Archive for the ‘Auf die Fresse’ Category

Russland. Gestern, heute, morgen.

Mittwoch, August 7th, 2013

Back in the days, als Stalin noch Bundeskanzler war, CD Seife und Video Latein, war die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben. Immerhin hatte Stalin der Hitlerei ein Ende gesetzt und die deutsche Linke schon immer ein Standbein in der Vergötterung projektiver Fremdbezogenheit.

In Wahrheit nämlich war schon damals alles, gelinde gesagt, scheiße. Die revolutionären Hoffnungen, die in die Novemberrevolution gelegt wurden, enttäuscht von einem Apparat aus Mord und Klüngelei, die Gesellschaft der »freien und gleichen«, die Marx und Engels erhofften, nie geworden.Der Apparat richtete sich ein und die Charaktermasken der Herrschaft wurden wieder getragen – in sowjetrotem Anstrich.

Dieses traurige Scheitern mag unvermeidbar gewesen sein. Um das zu sagen, müsste man Geschichte aber wenigstens von Zeit zu Zeit als determiniertes Handlungskonzept sehen, welche sie nur ist, wenn alle sie so sehen. Und sich über den Weg einig sind. Über den Weg sind sich aber nie alle einig, und so ist der Weg der Geschichte nie gegeben, muss immer gemacht werden. Das ist damals geschehen, von den Bolschewiki, von reaktionären Kräften, nur von der wirklichen Bewegung, Marx, die den jetzigen Zustand aufhebt, keine wirkliche Spur. Das geschieht auch heute, die reaktionäre Internationale ist nicht wesentlich untätiger als in den vergangenen Jahren, sie hat sich nur einiges mehr einverleibt. Die Grünen zum Beispiel, aber die sind ausnahmsweise nicht Thema.

Die reaktionäre Nationale in Russland bläst in den vergangenen Monaten zum Frontalangriff und irgendwie gucken alle nur zu. Angesichts der wirtschaftlichen Abhängigkeit weiter Teile Europas von russischem Öl und der geopolitischen Machtposition, die das Land immer noch hat, ist auch nicht wirklich anderes zu erwarten. Aber der Reihe nach – diese stellt bekanntlich das Problem vor die Intervention.

Die Duma, das russische Parlament, verabschiedete vor kurzem ein Gesetz, das sich gegen »Homosexuellen-Propaganda« wendet. Soll sein? Im Grunde alles, was Homosexuelle nicht sofort und ohne Umwege in die Hölle oder wenigstens mit gebrochener Nase in die Gosse befördern möchte. Das mag ein wenig zugespitzt formuliert sein, entbehrt aber traurigerweise keineswegs der Wahrheit. Es ist eine heilige Allianz aus Bullen, orthodoxen Gläubigen, Neonazis und der ressentimentgetränkten Normalbürgerin, die durch das Gesetz ins Recht gesetzt wird, und sich in diesem Recht wohl genug fühlt, auf offener Straße gegen Schwule, Lesben und Transsexuelle vorzugehen. Wer kotzen möchte, findet Videos und Beschreibungen solcher Übergriffe in anderen Ecken des Internets. Aber wer will das schon. Unter dem Vorwand, Kinder vor Perversionen zu schützen, findet diese Hetzjagd statt. Wieder einmal. Die Familie muss erhalten werden, das zukünftige Staatsvolk gezüchtet. Und das nicht nur in Russland.

In Deutschland sagte das jüngst eine gewisse Erika Steinbach, ihres Zeichens Vorsitzende des Vollidiotinnenvereins für die deutsche Osterweiterung, in Frankreich rief die geplante Legalisierung der Ehe für fast alle, für Monate Tausende auf die Straße, in den USA ruft nicht nur die Westboro Baptist Church »God hates fags«.

Um auch auf Lenin zurückzugreifen: Was tun? Die naheliegendste wie verführerischste Option, Resignation, ist nicht von der Hand zu weisen. Tilda Swinton, ihres Zeichens Schauspielerin, stellte sich mit Regenbogenfahne auf den Roten Platz. Stephen Fry, ebenso Schauspieler, verglich Vladimir Putin mit Dobby, dem Hauself aus Harry Potter, und gab den Ratschlag, ihn einfach nicht ernstzunehmen. Fast so verführerisch wie Resignation!

Angesichts der Tatsache aber, dass Putin eben kein Hauself mit Persönlichkeitsschaden ist, sondern Machthaber einer Nation mit Polizei, Geheimdienst, Militär und Kirche, auch gefährlich. Es ist eben nicht putzig oder gar bemitleidenswert, was geschieht. Es ist abstoßend und ekelhaft. Putin ist nicht Dobby, er ist ein Arschloch. Das Bitterernste durch lachen zu demaskieren, läuft außerdem akut Gefahr, sich selber lächerlich zu machen. Thälmanns Ausspruch, dass man einen Finger brechen kann, fünf aber eine Faust sind, lässt sich auf Witze nicht übertragen. Fünf Witze sind einfach nur fünf Witze – und beim derzeitigen Stand des Humors sind vermutlich vier davon schlecht.

Es wäre angemessener sich des Idealismus zu entledigen, der die Menschheit doch ganz töfte scheinen lässt, als immer wieder auf jene Masche zu setzen, die unsympathische Menschen entmenschlichen will. Als wäre es nicht genau das, was diese mit ihren Kontrahentinnen tun. Zugegebenermaßen: Die Vorstellung Putin und Konsorten irgendwann in einem Lesekreis in Sibirien oder einer Fischmehlfabrik in Bremerhaven zu sehen, wird dadurch nicht weniger verlockend. Wir alle wissen aber auch, dass nur Menschen lesen können.

Zurück zu Putin: Übrigens ein Arschloch, das noch über die eine oder andere Bewunderin außerhalb organisierter Schlägerinnenbanden verfügt. Als er neulich seine neue Staatskarosse (Verbrauch: Bis zu 65 Liter auf 100 Kilometer) ablehnte, wurde flugs ein Designwettbewerb für eine neue gestartet. Jüngst wurde das Siegermodell gekürt, eine innovationslose Protzlimousine namens »President«.

Und die gute Nachricht? Das schöne Ende? Hoffnung? Klingt verrückt, aber ich hätte da was. So, wie Sowjetrussland die Hoffnung auf Emanzipation und gutes Leben einst enttäuschte, wäre es doch nur allzu richtig, wenn der reaktionäre Bullshit heutiger Tage im Laufe der nächsten Monate umschlägt und hunderte weinende Arschlöcher auf der Straße hinterlässt. Ihre Hoffnungen im Zug nach Sibirien verfrachtet, ihre Führer weg, die vormaligen Kolleginnen nun Lokomitvführerinnen jener wirklichen Bewegung, die den jetzigen Zustand aufhebt. Man wird ja wohl noch träumen dürfen. Und wenn das nicht klappt, muss Plan B her: Die Rote Einhorn Armee.

(Dieser Text war im Original ein Redebeitrag auf der Veranstaltung Theorie & Liebe: Russland. Theorie & Liebe ist eine alle zwei Wochen auf dem Wagenplatz Pink&Brainy stattfindende Lesereihe zu allem Möglichen.) 

Woopdidoo!

Freitag, April 26th, 2013

Einige haben’s vielleicht mitbekommen: Die USA hadern nach wie vor ein klein wenig damit, sich ihren zweiten Verfassungszusatz – das Recht, sich bis an die Zähne zu bewaffnen – einschränken zu lassen. Denn: Dann kommt der Faschismus. Oder Sozialismus. Was aber eigentlich das Gleiche ist. Logik? Iwo, man hat Fox News. John Oliver hat sich für die Daily Show mal angeguckt, wie Australien schärfere Kontrollen für Waffen durchgesetzt hat und welche Auswirkungen das hatte. Nicht ohne mit Waffenfreunden in den USA drüber zu reden. Große Unterhaltung.

 

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Dann mach doch den Kopf zu!

Freitag, Februar 1st, 2013

Es ist zum Kotzen. In einer Welt, in der der Stern plötzlich als Leitmedium des Antisexismus’ erscheint und man sich bei Stern TV nicht über den Einspieler sondern über die Feministin mit dem schönen Namen von Horst, die im Brustton der nicht durchdachten Überzeugung verkündet, dass Frauen kein übergriffiges Verhalten an den Tag legen könnten, aufregt, hilft selbst der vollste Kühlschrank nicht, den Magen genügend zu füllen. Meiner ist leer.

Deswegen, nur zur Klarstellung: Natürlich ist der Stern nicht das antisexistische Leitmedium der Postpostpostmoderne und natürlich hat Frau von Horst Unrecht. Unrecht, gutes Thema. Wo Recht zu Unrecht wird, so hieß es, wird Widerstand zur Pflicht. Wenn Dummheit zur Gewohnheit wird, so heißt es: Willkommen in der Realität. Es überrascht deswegen kaum, dass auch viele Kommentare zum #Aufschrei, der gerade durch deutsche Medien geht, dumm wie Brot sind und fragmentarisch wie ebenjenes in geschnitten. Den großen Zusammenhang »Gesellschaft« halluziniert man höchstens noch herbei, ohne größere Anstrengungen zu unternehmen, ihn zu fassen. Manchmal erspart man sich selbst die Halluzination der Gesellschaft um sich ein wenig gutes Leben unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zu gönnen.

So zum Beispiel Birgit Kelle, ihres Zeichens Christin und Antifeministin, denn es gibt ja Gleichstellungsgesetze – und wie wir alle wissen, reicht eine Vorschrift. Deswegen gibt es in den USA keinen Rassismus mehr und nach dem Ende des Dritten Reiches waren in Deutschland alle Nazis verschwunden. Stimmt gar nicht? Sagt das lieber Frau Keller. Diese jedenfalls hat zum Aufschrei unter der Überschrift »Dann macht doch die Bluse zu« auch ein bisschen hysterisches Gequake beizutragen. Um es vorwegzunehmen: Ihr Gequake ist Produkt einer leidlich erfolgreichen und glücklichen Aneinanderreihung von Begebenheiten, aus der sie eine gesellschaftliche Norm ableitet. Frei nach irgendsoeinem König: Die Gesellschaft ist sie.

Aber der Reihe nach. Mit einem Gedankenexperiment startet die Autorin. Was, ja was, wäre wohl passiert, wenn Brüderle Clooney heißen würde und nicht »frisches Gesicht« der FDP sondern Hollywoodgröße sei. Es mag der Phantasie von Keller nicht einfallen, dass auch Clooney sich übergriffig verhalten kann, dass ihn vielleicht gar nicht alle Menschen so töfte finden. Weiter fabuliert sie von heißen Flirts – der nebenbei auch bei Brüderle hätte entstehen können, hätte er zufälligerweise eine Frau erwischt, die auf junggebliebene Altpolitiker steht – und leitet ab, mit Gedankensprung aber ohne Zusammenhang: »Was wir daraus lernen? Wo persönliche Befindlichkeit als ausreichender Gradmesser erscheint, um Sexismus zu definieren, verkommt der Begriff zur Beliebigkeit.« Was wirklich zu lernen gewesen wäre, wäre natürlich etwas anderes: Übergriffigkeit kann nur über persönliche Maßstäbe definiert werden. Natürlich ist es gut, wenn eine Person mit mir flirtet, mit der ich flirten will und natürlich ist es schlecht, wenn das eine tut, die mich in Ruhe lassen soll. Das ist keine Beliebigkeit, das ist eine Basisbanalität. Bestimmtes Verhalten ist mal übergriffig und mal nicht. Im Sinne mündiger Menschen wäre es folglich auch nicht, einen Regelkatalog aufzustellen, der von A-Z erklärt, dass dieses oder jenes nicht sein darf, sondern soziale Intelligenz, Aufmerksamkeit und Absehen von der Durchsetzung des eigenen Willens. Das ist nicht einfach. Eine angenehmere Alternative als das Zertrampeln anderer Menschen aber allemal.

Wenn man das rafft und zusätzlich noch einsieht, dass Gesellschaft nicht die Borniertheit der Erfolgreichen ist, nicht die Einzelnen sind, sondern »die Summe der Beziehungen, Verhältnisse […], worin diese Individuen zueinander stehn« (Marx) – was Keller natürlich beides unterlassen hat –, kommt man noch ein Stückchen weiter. Der Blick auf den Arsch, das »Meer von Banalitäten, die nichts weiter sind als das alltägliche Balzverhalten zwischen Mann und Frau« (Keller) sind Ausdrücke der Gesellschaft und aus der Summe der Vorfälle lassen sich z.B. Machtverhältnisse absehen. Das alltägliche Balzverhalten ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Machtverhältnisses, so wie der Blick auf den Arsch eines ist. Übergriff fängt nicht bei der Vergewaltigung an, anders wird ein Schuh draus: Auch die Vergewaltigung ist Ausdruck ebenjenes Machtverhältnisses, das es strukturell eben eher Männern erlaubt, sich etwas rauszunehmen. Das macht nicht alle Männern zu Tätern – individuelles Verhalten lässt sich zum Glück reflektieren und ändern – setzt aber das männliche Geschlecht nach wie vor in eine Machtposition. Und diese Machtposition ist nach wie vor gesellschaftlich. Dass im Einzelfall was anderes passiert, ist gut oder schlecht, aber noch nicht absolut. Die Erfahrungen (sich selber durchsetzen können, Solidarität), die Keller während ihres Studiums gemacht hat, sind gut und schön. Keller leitet daraus ab, dass die Probleme sich für alle erledigt hätten. Und das ist dumm.

Ebenso dumm, aber leider nicht minder populär, ist die Forderung, die schon in Kellers Überschrift anklang: Die Frauen sollen doch bitte in Sack und Asche laufen. Zuhause machen sie sich ja schließlich auch nicht zurecht! Damit schneidet sie übrigens ein interessantes Kapitel an: Die Ableitung des eigenen Selbstwertes aus der Achtung von anderen. Man kleidet sich anders, verhält sich anders, legt andere Maßstäbe an sich und die Welt an, wenn man nicht alleine ist. Das ist ein Problem, aber darum soll es jetzt nur am Rande gehen. Das eigentliche Problem ist doch, die Unbedingtheit, die aufgefahren wird, wenn Frauen dazu aufgefordert werden sich »nicht aufreizend« zu kleiden, gar dafür verantwortlich gemacht werden, wenn ihnen etwas zustößt. In was für einer beschissenen Welt leben wir eigentlich?

Und ja, vielleicht zieht man sich bestimmt an, um Reaktionen zu erhalten. Vielleicht will man diese Reaktionen aber nicht von jedem und vielleicht will man nicht jede Reaktion? Wäre das nicht mal einen Gedanken wert? Aus Minirock folgt nicht von jedem Mann begafft zu werden. Das folgt aus den Gedanken der Männer, die Frauen zu den Objekten ihrer Begierde machen. Get over it.

Diese Objektivierung, die Dummheit der einen entschuldigt ja nicht die Dummheit der anderen, ist andersrum natürlich auch verkehrt. Deswegen regt man sich über von Horst bei Stern TV auf, und das vollkommen zurecht, und auch darüber, wenn eine Kolumnistin in der taz phantasiert, dass »das rätselhafte Geschlecht nicht die Frauen« seien. Das Rätsel eines jeden Zwangskollektivs besteht darin, dass Individuen in diesem zusammengefasst werden, die Regeln mehr oder weniger akzeptieren, sich aber nicht auf diese geeinigt haben. Das rätselhafte Geschlecht sind alle Menschen als Menschengeschlecht. Was zu hoffen bleibt ist, dass die Menschen irgendwann mal auf die Idee kommen, dass es vielleicht weit weniger anstrengend wäre, wenn sich alle mal halbwegs vernünftig benehmen und nicht wie das letzte Arschloch in der Welt rumpoltern.

 

Was muss die Reiterstaffel?

Dienstag, Dezember 18th, 2012

Endlich nicht mehr ganz neues Projektionsmaterial für die verzweifelte deutsche Linke auf der Suche nach dem Aufstand. Der ist aber auch hier nur Aufstand ohne Ergebnis, aber immerhin kann man einen berittenen Teil der internationalen Arschlochbrigade auf der Flucht sehen. Der emphatischere Teil unserer Leser_innenschaft mag jetzt so etwas denken wie »Die armen Pferde« und hat damit sogar recht. Ich bitte nur zu bedenken, dass das abgerichtete und zugerichtete Pferde sind, mit denen – mit Verlaub – kein Kommunismus zu machen ist. Vermutlich nicht mal eine Wurst.

Das ist etwas, woran man sich halten kann.

Sonntag, Dezember 9th, 2012

»Musikalisch ausgereift, versiert und experimentierfreudig, textlich so klar und deutlich wie selten: gegen dich, deine Freunde und alle anderen sowieso. Und das alles ohne ausfallend oder stumpf zu werden – die selbsternannte Szenepolizei ist auf dem Gipfel angekommen und pöbelt fröhlich herunter.« Soweit der Promotext. Promotexte neigen zur Übertreibung und dahergelaufene Blogger, die auf einmal Rezensionen schreiben, dazu, Platten zu rezensieren, die sie richtig geil finden.

Eines von beidem stimmt auch hier. Erstmal die Fakten: Die Kaput Krauts gibt es seit 2003, sie erfüllen das Klischee der Klischeefreiheit und Straße Kreuzung Hochhaus Antenne ist das beste Punkalbum seit einiger Zeit. Bei Punk, der nicht auf den Kopf gefallen ist und selbst beim Lesen der Texte noch Überraschungen bereithält, neigt man dazu etwas von …But Alive zu schreiben. Zurecht. Deswegen sei das hiermit getan: Die Kaput Krauts stehen gleich neben …But Alive auf dem Bierkasten meiner Lieblingspunkbands. Oder kurz: Verdammt, der Promotext hat recht.

Straße Kreuzung Hochhaus Antenne ist klug. Und eine Platte mit dem Besten der Punkmusik in wirksame aber nicht peinliche Dosen verpackt. Filmzitate, Rappart, Gitarrenriffs, Sing Sang. Und viel Wut. Music for the riot hour. Anhören.

Straße Kreuzung Hochhaus Antenne ist bei Twisted Chords erschienen | 12″ kaufen (inklusive Download-Code) | CD kaufen

Schredder-Internationalismus.

Montag, November 26th, 2012

Der deutsche Verfassungsschutz musste sich einigen Vorwürfen stellen, sich sogar von denen, die Aktenvernichtung erfunden haben (auf ’ne Art) – den Autonomen nämlich –, vorwerfen lassen, wie unfähig er sei, dass er aufgelöst gehöre. Das stimmt zwar eigentlich. Allerdings steht der Verfassungsschutz in guter Gesellschaft mit den üblichen Verdächtigen von Inge Höger über die demokratische Mitte bis zu diesem Nazi-Marx. Dass es jedenfalls keine gute Idee ist, die allgemeine Gewalt zu entfernen, wenn die partikulare Gewalt tendenziell mit allen Mitteln durchgesetzt wird, erschließt sich aus der Logik der Dinge.

Und solange es noch nicht soweit ist, die partikulare Gewalt durch die Zärtlichkeit der Nichtmehrvölker ersetzt zu haben, solange hilft nur Galgenhumor. Und dem Verfassungsschutz sicher die internationale Solidarität der Polizei von New York. Die haben nämlich: Akten geschreddert. Und dann zu Konfetti verarbeitet. Es geht doch immer noch blöder. Auch aus der Logik der Dinge erschließt sich aber, dass Konfetti neben Glitzer nach ICD-14 (am besten schneller) zu diagnostizieren seien wird, und man manches wirklich nicht mehr unterbieten muss. Oder, um es deutlich zu sagen: Es wird Zeit für einen Umsturz. Ein Unsichtbares Kollektiv stellte schon fest, dass es Unsinn ist, zu warten. In einem Lichte, das Repressionsbehörden weltbekannter Bananenrepubliken als unfähige Ansammlung von Karnevalsvereinen und in ordentlich gescheiterten Staaten als halbprivatisierte Mörderbanden scheinen lässt, wird es immer unsinniger.

The medium is the medium.

Dienstag, Oktober 30th, 2012

Es sieht zugegebenermaßen gut aus, einen Schrank voller Platten im Zimmer stehen zu haben. Platten sind in dem Falle das musikalische Äquivalent des Buches. Unübersehbare Manifestation des eigenen Geschmacks. Es sieht nicht gut aus, eine Festplatten voller Audiodateien im Zimmer stehen zu haben. Audiodateien sind in dem Falle das Äquivalent zum E-Reader. Auch sie können Manifestation von Geschmack sein – man sieht ihn nur nicht. Durch eine Liste von Dateien zu scrollen ist ungefähr so spannend, wie dem Verfaulen einer trockenen Nudel beizuwohnen. MP3s haben keine haptisch fassbaren Cover. Platten schon. Platten sind geil. Sind sie?

Vor allem sind Platten schwer und vergänglich. Verdammt schwer. Nicht so verdammt vergänglich, aber die kaputte Rille der Lieblingsplatte ist allen ein Begriff, die mit Platten umgehen. Trotzdem halten sich die Liebhaber_innen mit einigem Eifer an ihrem Medium fest, kolportieren Gerüchte, werden in manchen Fällen leider komplett verrückt darüber. Um das hier kurz festzuhalten: Die, die über ihrem Platten-Fantum verrückt werden, sagen nichts gegen oder über das Medium aus. Kaffee wird auch nicht besser, weil irgendwelche Trottel Glaubenskriege über die richtige Herstellungsweise führen. Um die Verrückten soll es mir aber auch gar nicht gehen. Es soll über – oder vielmehr: gegen – das Gerücht gehen, dass das Medium die Nachricht ist. Wobei das abstrakt und für sich genommen sogar stimmt.

Die Frage, die sich also vorher noch gestellt werden muss, ist, welche Nachrichten ein Medium senden kann und welche nicht und, daran anschließend, ob wirklich diese Nachrichten beabsichtigt sein sollten, wenn man wieder einmal »The medium is the message« sagt. Am konkreten Beispiel Vinyl kann die Nachricht zum Beispiel sein, dass man sich schon seit Jahren Musik kauft, distinguiert auf dem Turm über dem Haifischbecken Populärkultur steht, oder sich in einer kulturellen Tradition sieht. Die 12“ ist vermutlich das eingängigste und immer noch gegenwärtigste Symbol – okay, neben Pillen – von Techno als Kultur. Über diesen Zusammenhang wurde schon genug geschrieben, auch von Menschen, die sich damit wesentlich besser auskennen, als ich. Was aber schon klar wird: Keiner der wenigstens halbwegs offensichtlichen Nachrichten des Vinyls hat etwas mit der Musik als solches zu tun. Wenn man bezogen auf die Musik sagt »The medium is the message«, dann wechselt man fröhlich den Gegenstand.

Wenn man Musik aneinanderreiht und das auch noch öffentlich tut, muss man sich mit allerlei Unwägbarkeiten rumschlagen. Kaputte Technik, nervige Gäste, zu wenig Getränke, komische Veranstalter_innen. Das alles macht nichts! Man macht es ja gerne. Man liebt die Musik. Umso nerviger, wenn es dann nicht um die Musik geht, sondern man sich für die Methode rechtfertigen muss, mit der man auflegt. Das Auflegen mit Laptop und Controller steht unter dem Verdacht, von der Fähigkeit zum Auflegen meilenweit entfernt zu sein. Warum eigentlich? Weil das Programm einer erspart, die halbe Zeit damit zu verplempern, die nächste Platte auf Geschwindigkeit zu bringen? Weil einer ein Programm wie Traktor durch Loops oder die Möglichkeit die A1 und A2 einer Platte, die dann selbstverständlich keine Platte mehr ist, nacheinander zu spielen, Felder der Kreativität geöffnet werden, die mit zwei Plattenspielern höchstens ein feuchter Traum waren? Sicher. Man kann sich in den technischen Möglichkeiten verlieren und zigmiarden Effekte auf tausende Samples treffen lassen. Aber das ist nur ein mögliches Problem des Mediums, kein notwendiges. Man kann es genauso gut lassen. Platten klingen nicht mal besser. Sie klingen höchstens anders. Und in einer Welt, in der sich die Menschen Musik von YouTube rippen (es soll sogar Leute geben, die mit YouTube-Rips auflegen), klingt das irgendwie egal. 99% der Musikkonsument_innen werden den Unterschied erst erkennen, wenn die Platte springt, oder sie dann plötzlich eine gute Anlage vor sich haben und sich wundern, warum der YouTube-Rip scheiße klingt. Zuhause war doch noch alles gut. Falls sich jetzt jemand fragt, warum das so ist: Das Problem liegt um die 128kbps und ist die Soundqualität, in der YouTube abspielt.

Von Seiten der Vinyl-Fanatiker_innen kriegt man weiterhin zu hören, dass man sich über das Gewicht der Platten nicht beschweren solle, schließlich kriegt man ja Geld dafür, im Club zu spielen und dann kann man doch ein wenig Arbeit auf sich nehmen. Mag sein. Aber nur, wenn man das Geld fürs Plattenschleppen kriegen würde. Dann soll sich aber auch bitte nicht beschwert werden, wenn die angestellten Schlepper_innen die Tasche hinter dem Pult abstellen und sich dann betrinken gehen. Übrigens: Das »bisschen Arbeit« ist schon zu einigen Stunden Arbeit geworden, bevor man sich überhaupt auf den Weg zum Club macht. Musik kaufen, Musik hören, sich einen ungefähren Plan ausdenken, wie man was spielen will, Plan wieder verwerfen, Musik von vorne hören, noch eine kleine künstlerische Krise, neuer Plan. Nur damit dann vor Ort doch alles anders ist. Aber man liebt ja die Musik.

Und wo wir gerade bei Liebe sind. Fernab aller Medien: Die wichtigste Voraussetzung, um Musik ineinander zu mischen, ist und bleibt, sich mit Musik zu beschäftigen. Es spielt dabei überhaupt keine Rolle, ob man »Ahnung von Musik« hat. Diese Ahnung ist nichts, als Standesdünkel jener, die die Musik durch Begriffe ersetzt haben. Das Beharren auf der Überlegenheit des Vinyls wiederum muss sich dem Vorwurf stellen, Standesdünkel jener zu sein, die die Musik durch Medien ersetzt haben. An diesem Punkt kann die Verteidigung der Platte nur noch mit einem »Ja, aber« aufwarten. Die Musik ist gut, aber. (Im Falle als schlecht empfundener Musik gerne durch ein gehässiges »Ha! Die Musik ist scheiße, Laptop-DJ« ersetzt.) Dieser Elitismus wirkt besonders komisch, wenn er in einer (Sub)kultur geäußert wird, die – damals, als die Pillen noch gut waren – angetreten ist, die Unterschiede zwischen den Menschen, auch zwischen Publikum und DJ, aufzuheben in kollektive Ekstase und Egalität. Für die Unmöglichkeit dieses Projekts, wenn der Inhalt sich auf BummBumm, Bumsen und Pillen beschränkt, kann man ihn natürlich auch bezeichnend finden.

Warum bitte sollte das Vermitteln von Musik das Hobby oder gar der Job jener sein, die es sich leisten – oder irgendwie von den Rippen absparen – können, mit einem bestimmten Medium auflegen zu können? Dass es auch im Bereich der elektronischen Tanzmusik nicht gelungen ist, die allgegenwärtige Konkurrenz im Hamsterrad aufzuheben, rächt sich im Zeitalter der endgültigen technischen Reproduzierbarkeit eines jeden Werkes. Die Demokratisierung der Produktionsmittel kann in der Logik der Konkurrenz nur als Angriff auf das Etablierte erscheinen. Das vernünftige Projekt wäre kein Dogmatismus, sondern das Einsehen in Nach- und Vorteile aller Medien. Wie diese zu gewichten sind, bleibt Sache der Einzelnen.

Dass die Demokratisierung einen Haufen Scheiße an die Öffentlichkeit spült, ist auch nicht mehr oder weniger als die Aufhebung tradierter Formen der Öffentlichkeit. Ich gehe jede Wette ein, dass der Geschmack der Mehrheit in den Anfangstagen des Technos ebenso beschissen war, wie der Geschmack der Mehrheit, der auf Soundcloud & Co veröffentlichen Werke. Die Tragik der Popularisierung trifft Techno im weiteren Sinne nicht als erstes und hat ihn auch nicht als letztes getroffen. Die allgemeine Verfügbarkeit von Pinseln und Blättern schaffte keine Millionen Picassos und die Verfügbarkeit von Photoshop keine Millionen Graphikdesigner_innen. Genauso wenig schafft die allgemeine Verfügbarkeit von Traktor oder Serato und der zugehörigen Musik für lau auf unzähligen Blogs Millionen guter DJs.

So droht die prinzipiell begrüßenswerte Destruktion bestehender Zugangshierachien allerortens an der Ahnungslosigkeit der Mehrheit zu scheitern. Es ist zum Verzweifeln. Nicht nur, aber auch, weil man eigentlich nur Musik hören wollte. The medium is a message, so wie das Sprechen darüber eine ist. Ein Medium ist aber vor allem eines: Medium.

Bummelmuttis. Über die Unmöglichkeit der Diskretion auf dem Gehweg.

Samstag, Oktober 27th, 2012

Eye, selig-naiv grinsende Bummelmuttis, die ihr euren Nachwuchs wie Monstranzen des Bessermenschentums rumgewickelt vor euch hertragt und wie die Bachen im Frühling auf der Waldlichtung euch auf dem Bürgersteig schart, als habet ihr mit der Gnade der Mutterschaft das Vorrecht erwirkt, euren Mitmenschen die Zeit zu stehlen, denn weder links noch rechts noch mittendrin führt ein Weg an eurem penetrant zur Schau gestellten Glück vorbei! Nein, ich neide euch nichts und wenn ich beladen mit einer bleiernen Aldi-Tüte in der Linken und einem mittelschweren Aktenkoffer in der Rechten daherkomme und im Rahmen sozialer Gepflogenheiten, sozusagen freundlich aber bestimmt, um Platz und Vorbeikommen bitte, dann gibt es keinen Grund, ausfällig engagiert zu erklären, mir fehlte der Kindersegen für meine charakterliche Ausgeglichenheit; überflüssig, eure Augäpfel zu verdrehen, eure Nasen zu rümpfen und auch der Faltenwurf auf euren sonst so anmutig östrogengeglätteten Stirnen ist umsonst. Wundert euch aber nicht, wenn ich die linke Braue über ein solches Gebaren anhebe und mir die Adern in den Schläfen anschwellen und bersten. Denn euer verächtliches Betragen erfüllt eine psychologische Funktion: Niedergekommen aus einer entstellten Vorstellung von Freiheit, spiegelt es nicht weniger als eure Ohnmacht in den heurigen Verhältnissen – was ihr wenigstens mit dem Gefühl moralischer Überlegenheit zu entschädigen sucht.

Anders verkraftet ihr eure Kränkung nicht, da ihr insgeheim lange schon und ganz zu recht habt alle Hoffnung fahren lassen. Verkraftbar ist euch dies mit einer Politur der Widersprüche, die euch selbst mit allen Zwängen versöhnt denken lässt. Was euch Unbehagen bereitet, sind jene, die abweichen von euch, die ihr das Allgemeinste als Individuelles begreift. Anders leuchtet nicht ein, wie ihr privates Glück in einen Heilsdienst an der Menschheit umdeutet, der gefälligen Respekt von allen einfordert, die sich der Hingabe an die Strapazen einer Mutterschaft entziehen. Kinderlose Frauen gehen, wie Homosexuelle (Neuerdings werden auch alle, die sich dem Zwang zur inzwischen ökonomisch notwendigen Selbstoptimierung, z.B. qua Nicht-Rauchen, leiblicher Ertüchtigung und Halbfettmargarine verweigern, als fragwürdig identifiziert.), das Wagnis ein, erkennen zu geben, dass sie ihre leibliche Funktion nicht in den Dienst des Kollektivs stellen, Sexualität gar zum individuellen Lustgewinn praktizieren und werden deshalb apriorisch verdächtigt, die Reproduktion zu hintergehen. Ganz so, als sei ein Einzelnes mächtig, sich gesellschaftlicher Zwangsarbeit, wenn auch in ihrer abgemilderten Variante, zu verweigern, wird jedes Indiz für Individualität zur nackten Provokation. Die Blaupausen vom selben Entwurf, Menschenleben genannt, werden vom weichgespülten liberalen Verstand als höchster Wert veranschlagt, doch sind sie ohne Fleisch und Blut, denn das vermittelnde Element für Assimilation schlechthin ist in der Überflussgesellschaft Mangelware und eben diese Relation produziert gesellschaftlich überflüssige Mangelwesen.

Die Akzeptanz dieser Anomie gelingt nicht ohne Qual. Der Besitz an sich selbst und freier Wille können allenfalls Schein sein, wenn private Existenz abhängt von unbeeinflussbaren ökonomischen Prozessen. Niemand gibt pränatal sein Einverständnis darin, das Licht dieser Welt zu erblicken. Aber selbst von allem Sinn beraubt, treibt die gesellschaftliche Ordnung dennoch dazu an, Erleuchtung in der Unterjochung des persönlichen Glücks zu suchen. Die vorbehaltlose Bejahung des eingekerkerten Lebens kennt nicht einmal die Hoffnung auf ein seliges irdisches Leben. Ökologische Gemüsekisten und nachhaltige Kindergärten vermögen findig darüber hinwegzutäuschen, dass Leben in der Gegenwärtigkeit nur als verwertendes von Wert ist. Das Subjekt, das sich selbst erkennende Erkennende, verdankt die Eventualität seiner Existenz überhaupt erst dem Markt, denn Individualität hatte ihre Geburtsstunde in der Entfesselung der Zirkulationssphäre: Diese Art der Unfreiheit, private Arbeitskraft gesellschaftlich veräußern zu müssen, setzt paradoxerweise die Fähigkeit voraus, sich selbst zum Gegenstand von Erkenntnis zu machen und sich von anderen unterschieden wahrnehmen zu können. Selbsterkenntnis könnte den Status eigener Gefangenschaft bewusst mitdenken. Der unerträglichste Widerspruch ist jener, dass das Potential zu individuellen Lebensentwürfen überhaupt erst im Warentauschverhältnis möglich wird; denn der Markt ist leidenschaftslos gegen Alter, sexueller Identität und Hautfarbe, er kennt nur Verwertungsobjekte, treten diese nun als Arbeitskraft oder Konsument in Erscheinung. Innerhalb dieser allgemeinen Nivellierung ist die Entscheidung für oder gegen Elternschaft überhaupt erst denkbar. Verachtung gegen Mütter, weil diese den Ruch der alten Ordnung, die Stigmata der Bezwingung durch das Patriarchat und biologische Dienstbarkeit an sich trügen, verfehlt den Gedanken von Emanzipation. Solche Lesart blendet den eigenen Gehorsam gegen die bestehenden Verhältnisse aus, verkennt, dass die Gesellschaft nicht für die Menschen geschaffen wurde, missdeutet Individualität als ahistorisch und natürlich. Was von falsch verstandenem Feminismus anvisiert wird, ist die Gleichberechtigung oder Machtumkehr der Geschlechter im Konkurrenzverhältnis am Arbeitsmarkt.

Zweifelsohne sind in der Logik des Bestehenden egalitäre Integrationschancen für die Existenzerhaltung elementar notwendig, nur ist es eine fragwürdige Utopie von einer Gesellschaft, die allen das gleichrangige Recht zur Selbst- und Fremdausbeutung gewährt. Es nimmt nicht wunder, wenn aus solchem Verständnis Mutterschaft grundsätzlich reaktionär geschimpft wird. Indes ist der zur Schau gestellte Regress jener Frauen, die in ihrer Mutterrolle aufgehen und kinderloses Leben nur als Stumpfexistenz begreifen, die Kehrseite desselben Ungemachs über die Unmöglichkeit der Glücksverheißung. Die aufgrund nicht-konformer Geschlechteridentität sichtbar gemachte Differenz, die Ahnung von souverän bestimmter Selbstentfaltung, wirft Fragen auf über den Charakter des gesellschaftlichen Status quo: Die als verwirklicht behauptete Freiheit könnte als Feigenblatt und Legitimation gesellschaftlich schlechter Praxis enttarnt werden – und die Sinnlosigkeit des eigenen Lebens gleich mit. Aber die Wut darüber richtet sich nicht gegen die Verhältnisse, sondern wird untereinander gewaltvoll ausgetragen. Die Verrohung der Umgangsformen und die Kultivierung der Rücksichtslosigkeit auf den Gehwegen, Bahnsteigen und Shopping Malls ist Hingabe an die verdrängte eigene Ohnmacht. Der Ekel davor, sich selbst Gewalt antun zu müssen, sich selbst und andere auszubeuten, wird, einem Spiegelkabinett als Schaustellerattraktion gleich, verzerrt nach außen zurückgeworfen auf alle, die sich als Opfer anbieten. Wer sich in der öffentlichen Sphäre zurück nimmt statt zu nehmen, überhaupt meint, es mit besonnenen Menschen zu tun zu haben, gibt sich selbst als menschlich zu erkennen, markiert den Makel der Verletzlichkeit und erinnert an die unbezwungene Sterblichkeit. Die sich als sorgende Gemeinschaft gerierende Horde fand genau deshalb zusammen, um die Aussicht auf das Durchprügeln der Partikularinteressen wahrscheinlicher zu machen. Wer glaubt, Individuen anzusprechen, der irrt!

Individuelle menschliche Verhaltensweisen erinnern die Monaden an ihre rudimentäre Mündigkeit, die allenfalls ausreichte, Entscheidungsgewalt im Namen des Gemeinen auszuüben. Höflichkeit, die zeremonielle Umgangsform bei Hofe, die elegant die blutigen, unvermittelten Hierarchieverhältnisse der Ständegesellschaft durch zivilisierte Unterwerfungsrituale nicht nur widerspiegelte sondern reproduzierte, findet inzwischen nicht Verwendung, ohne zugleich als überkommen verhöhnt zu werden, denn sie ist nutzlos in einer Gesellschaft, in der die Verfügungsgewalt alle erfasst. (vgl. Adorno, Minima Moralia, Aphorismus No. 19, Zur Dialektik des Takts) Die entstellte Gesellschaft muss sich nicht noch länger verstellen: Sie hat nicht einmal die Sanktion gegen Devianz mehr nötig, denn wer sich der Verwertbarkeit nicht andient, den straft die Zeitigung des eigenen Lebens. Das einstige bürgerlich-emanzipatorische Anliegen, dem Tod von der Schippe zu springen, die Gesellschaft menschenwürdig einzurichten, wurde inzwischen zur Lüge. Dass sogar Gesten, die Menschlichkeit anrühren könnten, von den Menschen selbst abgewehrt und bestraft werden mit Rüpelei und Rempelei, ist das richtige Abbild der falschen Ordnung.

39 Kilometer Langeweile.

Montag, Oktober 15th, 2012

Die Spannung war kaum zu fassen, als Felix B. eine endlose Liste Sicherheitsmaßnahmen durchging und endlich ans Fenster trat. Er öffnete das Fenster und sprang. Felix B. wird heute von der Welt unisono als »Held« betitelt. Der höchste Sprung aller Zeiten. Schallgeschwindigkeit. Einschaltsquoten auf YouTube, von denen die Piratenpartei nur träumen kann. Selbst das Fernsehen mit mit einer »Quotensensation«. Ausrufezeicheneinseinsausrufezeichenelfausrufezeicheneinseinself. Aber mal ernsthaft: What teh fuck?


Zugegebenermaßen: Ich hab das auch geguckt. Und mein ganzer Freund_innenkreis. Nur irgendwie war ich nicht begeistert. Den Moment der Momente habe ich sogar verpasst, weil ich gerade etwas spannenderes gesehen habe, als eine Kapsel in der Stratosphäre. Auch wenn ich mich daran nicht mehr erinnern kann. Zugegebenermaßen: Auch ich ziehe hiermit meinen Hut vor der Leistung von Red Bull und Felix B. Und auch ich bemühe dafür einen Superlativ. Das, was da gestern über Millionen Bildschirme flimmerte, war die größte Demonstration der gesellschaftlichen Langeweile, die man seit einiger Zeit multimedial und in HD aufbereitet sehen konnte. Es war die eindrucksvollste Demonstration der Verschiebung von Langeweile in den Bereich der Raserei. Eine Verschiebung, die Surfen auf Zügen oder Springen von Hochhäusern mehr und mehr aus dem erlesenen Kreis der Abenteuer ausschließt. Die gesellschaftliche Suche nach dem nächsten Superlativ, dem nächsten Eintrag in irgendeine Bestenliste, den nächsten 15 Minuten Ruhm verlässt dabei zusehends die Grenzen den Menschenmöglichen.


Über die Welt erfährt man so einiges, wenn man ihr zuguckt. Und einiges erst im Kontrast zu der funkelnden Glitzerwelt einer konzerngetriebenen Hochleistungsgesellschaft. Zum Beispiel, dass der Ausschluss aus jener oft tödlich endet. Ein Ausschluss, dem niemand zugucken will, auch wenn die Konsequenz öffentlich ausgetragen wird. So zündete sich ein Mensch am Samstag vor der Besucher_innenmenge des Reichstages öffentlich an, anscheinend, weil er keine Wohnung fand. Die Berichterstattung über Selbstmorde wurde irgendwann zusammengestaucht, weil durch sie zu viele Nachahmer_innen angestachelt wurden. Die Berichterstattung über den nächsten Höhenflug wird hingegen neue Superlative aufstellen. Nachahmer_innen muss man kaum befürchten. Wer hat schon 50 Millionen für die Befriedigung des eigenen Spleens auf der hohen Kante? Eben. Und so bleibt festzuhalten, dass die Gesellschaft, die alle Abenteuer abschafft, ein einziges Abenteuer übrig lassen wird: Diese Gesellschaft abzuschaffen. Im Sinne derer, die sich ihre Träume nicht erfüllen können, bitte möglichst schnell.

Go Pro: Riot.

Mittwoch, Oktober 3rd, 2012

Im Sport sind sie längt der letzte Schrei (sagt RTLII News), warum also nicht beim Widerstand gegen die Staatsgewalt? Das dachte sich anscheiend auch ein Genosse aus Griechenland und liefert damit Aufstandsstoff der höchsten Qualität. Was nur eine Frage offen lässt: Wie sehen eigentlich die Verletztenzahlen der griechischen Polizei aus? Bei den deutschen OrdnungshüterInnen wären nach solchen Ausschreitungen wohl mehr PolizistInnen verletzt, als überhaupt in der Stadt waren.