Archive for the ‘Aus Versehen dominant’ Category

Dann mach doch den Kopf zu!

Freitag, Februar 1st, 2013

Es ist zum Kotzen. In einer Welt, in der der Stern plötzlich als Leitmedium des Antisexismus’ erscheint und man sich bei Stern TV nicht über den Einspieler sondern über die Feministin mit dem schönen Namen von Horst, die im Brustton der nicht durchdachten Überzeugung verkündet, dass Frauen kein übergriffiges Verhalten an den Tag legen könnten, aufregt, hilft selbst der vollste Kühlschrank nicht, den Magen genügend zu füllen. Meiner ist leer.

Deswegen, nur zur Klarstellung: Natürlich ist der Stern nicht das antisexistische Leitmedium der Postpostpostmoderne und natürlich hat Frau von Horst Unrecht. Unrecht, gutes Thema. Wo Recht zu Unrecht wird, so hieß es, wird Widerstand zur Pflicht. Wenn Dummheit zur Gewohnheit wird, so heißt es: Willkommen in der Realität. Es überrascht deswegen kaum, dass auch viele Kommentare zum #Aufschrei, der gerade durch deutsche Medien geht, dumm wie Brot sind und fragmentarisch wie ebenjenes in geschnitten. Den großen Zusammenhang »Gesellschaft« halluziniert man höchstens noch herbei, ohne größere Anstrengungen zu unternehmen, ihn zu fassen. Manchmal erspart man sich selbst die Halluzination der Gesellschaft um sich ein wenig gutes Leben unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zu gönnen.

So zum Beispiel Birgit Kelle, ihres Zeichens Christin und Antifeministin, denn es gibt ja Gleichstellungsgesetze – und wie wir alle wissen, reicht eine Vorschrift. Deswegen gibt es in den USA keinen Rassismus mehr und nach dem Ende des Dritten Reiches waren in Deutschland alle Nazis verschwunden. Stimmt gar nicht? Sagt das lieber Frau Keller. Diese jedenfalls hat zum Aufschrei unter der Überschrift »Dann macht doch die Bluse zu« auch ein bisschen hysterisches Gequake beizutragen. Um es vorwegzunehmen: Ihr Gequake ist Produkt einer leidlich erfolgreichen und glücklichen Aneinanderreihung von Begebenheiten, aus der sie eine gesellschaftliche Norm ableitet. Frei nach irgendsoeinem König: Die Gesellschaft ist sie.

Aber der Reihe nach. Mit einem Gedankenexperiment startet die Autorin. Was, ja was, wäre wohl passiert, wenn Brüderle Clooney heißen würde und nicht »frisches Gesicht« der FDP sondern Hollywoodgröße sei. Es mag der Phantasie von Keller nicht einfallen, dass auch Clooney sich übergriffig verhalten kann, dass ihn vielleicht gar nicht alle Menschen so töfte finden. Weiter fabuliert sie von heißen Flirts – der nebenbei auch bei Brüderle hätte entstehen können, hätte er zufälligerweise eine Frau erwischt, die auf junggebliebene Altpolitiker steht – und leitet ab, mit Gedankensprung aber ohne Zusammenhang: »Was wir daraus lernen? Wo persönliche Befindlichkeit als ausreichender Gradmesser erscheint, um Sexismus zu definieren, verkommt der Begriff zur Beliebigkeit.« Was wirklich zu lernen gewesen wäre, wäre natürlich etwas anderes: Übergriffigkeit kann nur über persönliche Maßstäbe definiert werden. Natürlich ist es gut, wenn eine Person mit mir flirtet, mit der ich flirten will und natürlich ist es schlecht, wenn das eine tut, die mich in Ruhe lassen soll. Das ist keine Beliebigkeit, das ist eine Basisbanalität. Bestimmtes Verhalten ist mal übergriffig und mal nicht. Im Sinne mündiger Menschen wäre es folglich auch nicht, einen Regelkatalog aufzustellen, der von A-Z erklärt, dass dieses oder jenes nicht sein darf, sondern soziale Intelligenz, Aufmerksamkeit und Absehen von der Durchsetzung des eigenen Willens. Das ist nicht einfach. Eine angenehmere Alternative als das Zertrampeln anderer Menschen aber allemal.

Wenn man das rafft und zusätzlich noch einsieht, dass Gesellschaft nicht die Borniertheit der Erfolgreichen ist, nicht die Einzelnen sind, sondern »die Summe der Beziehungen, Verhältnisse […], worin diese Individuen zueinander stehn« (Marx) – was Keller natürlich beides unterlassen hat –, kommt man noch ein Stückchen weiter. Der Blick auf den Arsch, das »Meer von Banalitäten, die nichts weiter sind als das alltägliche Balzverhalten zwischen Mann und Frau« (Keller) sind Ausdrücke der Gesellschaft und aus der Summe der Vorfälle lassen sich z.B. Machtverhältnisse absehen. Das alltägliche Balzverhalten ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Machtverhältnisses, so wie der Blick auf den Arsch eines ist. Übergriff fängt nicht bei der Vergewaltigung an, anders wird ein Schuh draus: Auch die Vergewaltigung ist Ausdruck ebenjenes Machtverhältnisses, das es strukturell eben eher Männern erlaubt, sich etwas rauszunehmen. Das macht nicht alle Männern zu Tätern – individuelles Verhalten lässt sich zum Glück reflektieren und ändern – setzt aber das männliche Geschlecht nach wie vor in eine Machtposition. Und diese Machtposition ist nach wie vor gesellschaftlich. Dass im Einzelfall was anderes passiert, ist gut oder schlecht, aber noch nicht absolut. Die Erfahrungen (sich selber durchsetzen können, Solidarität), die Keller während ihres Studiums gemacht hat, sind gut und schön. Keller leitet daraus ab, dass die Probleme sich für alle erledigt hätten. Und das ist dumm.

Ebenso dumm, aber leider nicht minder populär, ist die Forderung, die schon in Kellers Überschrift anklang: Die Frauen sollen doch bitte in Sack und Asche laufen. Zuhause machen sie sich ja schließlich auch nicht zurecht! Damit schneidet sie übrigens ein interessantes Kapitel an: Die Ableitung des eigenen Selbstwertes aus der Achtung von anderen. Man kleidet sich anders, verhält sich anders, legt andere Maßstäbe an sich und die Welt an, wenn man nicht alleine ist. Das ist ein Problem, aber darum soll es jetzt nur am Rande gehen. Das eigentliche Problem ist doch, die Unbedingtheit, die aufgefahren wird, wenn Frauen dazu aufgefordert werden sich »nicht aufreizend« zu kleiden, gar dafür verantwortlich gemacht werden, wenn ihnen etwas zustößt. In was für einer beschissenen Welt leben wir eigentlich?

Und ja, vielleicht zieht man sich bestimmt an, um Reaktionen zu erhalten. Vielleicht will man diese Reaktionen aber nicht von jedem und vielleicht will man nicht jede Reaktion? Wäre das nicht mal einen Gedanken wert? Aus Minirock folgt nicht von jedem Mann begafft zu werden. Das folgt aus den Gedanken der Männer, die Frauen zu den Objekten ihrer Begierde machen. Get over it.

Diese Objektivierung, die Dummheit der einen entschuldigt ja nicht die Dummheit der anderen, ist andersrum natürlich auch verkehrt. Deswegen regt man sich über von Horst bei Stern TV auf, und das vollkommen zurecht, und auch darüber, wenn eine Kolumnistin in der taz phantasiert, dass »das rätselhafte Geschlecht nicht die Frauen« seien. Das Rätsel eines jeden Zwangskollektivs besteht darin, dass Individuen in diesem zusammengefasst werden, die Regeln mehr oder weniger akzeptieren, sich aber nicht auf diese geeinigt haben. Das rätselhafte Geschlecht sind alle Menschen als Menschengeschlecht. Was zu hoffen bleibt ist, dass die Menschen irgendwann mal auf die Idee kommen, dass es vielleicht weit weniger anstrengend wäre, wenn sich alle mal halbwegs vernünftig benehmen und nicht wie das letzte Arschloch in der Welt rumpoltern.

 

It’s so Berghain.

Mittwoch, Januar 23rd, 2013

Alle so friendly, ich könnt’ kotzen. Die Hymne für alle, die nach 10 Stunden in der Schlange abgewiesen wurden. Oder Leute mit Humor.

How low can you go?

Mittwoch, Oktober 17th, 2012

Man kann sich Politik ganz einfach machen. Das geht ungefähr so: Man ersetzt Inhalte durch Befindlichkeiten und Befindlichkeiten durch Wortspiele. Aus der Solidarität mit den Betroffenen wird so schnell ein Fetisch der Betroffenheit und aus der Beschäftigung mit Befindlichkeiten und ihrem politischen Gehalt Oppression Bingo, in dem gewonnen hat, wer sich am meisten Unterdrückungsmechanismen in den Lebenslauf schreiben kann.

Unterdrückung ist natürlich keine Besserungsanstalt und die Geschichte der Menschheit bietet Anschauungsmaterial genug, dass Unterdrückung genauso viele oder wenige Gründe bietet, sich mit der Herrschaft zu arrangieren, eine alternative Herrschaft zu fordern oder zur Überwindung der Herrschaft aufzurufen. Deswegen schadet es natürlich nicht, wenn man weiß, wo man in den Matrizen der Herrschaft steht. Aber auch nicht mehr oder weniger. Die Gründe gegen die jeweilige Unterdrückung lehrt eine_n nicht die Unterdrückung, sondern die Beschäftigung mit dieser. Die Auswüchse einiger Sektionen der internationalen Linken im Fahrwasser eigentlich sinniger Beschäftigungsgebiete wie Gender Studies oder Rassismusstudien verkommen zu Lachnummern, weil sie dies nicht wahrhaben wollen, dass sie jeden Inhalt, der ja erst die Parteilichkeit erklären und gebieten kann, zugunsten einer dogmatischen Parteilichkeit ausgetauscht haben.

Es verwundert deswegen nicht, dass im Interwebs ein kleines Spiel kursiert, dass jedem Menschen auf einem Graph von -x bis +x erklärt, wie privilegiert sie_er sei. Ich komme  auf knapp über 100, ein Wert, bei dem mir das Spiel dann ernsthaft suggeriert, dass ich jeden Tag gucken solle, ob ich noch so privilegiert sei. Nur wozu? Weil jemand, der kein Problem damit hat, privilegiert zu sein, das bekommt, wenn er sich jeden Tag wieder gut fühlen kann? Gute Idee, wirklich.

Ach ja, ich hätte da noch einen Vorschlag: Die 15 Unterdrückungspunkte, die Angehörige der staatlichen Ordnungsmacht sammeln können, könnte man zu 1500 Bonuspunkten macht, wenn man das ganze postuniversitäre Rumgeschwafel der Critical Betroffeness nicht versteht. Dann komme ich doch auf knappe -1400 Punkte und kann mich beruhigt im Stuhl zurücklehnen. Oppressed as hell.

Tu’ ma’ lieber die Mörchen?

Dienstag, Oktober 2nd, 2012

Ein großer Wurf! Gestern wurde bekannt, dass die ehemaligen Betreiber_innen der Bar25 (heute gegenüber im Kater Holzig involviert) mit ihrer »Holzmarkgenossenschaft plus eG« das Höchstgebot für das Gelände der ehemaligen Bar25 vorgelegt haben und damit in der Lage sind, Eigentümer_innen dieses Streifens Land zu werden (auch, wenn die offizielle Entscheidung der BSR erst am 17. Oktober verkündet werden wird). Das ist insofern besonders, weil damit an der Spree nicht das zigste Gebäude mit Wachschutz und Zaun gebaut wird. Die eG plant ein Dorf mit Park, Kidzklub und Imweiterensinnegewerberaum, Details sind der Seite der eG zu entnehmen. So weit, so ganz sympathisch. Unter den richtigen Vorzeichen, könnte das sogar ein Projekt sein, dass die in diesem Blog schreibenden Dauernörgler zufriedenstellen würde. Im Folgenden soll aber genörgelt und nicht zuletzt gezeigt werden, dass die Übernahme des Geländes nicht mal versucht, der kapitalistischen Dynamik eine Bremse in den Weg zu legen.

Die Artikel der Holzmarkt Genossenschaft offenbaren es schon, die, die da angetreten sind, sind auf einem Werbefeldzug für ein Berlin, dass sich nicht über große Unternehmen, sondern über Dynamik, Start Up, Fail Down und Jutebeutel als allgegenwärtige Werbefläche definieren möchte. Man propagiert Nachhaltigkeit, Synergieeffekte, bietet 24h Kinderbetreuung für Eltern kurz vor der Deadline, man achtet die Identität des Geländes, um sie nicht mit Glasbauten zuzustellen. Neubauten gelten für die Kritik der modernen Stadt gerne als seelen- oder kontextlose Gebilde, die sich in das gewachsene Konglomerat der bestehenden Stadt einfressen. Das ist selbstverständlich eine romantisierende Vorstellung der Stadt – in deutschen Großstädten dank der alliierten Umbaumaßnahmen während des Zweiten Weltkrieges besonders signifikant. Was heute als Stadt zu sehen ist, ist immer das Projekt von Brüchen und Konstanz, von Brand und Ausbau, Verfall und Kernsanierung. Ob die eine Seite der anderen vorzuziehen sei, ist wohl eine Frage, die sich nur geschmäcklerisch, also gar nicht, beantworten lässt.

Sicher ist aber, dass der Plan »Holzmarkt plus« kein Gegenmodell zu einer kapitalgetriebenen Bebauung öffentlicher Flächen ist, sondern nichts weniger als die zeitgemäße Umsetzung dieser Bebauung. In einer Stadt, deren maßgebliches Potential keine Industrie ist, sondern die Fähigkeit der Bewohner_innen als BeamtIn oder Lebenskünstler_in zu überleben, durch hippe Stadtteile und Clubs Tourist_innen anzulocken, ist es zwar nur folgerichtig, dass diese auch Kaufkraft auf sich vereinen, was auf der einen Seite (Politik, Wirtschaft) gerne nicht gesehen wird, auf der anderen aber auch kein Lob für die ist, die die Kaufkraft auf sich vereinen. Letzten Endes ist der Bebauungsplan »Holzmarkt plus« das längst hinfällige Symbol einer Individualisierung der Konkurrenz, in der nicht mehr die Belegschaft von Toyota versucht, die von Opel niederzukonkurrieren, sondern jede_r selber gucken muss, dass der Auftrag nicht an den Typen geht, der im Café neben einer sitzt.

Bei der immer noch existierenden kapitalistischen Totalität ist es kein Wunder, dass auch die Holzmarkt plus eG nicht weniger ist, als Akteurin in einer Dynamik, die derzeit die Lebenshaltungskosten in den zentralen Berliner Bezirken signifikant steigen lässt. Die Sprache der eG lässt, wie bereits erwähnt schließen, dass sie sich dieser Rolle vollends bewusst ist, von einer kritischen Reflektion ist bis dato allerdings nichts zu spüren. Von den Betroffenen einer so entstehenden Verdrängung, man könnte es Gentrifzierung nennen, wäre der Begriff nicht mittlerweile so inhaltsleer wie die durchschnittliche Besucher_in der Bar25 am Montagmorgen, ist auch niemandem geholfen, wenn die kreative Bohème ein volksoffenes Vorzeigeprojekt an der Spree ihr Eigen nennt. Man sollte in der Freude wenigstens anerkennen, dass das, was dort an der Spree passiert ist, nicht weniger ist als Lobbypolitik – gepaart mit einer Prise Recht des Stärkeren. Den Verdrängten kann es auch scheißegal sein, ob die Holzmarkt eG »die Narbe zwischen Ost und West« kaschieren kann, sie vom Spaziergang an der Spree abgehalten werden, oder eben nicht. Die Verdrängten werden nicht mehr da sein, wenn sie Vorzüge oder Nachteile einer so oder so gelagerten Bebauung aushalten müssten.

Man sollte dabei nicht den Fehler begehen und die Verdrängungsdynamiken auf die Schultern einzelner Personen oder Zusammenschlüsse laden – diese stehen den Dynamiken letztendlich so ohnmächtig gegenüber wie jede_r andere Akteur_in auch. Man sollte aber auch nicht den Fehler begehen, aus der Ohnmächtigkeit einzelner eine Ohnmächtigkeit aller abzuleiten. Gerade ein Projekt, dass sich vermeintlich für ein solidarisches Miteinander einsetzt, hat immer die Möglichkeit sich der ihm eigenen Öffentlichkeit zu bedienen, gerade wenn es eine so massive ist, wie in diesem Fall. Es wäre mehr als ein feiner Zug, wenn diese Möglichkeit nicht nur dafür genutzt würde, Wunschvorstellungen der eigenen Peer-Group zu manifestieren. Damit wird man die Probleme dieser Erde nicht lösen können, aber man kann ein Bewusstsein dafür schaffen, dass diese gelöst werden müssen. Auch wenn diese Lösung sicherlich nicht so einfach und erfolgsversprechend ist, wie das Lösen von Radmuttern an Polizei(angestellten)fahrzeugen.

Meine Freiheit, deine Freiheit.

Dienstag, Mai 15th, 2012

Über wohl kaum ein Wort lässt sich so viel philosophieren, Unsinn reden, anderen Ahnungslosigkeit vorwerfen oder einfach nur mal gut oder schlecht fühlen, weil zu viel oder zu wenig, wie über das der Freiheit. Freiheit ist überall, Freiheit ist nirgendwo, Freiheit sind Gedanken, Freiheit hat jede_r in der Westentasche. Jede_r versteht was unter Freiheit und alle, von Luxemburg bis Patrick Döring, halten die Freiheit für ein hohes Gut. Die einen wollen die Freiheit zum Kiffen, die nächsten im Internet, wieder andere wollen ganz frei sein. Es scheint, dass in der pluralistischen Meinungsbildung Deutschlands bei der Freiheit für einen Moment Harmonie einkehrt, alle »We shall overcome« anstimmen und sich erst im nächsten Moment über Steuern, ACTAPIPASOPA, Griechenland und Landtagswahlen zerfleischen. Pustekuchen.

Denn so, wie jede_r den universalen Wert der Freiheit anerkennt, meinen auch alle etwas anderes, wenn sie von Freiheit reden. Zumindest etwas anderes, als die anderen. Zwar ist man sich weitestgehend einig, dass »Freiheit die Freiheit der anders Denkenden« (Luxemburg) sei. Das war es dann aber auch schon. Zur Bebilderung nehmen wir mal kurz die Bundespolitik. Da gibt es den Vorsitzenden einer Partei, die sich liberal nennt, Patrick Döring heißt jener. Dieser wirft der Piratenpartei vor, dass jene »ein beschränktes Verständnis von Freiheit [haben]. Sie sind befangen im Freiheitsbegriff des Pubertierenden, wir von der FDP stehen zu dem des Erwachsenen. Sie fragen nur nach ›Freiheit wovon?‹. Wir fragen nach ›Freiheit wozu?‹.« Nun, das Distinktionsmerkmal »Wir sind ja so erwachsen« ist an dieser Stelle verunglückt, albern, man möchte beinahe »kindisch« sagen, aber darum geht es hier gar nicht. Die Frage nach dem wozu, dem Zweck der ganzen freiheitlichen Veranstaltung ist aber schon mal eine gute. Ja, wozu denn die ganze Freiheit? Weil Döring diese Frage nicht beantwortet, bin ich mal so frei.

Ganz einfach, und da wird mir in der FDP vermutlich niemand widersprechen: Zum Geld verdienen. Nur ist das, und jetzt wird mir jede_r in der FDP widersprechen, kein sinnvoller Zweck. Wie wir alle in unserem Aufbaukurs Marx gelernt haben, geht das in großem Stile nämlich nur, wenn man sich Produktionsmittel aneignet, arme Pauper verpflichtet irgendwelche Dinge für einen herzustellen und am Ende weniger Kosten als Einnahmen in der Bilanz stehen hat. Wenn also einige wenige auf die Kosten vieler wirtschaften. Glück (ob in Lotterien oder Wertpapiergeschäften) sei hier mal vernachlässigt.

Dazu garantiert der demokratisch-aufgeklärte Staat noch ein paar Bonusfreiheiten. Die Freiheit sich seinen Wohnort im Staatsgebiet auszusuchen (wenn man sich die Gegend leisten kann). Die Freiheit alles und jede_n zu kritisieren (im Rahmen des Grundgesetzes). Die Freiheit Presse zu drucken (wenn man es sich leisten kann). Diese Freiheiten sollen bitte für alle gelten, so ganz im idealen Durchschnitt. Dass unterschiedliche Zugänge zur Freiheit auch unterschiedliche Möglichkeiten sich jener zu bedienen meint, kann unterschlagen werden. Man solle doch wenigstens mal die Chance haben, sich zu äußern.

Das wäre also die grob umrissene Freiheit, zu der man sich ins Recht gesetzt fühlen darf. Aber auch die Kehrseite, also das, was Döring als »beschränkte« Definition der Freiheit bezeichnet, soll hier gewürdigt werden. Die Freiheit von. Die Ex-Proletarier, heute Ichmachwasmitmedientarier, »Hartzer« oder Überbleibsel jenes Proletariats, das sich mal in Fabriken und Kohlenschächten um Leib und Leben rackerte, haben auch keine große Wahl. Manchmal haben sie nicht mal diese und sind darauf angewiesen, dass ein staatliches Gefüge existiert, das die Unausgebeuteten vor dem Elendstod schützt. Mit Marx: Die Freiheit von Leibeigentum und die Freiheit vom Besitz an Produktionsmitteln. Weiter: »Es handelt sich um die Freiheit, sein Privatinteresse gegen die anderen Subjekte zu verfolgen. So sind Erfolg oder Misserfolg in die Verantwortung der Individuen gestellt, die die Zwänge des Wettbewerbs an sich und anderen vollziehen müssen.« So steht es im Reader Der bürgerliche Staat der Gruppe 3 aus Göttingen, der nebenbei unbedingt empfehlenswert ist, wenn man was über die Verfasstheit der staatlichen Herrschaft lernen möchte. Aber weiter im Text: Die persönliche Freiheit der Individuen ist nicht ohne Einschränkung jener zu haben. Besonders deutlich wird dies in einer Gesellschaft, in der alle gegen alle in der Konkurrenz stehen, oder (wieder aus dem Reader): »Der häufig bejammerte Egoismus der Privatmenschen ist aber bitter nötig, um in einer Gesellschaft zurechtzukommen, die dem Einzelnen keine andere Wahl läßt, als zu versuchen, seine Anliegen gegen alle anderen MitbewerberInnen durchzusetzen. Wäre dies nicht so organisiert,würde sich der Aufruf zu ›mehr Mitmenschlichkeit‹ als überflüssig herausstellen, weil dann
ohnehin niemand eine solche Feindseligkeit der Interessen voraussetzen müßte.« Freiheit und die Einschränkung der Freiheit bedingen also einander. Wenn die Menschen es für ein taugliches Mittel zum Auskommen halten würden, mal auf den eigenen Vorteil zu verzichten (was im Kapitalismus freilich den Untergang bedeutet), und kooperativ die anfallende Tätigkeit erledigen würden, dann bräuchte man auch kein Gewaltmonopol mehr, das dafür sorgt, dass sich die Menschen im Namen ihres eigenen Willens nicht abschlachten.

Und da sind sich Piraten und FDP dann schon wieder näher, als sich aus den Nebelkerzen Dörings oder dem Spott der Piraten ob der zeitweilig unterirdischen Wahlergebnissen der FDP entnehmen lässt. Sowohl die Freiheit von staatlichen Eingriffen beim Ausleben des eigenen Individualismus im Internet und auf der Einkaufsmeile, als auch die Freiheit zum Geld verdienen, Ausbeuten und dem Annehmen von Geldern irgendeiner Industrie, meinen nichts weniger als die Vorraussetzung kapitalistischer Konkurrenz.

Aber was dann? Vielleicht wäre es an der Zeit gegen den Idealismus einer »herrschaftsfreien« Gesellschaft, mit dem einer freiheitsfreien Gesellschaft anzukämpfen. Eine Bewegung, die den jetzigen Zustand aufhebt, lässt sich jedenfalls nur schwerlich mit Individuen machen, die den jetzigen Zustand denken und diese Gedankenform für Emanzipation halten. Womit wir auch die Pathetik gewürdigt hätten.

Übrigens: Dass die USA ihr neues hochhausgewordenes Nationaldenkmal »Freedom Tower« (Fragmente sind auf den Bildern dieses Posts zu erkennen) nennen werden und damit die Unterdrückung weiter Teile der Welt in Glas, Beton, Stahl und High-Tech gießen, darf man ruhigen Gewissens symptomatisch für die Freiheit, die alle meinen aber keine_r definiert, nennen.

Deutschland, du bist Deutschland!

Montag, Mai 7th, 2012

Die Anklage in der Überschrift klingt redundant? Zugegebenermaßen. Aber ich will auch mal Gesellschaftskritik auf dem Level der nicht-mehr-ganz-so-neuen-antideutschen-Popmusik betreiben. Zuerst aber ein kleiner Blick in die Geschichte. Im Jahre 2006 fand in Deutschland eine Sportveranstaltung statt, bei der irgendwelche Männer irgendwelchen Bällen hinterherliefen und irgendwelche anderen fanden, dass das jetzt ein Supergrund sei auf die Männer, alle anderen Männer und ganze Nationen stolz zu sein. Gegen diese Welle des Hurra-Patriotismus stemmte sich wacker Egotronic. Die nahmen »Ten German Bombers« neu auf. Eine solche Provokation, dass sich selbst Spiegel Online genötigt sah, mit den Beteiligten mal ein ernstes Wörtchen zu reden. Was nicht einfach ist, wenn die Beteiligten kein ernstes Wörtchen mehr reden können. Heraus kam dieser Beitrag. Was man damals »keine Ahnung […] uncool […] keine Ahnung« fand, existiert heute immer noch. Grund genug für die Stars der nicht-mehr-ganz-so-neuen-antideutschen-Popmusik (»Frittenbude, Egotronic und die Tiere«) eine Erneuerung der verblichenen Kritik zu versuchen. Wo damals noch aus der Perspektive des Bomberpiloten über Deutschland geredet wurde, versucht sich Frittenbude im Dialog mit Deutschland. Und was sie haben sie Deutschland zu sagen? »Du fühlst dich immer noch so deutsch an.« Was, ja was, mag man den Popstars zurufen, solle Deutschland denn bitte sonst sein? Kommunistisches Wohlfühlparadies, Champagnerbecken, Straßen aus Zucker? Es endet zugegebenermaßen meistens peinlich, wenn sich Linke auf die Kunst stürzen und versuchen Gesellschaftskritik zu vermitteln. Oder noch genereller: Es endet meistens peinlich, wenn Menschen versuchen Gesellschaftskritik zu vermitteln. Fairerweise: Es endet meistens peinlich, wenn Menschen etwas versuchen. Unfairerweise: Selbst der Bericht bei Spiegel Online hatte noch mehr Substanz. Auch wenn die aus Speedresten in den Nasen der Protagonisten bestand. Die Empörung, die Frittenbude & Co versuchen zu repräsentieren, ist keine mehr. Wo Kinski noch beleidigte und Nikel Pallat immerhin versuchte das Interieur eines Fernsehstudios zu zertrümmern und die Mikrophone zu entwenden, lassen sich die nonkonformen Musiker heutzutage zum Abschied brav die Hand geben. Vermutlich, weil man irgendwie erfahren muss, wie sich Deutschland anfühlt. Was bleibt, ist ein fürchterlich belangloser Ohrwurm.

Wie es auch anders geht (nämlich betrunken, lustig und treffend) zeigte Olli Schulz als Charles Schulzkowski ein paar Wochen vorher in derselben Sendung:

Ihr seid nichts als linke Spießer.

Mittwoch, Mai 2nd, 2012

Zugegeben, dieser Artikel ist Nachtreterei. Aber: Sie haben es nicht anders verdient. Als die revolutionäre 1. Mai-Demo, eines der Highlights linker Identitätspolitik in Deutschland, von Einheiten der Polizei angegriffen wurde und sich dagegen wehrte, verlagerten sich die Ausschreitungen auch in die Lindenstraße. Das ist nicht die aus dem Fernsehen, aber immerhin gibt es dort momentan eine Baustelle, also Bauzäune, also astreines Barrikadenmaterial. Nun, das mit den Barrikaden kann die deutsche Linke nicht mehr, weswegen auch nicht viel mehr passierte, als dass die dort stehenden Zäune umgerissen wurden. Die berlinische Qualitätspresse (B.Z.) wusste in ihrem Ticker zu schreiben, dass »das Jüdische Museum mit Steinen beworfen [wurde]«.

Das wäre ein Problem. Wäre, weil es nicht passiert ist. Ein Problem, weil Angriffe auf jüdische Einrichtungen nichts weniger als antisemitisch wären. Nun, die normative Kraft des Erfundenen brachte einige Antideutsche auf die Barrikaden (virtuell natürlich nur, weil s.o.). In der Feindbildpflege höchst bemüht auch aus einer Nichtigkeit Antisemitismus zu konstruieren, konstruierten sie fleißig. Auch nach Hinweisen, dass nicht das Jüdische Museum angegriffen wurde, sondern eine Polizeibarracke davor, war man sich nicht zu blöde, weiter Antisemitismus zu wittern. Schließlich hätte diese Polizeibarracke ja die Aufgabe das Jüdische Museum vor den Angriffen der antisemitischen Internationale zu schützen. Wie ein kleines Haus (s. Bild unten) das bloß machen soll, und ob sich ein zum Angriff entschlossener Antisemit von 4 Bullen kurz vor der Rente und einem Häuschen mit einer Grundfläche von einem geschätzten Quadratmeter von diesem Angriff abhalten lassen würde, bezweifelt der Autor dieser Zeilen. In einer Realität, die Lowlights linker Identitätspolitik (Fahnen schwenken, Buttons tragen, Facebook-Postings) aber für eine sinnvolle Unterstützung von Israel hält, ergibt das vermutlich alles Sinn.

Eine Altherrenrunde arbeitet ihre antideutsche Vergangenheit auf – oder: bei der NEA wird nichtmal mit Wasser gekocht

Dienstag, Dezember 20th, 2011

Sehnsüchtig erwartet fand am Samstag, dem 18.12.2011 die Veranstaltung „Rechtpopulismus und die Linke“, organisiert von der bauchlinken NEA („North East Antifascists“) und der Trend Online Zeitung, statt. Bereits im Vorfeld gab es auf der Facebookveranstaltungsseite kleinere verbale Schlagabtausche, sodass Prognosen von „der komplette Saal diskutiert gegen das Podium“ bis „Antiimpschläger springen auf alles, was die Stirn runzelt“ abgegeben wurden.
Zu dem sogenannten „Teach in“ erschienen soviele Leute, dass die Zuspätkommer nur noch Platz auf dem Boden fanden, wer meint, zum Thema Antideutschenbashing sei bereits alles gesagt, der irrt scheinbar.

Auf dem Podium, das nach Eigenaussage selbstverständlich nicht zur Selbstdarstellung angetreten war, fanden sich der leicht wirr wirkende Attila Steinberger, ehemals Krisis, nun Lieblingsreferent der kurz vor der Bedeutungslosigkeit stehenden NEA, der Jungle-World-Paris-Korrespondent Bernard Schmid, bei dem durchaus fraglich ist, was ihn ausgerechnet zu diesem Blatt trieb und dessen Anwesenheit wohl soetwas wie ein heterogenes Podium vorgaukeln sollte und Gerhard Hanloser, der insgesamt am souveränsten wirkte.

Vorweg muss gesagt werden, dass der Titel der Veranstaltung etwas irreführend war. Eigentlich war die Überschrift des Ganzen „Warum die Bahamas ein rassistisches Mistblatt ist“.

Denn „die Antideutschen“, über die Georg Klauda zu Beginn noch nicht als homogene Masse sprechen wollte, es aber trotzdem die ganze Zeit tat, das ist die Bahamas, der durch die Bezeichnung „Zentralorgan der Antideutschen“ eine Bedeutung zugeschrieben wurde, von der sie selbst wohl nur träumen kann, und noch ein paar andere Schreiberlinge. Und sonst nichts. Darin waren sich alle Beteiligten einig.

Selbst auf Nachfrage aus dem Publikum, wie es sich denn mit antideutschen Antifagruppen verhielte, stammelte Steinberger nur zusammen, dass er die ja ausschließlich aus dem Internet kenne und dazu auch nicht viel sagen könne.

Gerhard Hanloser eröffnete die Runde mit einer Darstellung der sogenannten Bahamasideologie ähnlich wie in dem von ihm mitgeschriebenen Buch „Der bewegte Marx“ mit dem Begriff des Zirkulationsmarxismus, der von Klassengesellschaft nichts wissen möchte. Das sogenannte „Antideutschland“, das er ohne weitere Begründung als Synonym für „die Antideutschen“ benutzte, die er für die deutschesten der Deutschen hält, schlage sich seiner Meinung nach durch die Ausblendung sozialer Kämpfe zwangsläufig auf die Seite der Herrschenden und der Nation.

Weiter ging es mit Bernard Schmid, der sich in einem Abriss der Geschichte der Antideutschen versuchte und zugab, früher ebenfalls dort verortet gewesen zu sein. Georg Klauda stimmte in den Chanson der Reue gegenüber der eigenen politischen Vergangenheit ein und beide versuchten, ihre Geschichte aufzuarbeiten, indem ein bunter Refrain aus „seit 9/11 gehen die aber garnicht mehr“ gesungen wurde. Schmid verglich seinen ehemaligen Helden Elsässer mit Mussolini und zeigte die Tiefe seiner Analyse, indem er Sören Pünjer mehrfach als „Würstchen“ titulierte.

Am – eh schon zweifelhaften – Niveau mussten weitere Abstriche gemacht werden, als Attila Steinberger das Wort erhielt. Völlig wirr arbeitete er sich an diversen Zitaten von Grigat, Küntzel und der Bahamas ab und feierte Sternstunden der Kritik, indem er die Exstenz eines Ummasozialismus durch Kreditangebote islamischer Bankinstitute versuchte zu widerlegen. Die wären schließlich auch mit Zinseszinz. Als Highlight des Kurzvortrags kann Steinbergers These, Milton Friedman könne ja nicht antisemitisch gewesen sein, er war ja selbst Jude, gesehen werden. Leider begriff Steinberger nicht, dass das Publikum hier und desöfteren sonst nicht mit, sondern über ihn lachte und warum Friedman Antisemit sein soll, blieb auch unklar.

Nach ein paar kurzen Fragen der Moderation an die vortragende Altherrenriege, bei deren Beantwortung zum hundertsten Mal – selbstverständlich mit Recht – der Rassismus der Bahamas betont wurde, wurde der Ring dann endlich eröffnet.

Generell hat sich die Moderation ganz gut angestellt, längere Wortbeiträge ohne konkrete Frage zu verhindern, auch wenn sich Herr Klauda dabei deutlich geschickter zeigte als sein Moderationskollege, dessen Taktik einzig darin bestand, ins Mikro zu rufen, dass er ja lauter könne.

Wie eingangs erwähnt, konnte auf die Frage, was denn zu anderen antideutschen Gruppierungen, die sich im Gegensatz zur Bahamas durchaus der radikalen Linken zurechnen, zu sagen sei, keine wirkliche Antwort gefunden werden und auch sonst diente die „Diskussion“ eher der eigenen Positionierung und war vom eigentlichen Inhalt des Wortes meilenweit entfernt, was durchaus auch daran gelegen haben könnte, dass vom Podium eher kein Austausch, sondern nur ein einseitiges Frage-Antwortspielchen gewünscht war.

Ganz nebenbei rutschte dem Herren Antirassisten Klauda dann noch ein „Asylanten“ in den Mund und die Antiimpschläger von Zusammen Kämpfen führten sich auf wie eine Mischung aus Fußballkurve und Jubelperser, wobei man sich manchmal wohl aus Verständnislücken unsicher war, ob nun geklatscht oder böse geguckt werden muss. Den bösen Blick ließ man im Zweifel lieber ins Publikum schweifen.

Während ein Podiumsteilnehmer dem politischen Gegner, nicht Feind, denn Feindschaft müsse ja gepflegt werden, Neurosen attestierte, ging der NEA, die zwar keine Ahnung hatte, aber immerhin Tresen gemacht hat, die Mate aus, was angesichts mancher Publikumsbeiträge („Denen sollte man mal aufs Maul haun!“) sicher eine günstige Fügung war, denn übrig war nur noch Bier und damit geht schließlich alles besser.

Alles in allem haben wohl ausschließlich die Jungs von ZK hier etwas Neues gelernt, von nun an können sie, nachdem sie Leuten, die sie unter „antideutsch“ subsummieren, nach der Faust im Gesicht noch hinterher rufen „für weil wegen Bahamas und so“, da fällt sicher in nächster Zeit nochmal eine Packung Merci für die Gruppe ab, die vor 2 Jahren noch ein Konzert mit Makss Damage plante und kürzlich ein Plakat erstellte, das genau so von Lichtenberger Nazis im Weitlingkiez plakatiert wurde.

Nachhilfeunterricht.

Donnerstag, Dezember 15th, 2011

Wenn es in einem an Berlin nicht mangelt, dann sind das selbsternannte DJs. Die meisten von denen haben keinen Musikgeschmack und keine Ahnung, dafür aber ein Ego wie ein Heißluftballon. Das muss aber nicht so bleiben. Wir beim diffusen Spektakel wollen diesem und allen anderen Missständen nicht tatenlos zugucken und betätigen uns deswegen mal als Servicemagazin für all die, die dringend eine führende Hand brauchen. Liebe Nachwuchs-DJs, und solche, die es werden wollen, aber zu blöd sind Traktor zu installieren: So wird’s gemacht.

Gebt das Heroin frei!

Montag, Dezember 12th, 2011

Es wird Zeit sich mit billigstem Antipopulismus unbeliebt zu machen. Jetzt ist die Frage was hat das mit Heroin zu tun? Dann ist ist die Antwort nichts. Außer, dass die allseits für ihre humoristischen Leistungen anerkannte Regierung der Bundesrepublik Deutschland sich zu Drogen und Volksgesundheit geäußert hat.

Es trug sich zu in der Weimarer Republik, dass ein paar übermotivierte Politiker auf die Idee kamen, dass es vielleicht ein guter Einfall sei, der Bevölkerung vorzuschreiben, wie sie sich dumm machen dürfen. Denn, jemand, die Zeit ihres Tages in einer Opiumhöhle rumhängt und sich Pfeife nach Pfeife genehmigt, kommt in der Regel nicht mehr dazu die zersetzte Arbeitskraft dem Kapital zu Gute kommen zu lassen. Das ist ein Skandal. Seitdem hat der deutsche Staat von dieser Linie nicht abgelassen, auch wenn die differenziertere Meinung heutzutage auch Freundinnen der Drogen in die Parlamente und an die Strände demokratischer Meinungsbildung spült. Die Ex-Kifferinnen von den Grünen, die neuen Freunde des Rauschs in der Piratenpartei oder die Gegenfürgegenalles-Partei Die Linke. Nun, muss man keine Expertin sein, um zu wissen, wie viel von der offen propagierten Drogenfreundlichkeit übrig bleibt, wenn man in einer Koalition mit der CDU sitzt. Nichts. Denn spätestens, wenn man sich den Mühlsteinen des Realismus hingeben muss, um das alles, was man sich so halluziniert hat, auch im Rahmen der Finanzierbarkeit zu halten, hat sich so mancher Idealismus in Luft und Lippenbekenntnisse aufgelöst.

Aber darum geht es hier gar nicht. Es geht hier um Drogen und Drogenverhinderungspolitik. Mal eine Frage: Woher kommt das denn bloß, dass Gras, Heroin, Koks und all die anderen angenehmeren oder unangenehmeren Mittel zum Aushalten des Alltags andauernd bis immer mit irgendeinem Scheiß gestreckt sind, sich die Risiken beim Konsum ins Unermessliche steigen und so manche Drogenkarriere in der Gosse endet? Von einer Eigentumsordnung, die nicht den Rausch, sondern den Profit zu ihrer Maxime erhoben hat. Von einer Drogenpolitik, die auf Restriktionen setzt (übrigens, unter den Vorzeichen heutiger Gesellschaften ist das Gegenteil meistens genauso falsch, s. Profitinteresse). Von einer Scheinheiligkeit, die den Feierabendkasten Bier zur Kultur erhebt, drei Tage wach auf chemischen Derivaten aber für verrückt hält. Man wird doch wohl noch selber entscheiden dürfen, wie sehr man sich kaputtmacht. Und so lange die Option ist, sich dem Kapital als Profitmaschine zu veräußern, eben so richtig. Gebt das Heroin frei.