige Film heißt Vibrations und kann, yay Interwebs, auf YouTube in voller Länge geguckt werden.

Das ist etwas, woran man sich halten kann.

Sonntag, Dezember 9th, 2012

»Musikalisch ausgereift, versiert und experimentierfreudig, textlich so klar und deutlich wie selten: gegen dich, deine Freunde und alle anderen sowieso. Und das alles ohne ausfallend oder stumpf zu werden – die selbsternannte Szenepolizei ist auf dem Gipfel angekommen und pöbelt fröhlich herunter.« Soweit der Promotext. Promotexte neigen zur Übertreibung und dahergelaufene Blogger, die auf einmal Rezensionen schreiben, dazu, Platten zu rezensieren, die sie richtig geil finden.

Eines von beidem stimmt auch hier. Erstmal die Fakten: Die Kaput Krauts gibt es seit 2003, sie erfüllen das Klischee der Klischeefreiheit und Straße Kreuzung Hochhaus Antenne ist das beste Punkalbum seit einiger Zeit. Bei Punk, der nicht auf den Kopf gefallen ist und selbst beim Lesen der Texte noch Überraschungen bereithält, neigt man dazu etwas von …But Alive zu schreiben. Zurecht. Deswegen sei das hiermit getan: Die Kaput Krauts stehen gleich neben …But Alive auf dem Bierkasten meiner Lieblingspunkbands. Oder kurz: Verdammt, der Promotext hat recht.

Straße Kreuzung Hochhaus Antenne ist klug. Und eine Platte mit dem Besten der Punkmusik in wirksame aber nicht peinliche Dosen verpackt. Filmzitate, Rappart, Gitarrenriffs, Sing Sang. Und viel Wut. Music for the riot hour. Anhören.

Straße Kreuzung Hochhaus Antenne ist bei Twisted Chords erschienen | 12″ kaufen (inklusive Download-Code) | CD kaufen

Zuckungen.

Samstag, Dezember 1st, 2012

Ich hab lange keine Musikvideos mehr geguckt. Ich wusste ja aber auch nicht, dass die visuelle Pointierung der Musik noch spannend sein kann. Den Tremor der Popmusik begleitete lange Zeit (oder tut es immer noch, keine Ahnung, s. 1. Satz) eine Videokultur, die in Geschwindigkeit dem Tremor der restlichen kulturell-industriellen Verblödungsmaschine in nichts nachsteht, was auch eine Aufmerksamkeitsspanne von maximal 30 Sekunden, Werbelänge eben, einschloss. Fernab allen Pomps versucht sich FaltyDL in seiner ganz eigenen Interpretation der popkulturellen Zuckungen. Und das ist, ohne zu übertreiben, aber auch ohne Ahnung zu haben, das beste Musikvideo des Jahres:

The medium is the medium.

Dienstag, Oktober 30th, 2012

Es sieht zugegebenermaßen gut aus, einen Schrank voller Platten im Zimmer stehen zu haben. Platten sind in dem Falle das musikalische Äquivalent des Buches. Unübersehbare Manifestation des eigenen Geschmacks. Es sieht nicht gut aus, eine Festplatten voller Audiodateien im Zimmer stehen zu haben. Audiodateien sind in dem Falle das Äquivalent zum E-Reader. Auch sie können Manifestation von Geschmack sein – man sieht ihn nur nicht. Durch eine Liste von Dateien zu scrollen ist ungefähr so spannend, wie dem Verfaulen einer trockenen Nudel beizuwohnen. MP3s haben keine haptisch fassbaren Cover. Platten schon. Platten sind geil. Sind sie?

Vor allem sind Platten schwer und vergänglich. Verdammt schwer. Nicht so verdammt vergänglich, aber die kaputte Rille der Lieblingsplatte ist allen ein Begriff, die mit Platten umgehen. Trotzdem halten sich die Liebhaber_innen mit einigem Eifer an ihrem Medium fest, kolportieren Gerüchte, werden in manchen Fällen leider komplett verrückt darüber. Um das hier kurz festzuhalten: Die, die über ihrem Platten-Fantum verrückt werden, sagen nichts gegen oder über das Medium aus. Kaffee wird auch nicht besser, weil irgendwelche Trottel Glaubenskriege über die richtige Herstellungsweise führen. Um die Verrückten soll es mir aber auch gar nicht gehen. Es soll über – oder vielmehr: gegen – das Gerücht gehen, dass das Medium die Nachricht ist. Wobei das abstrakt und für sich genommen sogar stimmt.

Die Frage, die sich also vorher noch gestellt werden muss, ist, welche Nachrichten ein Medium senden kann und welche nicht und, daran anschließend, ob wirklich diese Nachrichten beabsichtigt sein sollten, wenn man wieder einmal »The medium is the message« sagt. Am konkreten Beispiel Vinyl kann die Nachricht zum Beispiel sein, dass man sich schon seit Jahren Musik kauft, distinguiert auf dem Turm über dem Haifischbecken Populärkultur steht, oder sich in einer kulturellen Tradition sieht. Die 12“ ist vermutlich das eingängigste und immer noch gegenwärtigste Symbol – okay, neben Pillen – von Techno als Kultur. Über diesen Zusammenhang wurde schon genug geschrieben, auch von Menschen, die sich damit wesentlich besser auskennen, als ich. Was aber schon klar wird: Keiner der wenigstens halbwegs offensichtlichen Nachrichten des Vinyls hat etwas mit der Musik als solches zu tun. Wenn man bezogen auf die Musik sagt »The medium is the message«, dann wechselt man fröhlich den Gegenstand.

Wenn man Musik aneinanderreiht und das auch noch öffentlich tut, muss man sich mit allerlei Unwägbarkeiten rumschlagen. Kaputte Technik, nervige Gäste, zu wenig Getränke, komische Veranstalter_innen. Das alles macht nichts! Man macht es ja gerne. Man liebt die Musik. Umso nerviger, wenn es dann nicht um die Musik geht, sondern man sich für die Methode rechtfertigen muss, mit der man auflegt. Das Auflegen mit Laptop und Controller steht unter dem Verdacht, von der Fähigkeit zum Auflegen meilenweit entfernt zu sein. Warum eigentlich? Weil das Programm einer erspart, die halbe Zeit damit zu verplempern, die nächste Platte auf Geschwindigkeit zu bringen? Weil einer ein Programm wie Traktor durch Loops oder die Möglichkeit die A1 und A2 einer Platte, die dann selbstverständlich keine Platte mehr ist, nacheinander zu spielen, Felder der Kreativität geöffnet werden, die mit zwei Plattenspielern höchstens ein feuchter Traum waren? Sicher. Man kann sich in den technischen Möglichkeiten verlieren und zigmiarden Effekte auf tausende Samples treffen lassen. Aber das ist nur ein mögliches Problem des Mediums, kein notwendiges. Man kann es genauso gut lassen. Platten klingen nicht mal besser. Sie klingen höchstens anders. Und in einer Welt, in der sich die Menschen Musik von YouTube rippen (es soll sogar Leute geben, die mit YouTube-Rips auflegen), klingt das irgendwie egal. 99% der Musikkonsument_innen werden den Unterschied erst erkennen, wenn die Platte springt, oder sie dann plötzlich eine gute Anlage vor sich haben und sich wundern, warum der YouTube-Rip scheiße klingt. Zuhause war doch noch alles gut. Falls sich jetzt jemand fragt, warum das so ist: Das Problem liegt um die 128kbps und ist die Soundqualität, in der YouTube abspielt.

Von Seiten der Vinyl-Fanatiker_innen kriegt man weiterhin zu hören, dass man sich über das Gewicht der Platten nicht beschweren solle, schließlich kriegt man ja Geld dafür, im Club zu spielen und dann kann man doch ein wenig Arbeit auf sich nehmen. Mag sein. Aber nur, wenn man das Geld fürs Plattenschleppen kriegen würde. Dann soll sich aber auch bitte nicht beschwert werden, wenn die angestellten Schlepper_innen die Tasche hinter dem Pult abstellen und sich dann betrinken gehen. Übrigens: Das »bisschen Arbeit« ist schon zu einigen Stunden Arbeit geworden, bevor man sich überhaupt auf den Weg zum Club macht. Musik kaufen, Musik hören, sich einen ungefähren Plan ausdenken, wie man was spielen will, Plan wieder verwerfen, Musik von vorne hören, noch eine kleine künstlerische Krise, neuer Plan. Nur damit dann vor Ort doch alles anders ist. Aber man liebt ja die Musik.

Und wo wir gerade bei Liebe sind. Fernab aller Medien: Die wichtigste Voraussetzung, um Musik ineinander zu mischen, ist und bleibt, sich mit Musik zu beschäftigen. Es spielt dabei überhaupt keine Rolle, ob man »Ahnung von Musik« hat. Diese Ahnung ist nichts, als Standesdünkel jener, die die Musik durch Begriffe ersetzt haben. Das Beharren auf der Überlegenheit des Vinyls wiederum muss sich dem Vorwurf stellen, Standesdünkel jener zu sein, die die Musik durch Medien ersetzt haben. An diesem Punkt kann die Verteidigung der Platte nur noch mit einem »Ja, aber« aufwarten. Die Musik ist gut, aber. (Im Falle als schlecht empfundener Musik gerne durch ein gehässiges »Ha! Die Musik ist scheiße, Laptop-DJ« ersetzt.) Dieser Elitismus wirkt besonders komisch, wenn er in einer (Sub)kultur geäußert wird, die – damals, als die Pillen noch gut waren – angetreten ist, die Unterschiede zwischen den Menschen, auch zwischen Publikum und DJ, aufzuheben in kollektive Ekstase und Egalität. Für die Unmöglichkeit dieses Projekts, wenn der Inhalt sich auf BummBumm, Bumsen und Pillen beschränkt, kann man ihn natürlich auch bezeichnend finden.

Warum bitte sollte das Vermitteln von Musik das Hobby oder gar der Job jener sein, die es sich leisten – oder irgendwie von den Rippen absparen – können, mit einem bestimmten Medium auflegen zu können? Dass es auch im Bereich der elektronischen Tanzmusik nicht gelungen ist, die allgegenwärtige Konkurrenz im Hamsterrad aufzuheben, rächt sich im Zeitalter der endgültigen technischen Reproduzierbarkeit eines jeden Werkes. Die Demokratisierung der Produktionsmittel kann in der Logik der Konkurrenz nur als Angriff auf das Etablierte erscheinen. Das vernünftige Projekt wäre kein Dogmatismus, sondern das Einsehen in Nach- und Vorteile aller Medien. Wie diese zu gewichten sind, bleibt Sache der Einzelnen.

Dass die Demokratisierung einen Haufen Scheiße an die Öffentlichkeit spült, ist auch nicht mehr oder weniger als die Aufhebung tradierter Formen der Öffentlichkeit. Ich gehe jede Wette ein, dass der Geschmack der Mehrheit in den Anfangstagen des Technos ebenso beschissen war, wie der Geschmack der Mehrheit, der auf Soundcloud & Co veröffentlichen Werke. Die Tragik der Popularisierung trifft Techno im weiteren Sinne nicht als erstes und hat ihn auch nicht als letztes getroffen. Die allgemeine Verfügbarkeit von Pinseln und Blättern schaffte keine Millionen Picassos und die Verfügbarkeit von Photoshop keine Millionen Graphikdesigner_innen. Genauso wenig schafft die allgemeine Verfügbarkeit von Traktor oder Serato und der zugehörigen Musik für lau auf unzähligen Blogs Millionen guter DJs.

So droht die prinzipiell begrüßenswerte Destruktion bestehender Zugangshierachien allerortens an der Ahnungslosigkeit der Mehrheit zu scheitern. Es ist zum Verzweifeln. Nicht nur, aber auch, weil man eigentlich nur Musik hören wollte. The medium is a message, so wie das Sprechen darüber eine ist. Ein Medium ist aber vor allem eines: Medium.

Kleiner Bushido.

Mittwoch, Oktober 10th, 2012

Im JUNI-Magazin für Kultur und Politik schrieb Sascha Verlan vor einigen Jahren über die damals noch recht frische »Gangster«-Rap-Bewegung in Deutschland: »Sie [Aggro Berlin etc.; Anm. RnR] bedienen die Klischees, um davon finanziell zu profitieren, nicht um sie zu brechen, wie es gute HipHop-Tradition wäre. Nein, hier geht es niemandem um HipHop oder gar darum, die Verhältnisse zu ändern. Es geht schlicht um Publicity, es geht um Öffentlichkeit und es geht um Verkaufszahlen.« Die jungen Rapper und ein paar wenige Rapperinnen kamen aus einem Ghetto, das sie selber erschufen, sie »verwechselten Härte mit Gewalt, Authentizität mit schlechten Lebensverhältnissen« (Verlan).

So geht das mit Bushido seit ungefähr unzähligen Alben und Singles, Möchtegernskandalen und Preisen. Wo die Beats früher noch aus purer Not schlecht waren, sind sie es heute aus der puren Gefälligkeit, die Popmusik auszeichnet, die schon immer nicht auf die Verkaufszahlen schielt, sondern diese fest im Blick hat. Das hat natürlich nichts mehr mit dem mysteriösen Bordstein zu tun, von dem er sich mal verabschiedete, um – Authenzität oder was auch immer sei gelobt – zwei Alben später wieder zu ihm zurückzukehren. Es spricht zwar nichts dagegen, ein Album in einer limitierten Edition für 39,90€ zu verscherbeln, es spricht aber auch nicht sonderlich viel dafür. Es spricht auch nichts dagegen, 10 Jahre den gleichen Aufguss schlechter Raps zu verkaufen, nur auch wieder nicht sonderlich viel dafür. An dieser Stelle sei fairerweise erwähnt: Es spricht auch nichts dafür, den gleichen Aufguss schlechter Raps immer wieder zu kaufen.

Wenn Bushido es schon nicht lassen kann, von Authentizität zu schwafeln und eine Marke zu verkaufen, dann wäre es vielleicht an der Zeit, seine Authentizität zu erneuern und vom harten Leben mit dem Aushandeln von Plattenverträgen zu erzählen. Blöd nur, dass das nun wirklich niemanden mehr interessiert. Dann halt wieder die immergleiche Melange aus Punchlines hart wie Butter nach einer Stunde in der Sonne und schlecht inszenierter Gewalt. Ein kleines bisschen Aufschrei im Feuilleton ist sicher wieder drin. Film ab.

Tu’ ma’ lieber die Mörchen?

Dienstag, Oktober 2nd, 2012

Ein großer Wurf! Gestern wurde bekannt, dass die ehemaligen Betreiber_innen der Bar25 (heute gegenüber im Kater Holzig involviert) mit ihrer »Holzmarkgenossenschaft plus eG« das Höchstgebot für das Gelände der ehemaligen Bar25 vorgelegt haben und damit in der Lage sind, Eigentümer_innen dieses Streifens Land zu werden (auch, wenn die offizielle Entscheidung der BSR erst am 17. Oktober verkündet werden wird). Das ist insofern besonders, weil damit an der Spree nicht das zigste Gebäude mit Wachschutz und Zaun gebaut wird. Die eG plant ein Dorf mit Park, Kidzklub und Imweiterensinnegewerberaum, Details sind der Seite der eG zu entnehmen. So weit, so ganz sympathisch. Unter den richtigen Vorzeichen, könnte das sogar ein Projekt sein, dass die in diesem Blog schreibenden Dauernörgler zufriedenstellen würde. Im Folgenden soll aber genörgelt und nicht zuletzt gezeigt werden, dass die Übernahme des Geländes nicht mal versucht, der kapitalistischen Dynamik eine Bremse in den Weg zu legen.

Die Artikel der Holzmarkt Genossenschaft offenbaren es schon, die, die da angetreten sind, sind auf einem Werbefeldzug für ein Berlin, dass sich nicht über große Unternehmen, sondern über Dynamik, Start Up, Fail Down und Jutebeutel als allgegenwärtige Werbefläche definieren möchte. Man propagiert Nachhaltigkeit, Synergieeffekte, bietet 24h Kinderbetreuung für Eltern kurz vor der Deadline, man achtet die Identität des Geländes, um sie nicht mit Glasbauten zuzustellen. Neubauten gelten für die Kritik der modernen Stadt gerne als seelen- oder kontextlose Gebilde, die sich in das gewachsene Konglomerat der bestehenden Stadt einfressen. Das ist selbstverständlich eine romantisierende Vorstellung der Stadt – in deutschen Großstädten dank der alliierten Umbaumaßnahmen während des Zweiten Weltkrieges besonders signifikant. Was heute als Stadt zu sehen ist, ist immer das Projekt von Brüchen und Konstanz, von Brand und Ausbau, Verfall und Kernsanierung. Ob die eine Seite der anderen vorzuziehen sei, ist wohl eine Frage, die sich nur geschmäcklerisch, also gar nicht, beantworten lässt.

Sicher ist aber, dass der Plan »Holzmarkt plus« kein Gegenmodell zu einer kapitalgetriebenen Bebauung öffentlicher Flächen ist, sondern nichts weniger als die zeitgemäße Umsetzung dieser Bebauung. In einer Stadt, deren maßgebliches Potential keine Industrie ist, sondern die Fähigkeit der Bewohner_innen als BeamtIn oder Lebenskünstler_in zu überleben, durch hippe Stadtteile und Clubs Tourist_innen anzulocken, ist es zwar nur folgerichtig, dass diese auch Kaufkraft auf sich vereinen, was auf der einen Seite (Politik, Wirtschaft) gerne nicht gesehen wird, auf der anderen aber auch kein Lob für die ist, die die Kaufkraft auf sich vereinen. Letzten Endes ist der Bebauungsplan »Holzmarkt plus« das längst hinfällige Symbol einer Individualisierung der Konkurrenz, in der nicht mehr die Belegschaft von Toyota versucht, die von Opel niederzukonkurrieren, sondern jede_r selber gucken muss, dass der Auftrag nicht an den Typen geht, der im Café neben einer sitzt.

Bei der immer noch existierenden kapitalistischen Totalität ist es kein Wunder, dass auch die Holzmarkt plus eG nicht weniger ist, als Akteurin in einer Dynamik, die derzeit die Lebenshaltungskosten in den zentralen Berliner Bezirken signifikant steigen lässt. Die Sprache der eG lässt, wie bereits erwähnt schließen, dass sie sich dieser Rolle vollends bewusst ist, von einer kritischen Reflektion ist bis dato allerdings nichts zu spüren. Von den Betroffenen einer so entstehenden Verdrängung, man könnte es Gentrifzierung nennen, wäre der Begriff nicht mittlerweile so inhaltsleer wie die durchschnittliche Besucher_in der Bar25 am Montagmorgen, ist auch niemandem geholfen, wenn die kreative Bohème ein volksoffenes Vorzeigeprojekt an der Spree ihr Eigen nennt. Man sollte in der Freude wenigstens anerkennen, dass das, was dort an der Spree passiert ist, nicht weniger ist als Lobbypolitik – gepaart mit einer Prise Recht des Stärkeren. Den Verdrängten kann es auch scheißegal sein, ob die Holzmarkt eG »die Narbe zwischen Ost und West« kaschieren kann, sie vom Spaziergang an der Spree abgehalten werden, oder eben nicht. Die Verdrängten werden nicht mehr da sein, wenn sie Vorzüge oder Nachteile einer so oder so gelagerten Bebauung aushalten müssten.

Man sollte dabei nicht den Fehler begehen und die Verdrängungsdynamiken auf die Schultern einzelner Personen oder Zusammenschlüsse laden – diese stehen den Dynamiken letztendlich so ohnmächtig gegenüber wie jede_r andere Akteur_in auch. Man sollte aber auch nicht den Fehler begehen, aus der Ohnmächtigkeit einzelner eine Ohnmächtigkeit aller abzuleiten. Gerade ein Projekt, dass sich vermeintlich für ein solidarisches Miteinander einsetzt, hat immer die Möglichkeit sich der ihm eigenen Öffentlichkeit zu bedienen, gerade wenn es eine so massive ist, wie in diesem Fall. Es wäre mehr als ein feiner Zug, wenn diese Möglichkeit nicht nur dafür genutzt würde, Wunschvorstellungen der eigenen Peer-Group zu manifestieren. Damit wird man die Probleme dieser Erde nicht lösen können, aber man kann ein Bewusstsein dafür schaffen, dass diese gelöst werden müssen. Auch wenn diese Lösung sicherlich nicht so einfach und erfolgsversprechend ist, wie das Lösen von Radmuttern an Polizei(angestellten)fahrzeugen.

Paaaaaaaaaaaaank! Fakten ohne Anspruch auf Authenzität.

Montag, Juli 9th, 2012

Über Musik schreiben geht nicht. Soweit, so klar. Zum Glück gehört es zu den Basisbanalitäten jeder Subkultur, dass sie jeweils mehr sei als nur Musik. Ein »Way Of Life«. Mehr als Nieten und Sterni. Auch was mit Politik und Zugehörigkeit. Der da drüben ist schon ewig dabei. Deswegen darf er auch keinen Punk mehr hören und Rotwein trinken, aber trotzdem Punk sein. Die da hingegen ist noch nicht so lange dabei. Sie hört Punk freiwillig und findet, dass Rotwein dieses eine Wort mit intel sei. Wie im Computer, nur anders.

Auch ich habe mal was mit Punk gemacht. Ich nenne es heute teilnehmende Beobachtung. Ich bin dabei gewesen. Leider habe ich alles Wichtige verpasst. West-Berlin, Schleimkeim, Chaos-Tage, Slime, Chaos Z, Hafen & Mainzer Straße, diese eine Startbahn. Selbst der zeitgenössische »goldene Herbst«, die Verhinderung mit allem Möglichen eines Naziaufmarschs im beschaulichen Göttingen, immerhin 2005 und damit durchaus erlebbar, ging an mir vorüber. Auch der G8 2007. Ich war zwar da, aber in der falschen Demonstration. Am Hafenbecken musste ich mich dann zurückhalten. Meine Mutter stand schließlich neben mir.

Dafür habe ich bei meiner ersten antifaschistischen Tätigkeit den Palast der Republik gestürmt. Nicht, dass ich gewusst hätte, was das sein soll. Wir mussten auch relativ bald wieder gehen, weil wegen Polizei, aber das sind unwichtige Details. Nebenbei wurde ein Naziaufmarsch verhindert, aber das war in Berlin – ohne brennende Blockaden und Geschichten, die man bei Fahnenfeuer und Dosenbier zum Besten geben kann.

Brennende Blockaden habe ich bis heute nicht gesehen. Einmal eine rauchende und einmal eine aus einem einzigen Mülleimer. Das zählt nicht. Ich habe auch nur einmal Dosenbier getrunken, das aber war auf einem Indiefestival, kein Faxe und zählt deswegen auch nicht. Kurzum, für mich war Punk eigentlich immer nur Musik. Das mit der Lebenseinstellung überließ ich meinen Freunden. Schon nach kurzer Zeit meiner teilnehmenden Beobachtung war mir klar, dass ich mich vollkommen auf sie verlassen kann.

Punk ist nicht lieb. Das sind immer die anderen. Meistens Hippies. Es gibt im Punk zwar Liebeslieder, die sind aber entweder Hochnot peinlich, oder es geht um Bier. Meistens beides. Punks sind auch nicht lieb, oder besser: Sie sind es nur hinter verschlossenen Tür. Nach einem halben Kasten Bier fällt das Stehen nicht unbedingt leichter. Ein gekonnter Punkplattenalleinunterhalter erkennt diesen Moment und schafft Abhilfe durch das Spielen einiger Klassiker. Schon nach wenigen Takten dieser Platten liegen sich alle in den Armen. Die Texte der Lieder in den nächsten drei Stunden muss man auswendig kennen. Die generell unkomplizierte Weise, in der Punklieder aufgebaut sind, erleichtert das ungemein. »Haut die Bullen platt wie Stullen, haut ihnen ins Gesicht« oder »Polizei, SA, SS, GSG-9 und BGS« kann man sich auch merken, wenn gehen nur noch in gemeinsamer Kraftanstrengung möglich scheint.

Es gibt natürlich auch Punk, der komplizierter ist. Unter echten Punks aber gerät dieser schnell in Verdacht so genannter »Abiturientenpunk« zu sein. Es gibt zwar auch in dieser Subkultur ein Abitur. Dieses hat aber mit – Überraschung – Dosenbier und Bordstein zu tun. Es firmiert unter dem Namen »Bahnhofsabitur«. Die genauen Abläufe sind geheim und genau genommen will man sie auch nicht kennen. Die Vorteile einer bestandenen Abiturprüfung kenne ich nicht. Ich bin gar nicht erst angetreten. Prüfungsangst.

Was es im Punk auch gibt, ist eine heilige Dreifaltigkeit. 3 Akkorde, 3 Menschen, 3 Minuten. Soviel braucht es für einen vernünftigen Punksong. So erklärt es sich auch, dass Punks ihre Platten mit A1-8 beschriften können, wo man bei manchen Technoproduktionen aufpassen muss, dass der Platz überhaupt für A1 reicht. Ich war auch mal Mitglied einer Punkband. Auch wir waren zu dritt. Ein Freund von mir am Schlagzeug und irgendein Jungpunk, von dem ich zugegebenermaßen vergessen haben, warum wir ihn überhaupt kannten, am Bass, ich habe gesungen. Einen Gitarristen haben wir nie gefunden. Wie die meisten Vorhaben meines Freunds und mir haben wir das Projekt relativ bald eingestellt. Ohne Namen, wir dachten kurz über Notausgang nach, aber mit zwei Liedern, die nie gehört wurden. Worum es ging, habe ich auch vergessen. Vermutlich um Pils und Polizistenhass.

Punk wird oft auf Pils und Polizistenhass reduziert. Das ist so wahr, wie es falsch ist. Man kann dem Punk als Kultur zugute halten, dass in ihm das politische präsenter ist, als anderswo. Zwar klappt es auch bei der Umsetzung des alten Leitspruchs »Das Private ist politisch« nicht immer die Theorie in die Praxis umzusetzen. Allerdings ist Politik hier mehr als Subtext. Wenn auch die Substanz zuweilen fehlt. Die, die am System gescheitert sind, wollen nicht mitspielen. Sie wollen rebellieren. Im besten Fall entwickelt sich aus dem Bauchgefühl der Verweigerung eine Perspektive der Überwindung. Besoffen Polizisten bepöbeln, Nazis jagen und das hassenswerte mit voller Inbrunst hassen ist dafür nicht der schlechteste Weg.

A little destruction.

Mittwoch, Juni 13th, 2012

Ich entschuldige mich für das vielseitige Schweigen und melde mich einem Knall zurück. In Zeitlupe. Die Diskussion, ob Krise nun von Überproduktion oder Unterproduktion oder Übernachfrage oder Unterklugheit oder der unsichtbaren Hands des Marktes zu verschulden ist, wird hier nicht geführt. Das alles hin oder her ist die Zerstörung von Dingen ein tolles Hobby. Ein Schelm, wer, besonders nach diesem eingeschobenen Schelmverweis, an das Entfernen von Fahnen denkt. Hier geht es nicht um Politik. Hier geht es um Zerstörung in Zeitlupe. Weil Service bei uns schon immer Teil des Redaktionskonzeptes war, wird als Hintergrundmusik Lelehudah von AUN empfohlen und der ganzheitlichen Tiefenentspannung steht nichts im Weg.