Archive for the ‘Eine Flanke gegen die Gegebenheiten’ Category

Russland. Gestern, heute, morgen.

Mittwoch, August 7th, 2013

Back in the days, als Stalin noch Bundeskanzler war, CD Seife und Video Latein, war die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben. Immerhin hatte Stalin der Hitlerei ein Ende gesetzt und die deutsche Linke schon immer ein Standbein in der Vergötterung projektiver Fremdbezogenheit.

In Wahrheit nämlich war schon damals alles, gelinde gesagt, scheiße. Die revolutionären Hoffnungen, die in die Novemberrevolution gelegt wurden, enttäuscht von einem Apparat aus Mord und Klüngelei, die Gesellschaft der »freien und gleichen«, die Marx und Engels erhofften, nie geworden.Der Apparat richtete sich ein und die Charaktermasken der Herrschaft wurden wieder getragen – in sowjetrotem Anstrich.

Dieses traurige Scheitern mag unvermeidbar gewesen sein. Um das zu sagen, müsste man Geschichte aber wenigstens von Zeit zu Zeit als determiniertes Handlungskonzept sehen, welche sie nur ist, wenn alle sie so sehen. Und sich über den Weg einig sind. Über den Weg sind sich aber nie alle einig, und so ist der Weg der Geschichte nie gegeben, muss immer gemacht werden. Das ist damals geschehen, von den Bolschewiki, von reaktionären Kräften, nur von der wirklichen Bewegung, Marx, die den jetzigen Zustand aufhebt, keine wirkliche Spur. Das geschieht auch heute, die reaktionäre Internationale ist nicht wesentlich untätiger als in den vergangenen Jahren, sie hat sich nur einiges mehr einverleibt. Die Grünen zum Beispiel, aber die sind ausnahmsweise nicht Thema.

Die reaktionäre Nationale in Russland bläst in den vergangenen Monaten zum Frontalangriff und irgendwie gucken alle nur zu. Angesichts der wirtschaftlichen Abhängigkeit weiter Teile Europas von russischem Öl und der geopolitischen Machtposition, die das Land immer noch hat, ist auch nicht wirklich anderes zu erwarten. Aber der Reihe nach – diese stellt bekanntlich das Problem vor die Intervention.

Die Duma, das russische Parlament, verabschiedete vor kurzem ein Gesetz, das sich gegen »Homosexuellen-Propaganda« wendet. Soll sein? Im Grunde alles, was Homosexuelle nicht sofort und ohne Umwege in die Hölle oder wenigstens mit gebrochener Nase in die Gosse befördern möchte. Das mag ein wenig zugespitzt formuliert sein, entbehrt aber traurigerweise keineswegs der Wahrheit. Es ist eine heilige Allianz aus Bullen, orthodoxen Gläubigen, Neonazis und der ressentimentgetränkten Normalbürgerin, die durch das Gesetz ins Recht gesetzt wird, und sich in diesem Recht wohl genug fühlt, auf offener Straße gegen Schwule, Lesben und Transsexuelle vorzugehen. Wer kotzen möchte, findet Videos und Beschreibungen solcher Übergriffe in anderen Ecken des Internets. Aber wer will das schon. Unter dem Vorwand, Kinder vor Perversionen zu schützen, findet diese Hetzjagd statt. Wieder einmal. Die Familie muss erhalten werden, das zukünftige Staatsvolk gezüchtet. Und das nicht nur in Russland.

In Deutschland sagte das jüngst eine gewisse Erika Steinbach, ihres Zeichens Vorsitzende des Vollidiotinnenvereins für die deutsche Osterweiterung, in Frankreich rief die geplante Legalisierung der Ehe für fast alle, für Monate Tausende auf die Straße, in den USA ruft nicht nur die Westboro Baptist Church »God hates fags«.

Um auch auf Lenin zurückzugreifen: Was tun? Die naheliegendste wie verführerischste Option, Resignation, ist nicht von der Hand zu weisen. Tilda Swinton, ihres Zeichens Schauspielerin, stellte sich mit Regenbogenfahne auf den Roten Platz. Stephen Fry, ebenso Schauspieler, verglich Vladimir Putin mit Dobby, dem Hauself aus Harry Potter, und gab den Ratschlag, ihn einfach nicht ernstzunehmen. Fast so verführerisch wie Resignation!

Angesichts der Tatsache aber, dass Putin eben kein Hauself mit Persönlichkeitsschaden ist, sondern Machthaber einer Nation mit Polizei, Geheimdienst, Militär und Kirche, auch gefährlich. Es ist eben nicht putzig oder gar bemitleidenswert, was geschieht. Es ist abstoßend und ekelhaft. Putin ist nicht Dobby, er ist ein Arschloch. Das Bitterernste durch lachen zu demaskieren, läuft außerdem akut Gefahr, sich selber lächerlich zu machen. Thälmanns Ausspruch, dass man einen Finger brechen kann, fünf aber eine Faust sind, lässt sich auf Witze nicht übertragen. Fünf Witze sind einfach nur fünf Witze – und beim derzeitigen Stand des Humors sind vermutlich vier davon schlecht.

Es wäre angemessener sich des Idealismus zu entledigen, der die Menschheit doch ganz töfte scheinen lässt, als immer wieder auf jene Masche zu setzen, die unsympathische Menschen entmenschlichen will. Als wäre es nicht genau das, was diese mit ihren Kontrahentinnen tun. Zugegebenermaßen: Die Vorstellung Putin und Konsorten irgendwann in einem Lesekreis in Sibirien oder einer Fischmehlfabrik in Bremerhaven zu sehen, wird dadurch nicht weniger verlockend. Wir alle wissen aber auch, dass nur Menschen lesen können.

Zurück zu Putin: Übrigens ein Arschloch, das noch über die eine oder andere Bewunderin außerhalb organisierter Schlägerinnenbanden verfügt. Als er neulich seine neue Staatskarosse (Verbrauch: Bis zu 65 Liter auf 100 Kilometer) ablehnte, wurde flugs ein Designwettbewerb für eine neue gestartet. Jüngst wurde das Siegermodell gekürt, eine innovationslose Protzlimousine namens »President«.

Und die gute Nachricht? Das schöne Ende? Hoffnung? Klingt verrückt, aber ich hätte da was. So, wie Sowjetrussland die Hoffnung auf Emanzipation und gutes Leben einst enttäuschte, wäre es doch nur allzu richtig, wenn der reaktionäre Bullshit heutiger Tage im Laufe der nächsten Monate umschlägt und hunderte weinende Arschlöcher auf der Straße hinterlässt. Ihre Hoffnungen im Zug nach Sibirien verfrachtet, ihre Führer weg, die vormaligen Kolleginnen nun Lokomitvführerinnen jener wirklichen Bewegung, die den jetzigen Zustand aufhebt. Man wird ja wohl noch träumen dürfen. Und wenn das nicht klappt, muss Plan B her: Die Rote Einhorn Armee.

(Dieser Text war im Original ein Redebeitrag auf der Veranstaltung Theorie & Liebe: Russland. Theorie & Liebe ist eine alle zwei Wochen auf dem Wagenplatz Pink&Brainy stattfindende Lesereihe zu allem Möglichen.) 

Blasphemie ist eine Strategie.

Donnerstag, Juni 6th, 2013

Harmonie war einmal, das neue große Ding ist Dysharmonie. Und es gibt so ein paar Gestalten der immerwährenden geistigen Umnachtung, mit denen man es sich ruhig öfter verscherzen kann. Ich rede von der katholischen Kirche, oder Religion im Allgemeinen. Aber speziell von der katholischen Kirche.

Als deren Oberhirte Dingsbums der I. letztes Jahr das beschauliche Multimillionendorf Berlin besuchte, konnten es sich einige der grundsätzlich überdurchschnittlich Verbitterten nicht nehmen lassen, dagegen ihre Münder aufzumachen, Trompeten (nicht von Jericho) zu zücken und ihm und seiner Bande – auch den Einheimischen, gute Blasphemie macht keinen Halt vor der eigenen Scholle – den Besuch mit der ein oder anderen negativen Erinnerung zu versüßen. Solche Proteste haben manchmal Nachwirkungen; manchmal kosten sie sogar Geld. Zum Beispiel, weil die Staatsgewalt ihre Treue zu Recht, Gesetz, König und Kirche (unzutreffendes bitte streichen) beweisen will. Lange Reder, langer Sinn: Am Samstag ab 23.59h lädt das ://about blank in Zusammenarbeit mit den Vollzeitkloppis von Dicht am Mittag zu einem Sonntag im Zeichen des Kreuzes. Mehr Informationen bei Facebook oder Resident Advisor.

Dieser Beitrag wurde ermöglicht, weil wir nicht dem WDR-Gesetz unterliegen. Sendungen, die vom WDR in Auftrag gegeben wurden, tun das. So zum Beispiel die Sendung Kekebus! von Carolin Kekebus. Wie das SZ TV-Blog berichtet wurde aus ihrer Sendung eine Gesangseinlage gestrichen, weil sie religiöse Gesetze verletzen könnte, und das ist böse, weil s. Gesetz. Klingt soweit nicht einleuchtend, es sei deswegen hier gezeigt.

Woopdidoo!

Freitag, April 26th, 2013

Einige haben’s vielleicht mitbekommen: Die USA hadern nach wie vor ein klein wenig damit, sich ihren zweiten Verfassungszusatz – das Recht, sich bis an die Zähne zu bewaffnen – einschränken zu lassen. Denn: Dann kommt der Faschismus. Oder Sozialismus. Was aber eigentlich das Gleiche ist. Logik? Iwo, man hat Fox News. John Oliver hat sich für die Daily Show mal angeguckt, wie Australien schärfere Kontrollen für Waffen durchgesetzt hat und welche Auswirkungen das hatte. Nicht ohne mit Waffenfreunden in den USA drüber zu reden. Große Unterhaltung.

 

Part 1 DirektlinkPart 2Part 3

 

Vergewaltigungen brisant.

Donnerstag, April 25th, 2013

Eines meiner erkenntnistheoretischen Hobbies ist das Gucken der ARD-Sendung Brisant. Die ist meistens so unspektakulär und zum Gähnen langweilig, dass es sich sie hervorragend nicht gucken lässt. Genau genommen ist mein Hobby also das Nichtgucken von Brisant. Ausgenommen: Nachrichten über sämtliche Königliche Herrschaften der Welt – und aus Versehen brisante Kommentare zum Zeitgeschehen. Gerade Nachrichten, die sich alle Politik schon lange aus den Drehbüchern streichen wollten und Gesellschaft als besondere Individuen verstehen, können zum entlarvendsten Kommentar werden. Wer nicht drüber nachdenkt, macht einfach. Und wer nur den Maßstab berühmt oder reißerisch kennt, sortiert nach diesem Maßstab.

Vergewaltigungen sind so ein Thema, das reißerisch ist, ganz ohne Berühmtheiten zu brauchen. Mit Berühmtheiten natürlich noch viel reißerischer. So kamen dann heute auch direkt zwei Meldungen, die etwas mit sexuellen Übergriffen bzw. Vergewaltigungen zu tun haben. Fangen wir von hinten an: Anschuldigungen gegen Roy Horn von der Popgruppe Siegfried & Roy, er habe Krankenpfleger sexuell belästigt. TMZ hatte gestern berichtet, ein Video gesehen zu haben, dass solche Vorfälle zeige. Zur Anklage wird es nicht kommen, sexuelle Übergriffe verjähren in den USA nach einem Jahr, die Vorfälle sollen 2010 stattgefunden haben.

Auf der anderen Seite wird in unschöner Häufigkeit von Fällen berichtet, in denen eine Betroffene dem unschuldigen Täter das Leben so ordentlich versaut hat1Das heutige Beispiel. Das hat wenig mit der gesellschaftlichen Realität zu tun. Nun kann man ja sagen, die boulevardeske Newsmaschine hat mit empirischen Betrachtungen nichts zu tun, sie berichten auch über das Gegenteil, und überhaupt: Was guckst du den Scheiß eigentlich? Außerdem scheinen die Fälle stattgefunden zu haben und was stattfindet, das muss auch berichtet werden. Öffentliches Interesse, weißt du! Wenn etwas stattgefunden hat, dann hat es erstmal stattgefunden und ist gut oder schlecht. Das öffentliche Interesse sollte auch ein Interesse an Zusammenhängen sein. Es gibt nämlich nicht nur mutmaßliche Falschanschuldigungen – der Verein Terre Des Femmes nennt eine Zahl von 5% der Fälle2 – es gibt aber auch die große Mehrheit der richtigen Anschuldigungen und die noch viel größere Mehrheit der Fälle, in denen erst gar keine Anklage erhoben wurde, weil die Betroffenen sich dazu nicht in der Lage sehen. Es gibt eine Rape Culture, das Verharmlosen, das Verlachen, die gut gemeinten Ratschläge an die Betroffenen. Das alles könnte man thematisieren. Dann hätte man dem Bedürfnis nach seichter Unterhaltung zwar den Tag versaut, aber wenigstens kann man mit dem guten Gefühl zu Bett gehen, ausnahmsweise eine ausgewachsene Nachricht gesendet zu haben.

 

  1. Brisant dient mir hier zugegebenermaßen nur als Beispiel, andere Medien beherrschen dies wenigstens ebenso gut []
  2. Verbildlicht sieht das so ausdieser Artikel bei Slate liefert einen besseren Einblick in Zahlen und Häufigkeit []

Dann mach doch den Kopf zu!

Freitag, Februar 1st, 2013

Es ist zum Kotzen. In einer Welt, in der der Stern plötzlich als Leitmedium des Antisexismus’ erscheint und man sich bei Stern TV nicht über den Einspieler sondern über die Feministin mit dem schönen Namen von Horst, die im Brustton der nicht durchdachten Überzeugung verkündet, dass Frauen kein übergriffiges Verhalten an den Tag legen könnten, aufregt, hilft selbst der vollste Kühlschrank nicht, den Magen genügend zu füllen. Meiner ist leer.

Deswegen, nur zur Klarstellung: Natürlich ist der Stern nicht das antisexistische Leitmedium der Postpostpostmoderne und natürlich hat Frau von Horst Unrecht. Unrecht, gutes Thema. Wo Recht zu Unrecht wird, so hieß es, wird Widerstand zur Pflicht. Wenn Dummheit zur Gewohnheit wird, so heißt es: Willkommen in der Realität. Es überrascht deswegen kaum, dass auch viele Kommentare zum #Aufschrei, der gerade durch deutsche Medien geht, dumm wie Brot sind und fragmentarisch wie ebenjenes in geschnitten. Den großen Zusammenhang »Gesellschaft« halluziniert man höchstens noch herbei, ohne größere Anstrengungen zu unternehmen, ihn zu fassen. Manchmal erspart man sich selbst die Halluzination der Gesellschaft um sich ein wenig gutes Leben unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zu gönnen.

So zum Beispiel Birgit Kelle, ihres Zeichens Christin und Antifeministin, denn es gibt ja Gleichstellungsgesetze – und wie wir alle wissen, reicht eine Vorschrift. Deswegen gibt es in den USA keinen Rassismus mehr und nach dem Ende des Dritten Reiches waren in Deutschland alle Nazis verschwunden. Stimmt gar nicht? Sagt das lieber Frau Keller. Diese jedenfalls hat zum Aufschrei unter der Überschrift »Dann macht doch die Bluse zu« auch ein bisschen hysterisches Gequake beizutragen. Um es vorwegzunehmen: Ihr Gequake ist Produkt einer leidlich erfolgreichen und glücklichen Aneinanderreihung von Begebenheiten, aus der sie eine gesellschaftliche Norm ableitet. Frei nach irgendsoeinem König: Die Gesellschaft ist sie.

Aber der Reihe nach. Mit einem Gedankenexperiment startet die Autorin. Was, ja was, wäre wohl passiert, wenn Brüderle Clooney heißen würde und nicht »frisches Gesicht« der FDP sondern Hollywoodgröße sei. Es mag der Phantasie von Keller nicht einfallen, dass auch Clooney sich übergriffig verhalten kann, dass ihn vielleicht gar nicht alle Menschen so töfte finden. Weiter fabuliert sie von heißen Flirts – der nebenbei auch bei Brüderle hätte entstehen können, hätte er zufälligerweise eine Frau erwischt, die auf junggebliebene Altpolitiker steht – und leitet ab, mit Gedankensprung aber ohne Zusammenhang: »Was wir daraus lernen? Wo persönliche Befindlichkeit als ausreichender Gradmesser erscheint, um Sexismus zu definieren, verkommt der Begriff zur Beliebigkeit.« Was wirklich zu lernen gewesen wäre, wäre natürlich etwas anderes: Übergriffigkeit kann nur über persönliche Maßstäbe definiert werden. Natürlich ist es gut, wenn eine Person mit mir flirtet, mit der ich flirten will und natürlich ist es schlecht, wenn das eine tut, die mich in Ruhe lassen soll. Das ist keine Beliebigkeit, das ist eine Basisbanalität. Bestimmtes Verhalten ist mal übergriffig und mal nicht. Im Sinne mündiger Menschen wäre es folglich auch nicht, einen Regelkatalog aufzustellen, der von A-Z erklärt, dass dieses oder jenes nicht sein darf, sondern soziale Intelligenz, Aufmerksamkeit und Absehen von der Durchsetzung des eigenen Willens. Das ist nicht einfach. Eine angenehmere Alternative als das Zertrampeln anderer Menschen aber allemal.

Wenn man das rafft und zusätzlich noch einsieht, dass Gesellschaft nicht die Borniertheit der Erfolgreichen ist, nicht die Einzelnen sind, sondern »die Summe der Beziehungen, Verhältnisse […], worin diese Individuen zueinander stehn« (Marx) – was Keller natürlich beides unterlassen hat –, kommt man noch ein Stückchen weiter. Der Blick auf den Arsch, das »Meer von Banalitäten, die nichts weiter sind als das alltägliche Balzverhalten zwischen Mann und Frau« (Keller) sind Ausdrücke der Gesellschaft und aus der Summe der Vorfälle lassen sich z.B. Machtverhältnisse absehen. Das alltägliche Balzverhalten ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Machtverhältnisses, so wie der Blick auf den Arsch eines ist. Übergriff fängt nicht bei der Vergewaltigung an, anders wird ein Schuh draus: Auch die Vergewaltigung ist Ausdruck ebenjenes Machtverhältnisses, das es strukturell eben eher Männern erlaubt, sich etwas rauszunehmen. Das macht nicht alle Männern zu Tätern – individuelles Verhalten lässt sich zum Glück reflektieren und ändern – setzt aber das männliche Geschlecht nach wie vor in eine Machtposition. Und diese Machtposition ist nach wie vor gesellschaftlich. Dass im Einzelfall was anderes passiert, ist gut oder schlecht, aber noch nicht absolut. Die Erfahrungen (sich selber durchsetzen können, Solidarität), die Keller während ihres Studiums gemacht hat, sind gut und schön. Keller leitet daraus ab, dass die Probleme sich für alle erledigt hätten. Und das ist dumm.

Ebenso dumm, aber leider nicht minder populär, ist die Forderung, die schon in Kellers Überschrift anklang: Die Frauen sollen doch bitte in Sack und Asche laufen. Zuhause machen sie sich ja schließlich auch nicht zurecht! Damit schneidet sie übrigens ein interessantes Kapitel an: Die Ableitung des eigenen Selbstwertes aus der Achtung von anderen. Man kleidet sich anders, verhält sich anders, legt andere Maßstäbe an sich und die Welt an, wenn man nicht alleine ist. Das ist ein Problem, aber darum soll es jetzt nur am Rande gehen. Das eigentliche Problem ist doch, die Unbedingtheit, die aufgefahren wird, wenn Frauen dazu aufgefordert werden sich »nicht aufreizend« zu kleiden, gar dafür verantwortlich gemacht werden, wenn ihnen etwas zustößt. In was für einer beschissenen Welt leben wir eigentlich?

Und ja, vielleicht zieht man sich bestimmt an, um Reaktionen zu erhalten. Vielleicht will man diese Reaktionen aber nicht von jedem und vielleicht will man nicht jede Reaktion? Wäre das nicht mal einen Gedanken wert? Aus Minirock folgt nicht von jedem Mann begafft zu werden. Das folgt aus den Gedanken der Männer, die Frauen zu den Objekten ihrer Begierde machen. Get over it.

Diese Objektivierung, die Dummheit der einen entschuldigt ja nicht die Dummheit der anderen, ist andersrum natürlich auch verkehrt. Deswegen regt man sich über von Horst bei Stern TV auf, und das vollkommen zurecht, und auch darüber, wenn eine Kolumnistin in der taz phantasiert, dass »das rätselhafte Geschlecht nicht die Frauen« seien. Das Rätsel eines jeden Zwangskollektivs besteht darin, dass Individuen in diesem zusammengefasst werden, die Regeln mehr oder weniger akzeptieren, sich aber nicht auf diese geeinigt haben. Das rätselhafte Geschlecht sind alle Menschen als Menschengeschlecht. Was zu hoffen bleibt ist, dass die Menschen irgendwann mal auf die Idee kommen, dass es vielleicht weit weniger anstrengend wäre, wenn sich alle mal halbwegs vernünftig benehmen und nicht wie das letzte Arschloch in der Welt rumpoltern.

 

Was muss die Reiterstaffel?

Dienstag, Dezember 18th, 2012

Endlich nicht mehr ganz neues Projektionsmaterial für die verzweifelte deutsche Linke auf der Suche nach dem Aufstand. Der ist aber auch hier nur Aufstand ohne Ergebnis, aber immerhin kann man einen berittenen Teil der internationalen Arschlochbrigade auf der Flucht sehen. Der emphatischere Teil unserer Leser_innenschaft mag jetzt so etwas denken wie »Die armen Pferde« und hat damit sogar recht. Ich bitte nur zu bedenken, dass das abgerichtete und zugerichtete Pferde sind, mit denen – mit Verlaub – kein Kommunismus zu machen ist. Vermutlich nicht mal eine Wurst.

Schredder-Internationalismus.

Montag, November 26th, 2012

Der deutsche Verfassungsschutz musste sich einigen Vorwürfen stellen, sich sogar von denen, die Aktenvernichtung erfunden haben (auf ’ne Art) – den Autonomen nämlich –, vorwerfen lassen, wie unfähig er sei, dass er aufgelöst gehöre. Das stimmt zwar eigentlich. Allerdings steht der Verfassungsschutz in guter Gesellschaft mit den üblichen Verdächtigen von Inge Höger über die demokratische Mitte bis zu diesem Nazi-Marx. Dass es jedenfalls keine gute Idee ist, die allgemeine Gewalt zu entfernen, wenn die partikulare Gewalt tendenziell mit allen Mitteln durchgesetzt wird, erschließt sich aus der Logik der Dinge.

Und solange es noch nicht soweit ist, die partikulare Gewalt durch die Zärtlichkeit der Nichtmehrvölker ersetzt zu haben, solange hilft nur Galgenhumor. Und dem Verfassungsschutz sicher die internationale Solidarität der Polizei von New York. Die haben nämlich: Akten geschreddert. Und dann zu Konfetti verarbeitet. Es geht doch immer noch blöder. Auch aus der Logik der Dinge erschließt sich aber, dass Konfetti neben Glitzer nach ICD-14 (am besten schneller) zu diagnostizieren seien wird, und man manches wirklich nicht mehr unterbieten muss. Oder, um es deutlich zu sagen: Es wird Zeit für einen Umsturz. Ein Unsichtbares Kollektiv stellte schon fest, dass es Unsinn ist, zu warten. In einem Lichte, das Repressionsbehörden weltbekannter Bananenrepubliken als unfähige Ansammlung von Karnevalsvereinen und in ordentlich gescheiterten Staaten als halbprivatisierte Mörderbanden scheinen lässt, wird es immer unsinniger.

Sag mal, GdP (Gewerkschaft der Polizei)!

Dienstag, Oktober 30th, 2012

Geht es es dir eigentlich so elend, dass du den Mund gar nicht mehr aufkriegst? Das wäre nicht weiter schlimm, würdest du wenigstens deiner Konkurrenz der DPolG (Deutsche Polizeigewerkschaft) das Maul verbieten. Und bitte diesem Wendt als erstes. Und wo wir schon von dir sprechen, DPolG, klar, du bist nunmal eine Gewerkschaft für PolizistInnen und wir wissen alle, dass die als Kind vor lauter Verfassungstreue vergessen haben, von der Intelligenz zu kosten das Argument gegen den Staat zu lernen. Deswegen auch klar: Du machst Law & Order und vor lauter Law & Order schaffst du es weiterhin nicht von der Intelligenz zu kosten wenigstens mal für 2 Cent nachzudenken ach, egal. Deswegen darf sich dein Vorsitzender, oben erwähnter Wendt, auch weiter an die Presse wenden (und vermutlich sogar noch gefragt werden, schäm dich, Journalismus!) und so kluge Sätze sagen wie: »Man sieht wieder einmal, die Gerichte machen schöngeistige Rechtspflege, aber richten sich nicht an der Praxis aus«. Zum Thema racial profiling. Denn du und deine KollegInnen, ihr wisst natürlich: In Wahrheit sind diese ganzen Schwarzen wenigstens kriminell. Und wenn sie schon nicht kriminell sind, dann wenigstens verdächtig. Wie sagt man da so schön: 1312.

PSLOLOMGROLF c/o tagesschau.de, du glaubst also wirklich, dass ein Gerichtsurteil Rassismus und rassistische Verhaltensweisen einfach so abschafft? Oder wie darf ich den Satz »In den USA wurde die Praxis im Jahr 2003 abgeschafft« sonst verstehen? Kleiner Tipp: Guck dir doch mal die Realität an, hast du bestimmt irgendwo in deinen Archiven.

Bummelmuttis. Über die Unmöglichkeit der Diskretion auf dem Gehweg.

Samstag, Oktober 27th, 2012

Eye, selig-naiv grinsende Bummelmuttis, die ihr euren Nachwuchs wie Monstranzen des Bessermenschentums rumgewickelt vor euch hertragt und wie die Bachen im Frühling auf der Waldlichtung euch auf dem Bürgersteig schart, als habet ihr mit der Gnade der Mutterschaft das Vorrecht erwirkt, euren Mitmenschen die Zeit zu stehlen, denn weder links noch rechts noch mittendrin führt ein Weg an eurem penetrant zur Schau gestellten Glück vorbei! Nein, ich neide euch nichts und wenn ich beladen mit einer bleiernen Aldi-Tüte in der Linken und einem mittelschweren Aktenkoffer in der Rechten daherkomme und im Rahmen sozialer Gepflogenheiten, sozusagen freundlich aber bestimmt, um Platz und Vorbeikommen bitte, dann gibt es keinen Grund, ausfällig engagiert zu erklären, mir fehlte der Kindersegen für meine charakterliche Ausgeglichenheit; überflüssig, eure Augäpfel zu verdrehen, eure Nasen zu rümpfen und auch der Faltenwurf auf euren sonst so anmutig östrogengeglätteten Stirnen ist umsonst. Wundert euch aber nicht, wenn ich die linke Braue über ein solches Gebaren anhebe und mir die Adern in den Schläfen anschwellen und bersten. Denn euer verächtliches Betragen erfüllt eine psychologische Funktion: Niedergekommen aus einer entstellten Vorstellung von Freiheit, spiegelt es nicht weniger als eure Ohnmacht in den heurigen Verhältnissen – was ihr wenigstens mit dem Gefühl moralischer Überlegenheit zu entschädigen sucht.

Anders verkraftet ihr eure Kränkung nicht, da ihr insgeheim lange schon und ganz zu recht habt alle Hoffnung fahren lassen. Verkraftbar ist euch dies mit einer Politur der Widersprüche, die euch selbst mit allen Zwängen versöhnt denken lässt. Was euch Unbehagen bereitet, sind jene, die abweichen von euch, die ihr das Allgemeinste als Individuelles begreift. Anders leuchtet nicht ein, wie ihr privates Glück in einen Heilsdienst an der Menschheit umdeutet, der gefälligen Respekt von allen einfordert, die sich der Hingabe an die Strapazen einer Mutterschaft entziehen. Kinderlose Frauen gehen, wie Homosexuelle (Neuerdings werden auch alle, die sich dem Zwang zur inzwischen ökonomisch notwendigen Selbstoptimierung, z.B. qua Nicht-Rauchen, leiblicher Ertüchtigung und Halbfettmargarine verweigern, als fragwürdig identifiziert.), das Wagnis ein, erkennen zu geben, dass sie ihre leibliche Funktion nicht in den Dienst des Kollektivs stellen, Sexualität gar zum individuellen Lustgewinn praktizieren und werden deshalb apriorisch verdächtigt, die Reproduktion zu hintergehen. Ganz so, als sei ein Einzelnes mächtig, sich gesellschaftlicher Zwangsarbeit, wenn auch in ihrer abgemilderten Variante, zu verweigern, wird jedes Indiz für Individualität zur nackten Provokation. Die Blaupausen vom selben Entwurf, Menschenleben genannt, werden vom weichgespülten liberalen Verstand als höchster Wert veranschlagt, doch sind sie ohne Fleisch und Blut, denn das vermittelnde Element für Assimilation schlechthin ist in der Überflussgesellschaft Mangelware und eben diese Relation produziert gesellschaftlich überflüssige Mangelwesen.

Die Akzeptanz dieser Anomie gelingt nicht ohne Qual. Der Besitz an sich selbst und freier Wille können allenfalls Schein sein, wenn private Existenz abhängt von unbeeinflussbaren ökonomischen Prozessen. Niemand gibt pränatal sein Einverständnis darin, das Licht dieser Welt zu erblicken. Aber selbst von allem Sinn beraubt, treibt die gesellschaftliche Ordnung dennoch dazu an, Erleuchtung in der Unterjochung des persönlichen Glücks zu suchen. Die vorbehaltlose Bejahung des eingekerkerten Lebens kennt nicht einmal die Hoffnung auf ein seliges irdisches Leben. Ökologische Gemüsekisten und nachhaltige Kindergärten vermögen findig darüber hinwegzutäuschen, dass Leben in der Gegenwärtigkeit nur als verwertendes von Wert ist. Das Subjekt, das sich selbst erkennende Erkennende, verdankt die Eventualität seiner Existenz überhaupt erst dem Markt, denn Individualität hatte ihre Geburtsstunde in der Entfesselung der Zirkulationssphäre: Diese Art der Unfreiheit, private Arbeitskraft gesellschaftlich veräußern zu müssen, setzt paradoxerweise die Fähigkeit voraus, sich selbst zum Gegenstand von Erkenntnis zu machen und sich von anderen unterschieden wahrnehmen zu können. Selbsterkenntnis könnte den Status eigener Gefangenschaft bewusst mitdenken. Der unerträglichste Widerspruch ist jener, dass das Potential zu individuellen Lebensentwürfen überhaupt erst im Warentauschverhältnis möglich wird; denn der Markt ist leidenschaftslos gegen Alter, sexueller Identität und Hautfarbe, er kennt nur Verwertungsobjekte, treten diese nun als Arbeitskraft oder Konsument in Erscheinung. Innerhalb dieser allgemeinen Nivellierung ist die Entscheidung für oder gegen Elternschaft überhaupt erst denkbar. Verachtung gegen Mütter, weil diese den Ruch der alten Ordnung, die Stigmata der Bezwingung durch das Patriarchat und biologische Dienstbarkeit an sich trügen, verfehlt den Gedanken von Emanzipation. Solche Lesart blendet den eigenen Gehorsam gegen die bestehenden Verhältnisse aus, verkennt, dass die Gesellschaft nicht für die Menschen geschaffen wurde, missdeutet Individualität als ahistorisch und natürlich. Was von falsch verstandenem Feminismus anvisiert wird, ist die Gleichberechtigung oder Machtumkehr der Geschlechter im Konkurrenzverhältnis am Arbeitsmarkt.

Zweifelsohne sind in der Logik des Bestehenden egalitäre Integrationschancen für die Existenzerhaltung elementar notwendig, nur ist es eine fragwürdige Utopie von einer Gesellschaft, die allen das gleichrangige Recht zur Selbst- und Fremdausbeutung gewährt. Es nimmt nicht wunder, wenn aus solchem Verständnis Mutterschaft grundsätzlich reaktionär geschimpft wird. Indes ist der zur Schau gestellte Regress jener Frauen, die in ihrer Mutterrolle aufgehen und kinderloses Leben nur als Stumpfexistenz begreifen, die Kehrseite desselben Ungemachs über die Unmöglichkeit der Glücksverheißung. Die aufgrund nicht-konformer Geschlechteridentität sichtbar gemachte Differenz, die Ahnung von souverän bestimmter Selbstentfaltung, wirft Fragen auf über den Charakter des gesellschaftlichen Status quo: Die als verwirklicht behauptete Freiheit könnte als Feigenblatt und Legitimation gesellschaftlich schlechter Praxis enttarnt werden – und die Sinnlosigkeit des eigenen Lebens gleich mit. Aber die Wut darüber richtet sich nicht gegen die Verhältnisse, sondern wird untereinander gewaltvoll ausgetragen. Die Verrohung der Umgangsformen und die Kultivierung der Rücksichtslosigkeit auf den Gehwegen, Bahnsteigen und Shopping Malls ist Hingabe an die verdrängte eigene Ohnmacht. Der Ekel davor, sich selbst Gewalt antun zu müssen, sich selbst und andere auszubeuten, wird, einem Spiegelkabinett als Schaustellerattraktion gleich, verzerrt nach außen zurückgeworfen auf alle, die sich als Opfer anbieten. Wer sich in der öffentlichen Sphäre zurück nimmt statt zu nehmen, überhaupt meint, es mit besonnenen Menschen zu tun zu haben, gibt sich selbst als menschlich zu erkennen, markiert den Makel der Verletzlichkeit und erinnert an die unbezwungene Sterblichkeit. Die sich als sorgende Gemeinschaft gerierende Horde fand genau deshalb zusammen, um die Aussicht auf das Durchprügeln der Partikularinteressen wahrscheinlicher zu machen. Wer glaubt, Individuen anzusprechen, der irrt!

Individuelle menschliche Verhaltensweisen erinnern die Monaden an ihre rudimentäre Mündigkeit, die allenfalls ausreichte, Entscheidungsgewalt im Namen des Gemeinen auszuüben. Höflichkeit, die zeremonielle Umgangsform bei Hofe, die elegant die blutigen, unvermittelten Hierarchieverhältnisse der Ständegesellschaft durch zivilisierte Unterwerfungsrituale nicht nur widerspiegelte sondern reproduzierte, findet inzwischen nicht Verwendung, ohne zugleich als überkommen verhöhnt zu werden, denn sie ist nutzlos in einer Gesellschaft, in der die Verfügungsgewalt alle erfasst. (vgl. Adorno, Minima Moralia, Aphorismus No. 19, Zur Dialektik des Takts) Die entstellte Gesellschaft muss sich nicht noch länger verstellen: Sie hat nicht einmal die Sanktion gegen Devianz mehr nötig, denn wer sich der Verwertbarkeit nicht andient, den straft die Zeitigung des eigenen Lebens. Das einstige bürgerlich-emanzipatorische Anliegen, dem Tod von der Schippe zu springen, die Gesellschaft menschenwürdig einzurichten, wurde inzwischen zur Lüge. Dass sogar Gesten, die Menschlichkeit anrühren könnten, von den Menschen selbst abgewehrt und bestraft werden mit Rüpelei und Rempelei, ist das richtige Abbild der falschen Ordnung.

Heinz Buschkowsky – Neukölln ist überall. Eine Rezension.

Freitag, Oktober 19th, 2012
Vor Ihnen liegt ein politisches Buch, keine wissenschaftliche Expertise. Die hätten sie vielleicht auch gar nicht gekauft. Ich bin nur der Bürgermeister eines Berliner Bezirks mit über 315 000 Einwohnerinnen und Einwohnern und der Flunderperspektive seines Rathausturms, kein Wissenschaftler. Die, die ich beschreibe, ist die Neuköllner Welt. Die Ableitungen, die ich für mich vornehme, müssen für die Gegebenheiten Ihrer Stadt und für Ihr Lebensumfeld nicht zutreffen. Die Entwicklung kann bei Ihnen sogar einen gegenteiligen Verlauf genommen haben. Insofern verschreibt dieses Buch nicht zwingend Rezepte. Ausschließen kann ich es aber nicht. Denn es gibt viele Neuköllns. Sie heißen nur anders. Doch egal, verständigen wir uns darauf, dass es einfach nur die aufgeschriebene Wirklichkeit an einem bestimmten Ort in der Bundesrepublik Deutschlands ist. (Seite 9)

Nun. Eigentlich sagt der erste Abschnitt mehr aus, als man bei der Lektüre des restlichen Buches zu erfahren hoffen kann. Was dazu einlädt, die Lektüre zu beenden und die Rezension kurz zu halten: Es ist vermutlich ganz einfach unnütz einem Buch, von dem schon der Autor glaubt, dass der Wahrheitsgehalt vielleicht keiner ist und der die These des Titels schon im ersten Absatz des Vorwrots selber in Zweifel zieht, mehr politische Aufmerksamkeit zukommen zu lassen als der letzten Ausgabe der Pixi-Heftchen. Da das Buch momentan in der 7. Auflage ausgeliefert wird, scheint dieser Appell zu spät zu kommen. Anstatt einer ausführlichen Diskussion trotzdem nur zwei alternative Deutungen.

Anhand von Sätzen wie »Der Name Neukölln hat durchaus einen beachtlichen Bekanntheitsgrad erlangt. Das verwundert aber nicht, weil, man ja auch New York, Paris und Rom kennt« (Seite 17) könnte man beinahe vermuten, dass es Buschkowsky hier nicht mal wirklich um ein politisches Projekt ging, sondern um eine Rolle im samstagabendlichen Krawallklamauk rund um Cindy und die jungen Wilden. Die Wendung, zu der er in den letzten beiden Sätzen des Buches kommt (»Wo Neukölln ist, ist vorne. Sollten wir einmal hinten sein, ist eben hinten vorne.« [Seite 382]) lässt hingegen vermuten, dass er selbst dem ollen Hegel Konkurrenz in dialektischer Methode machen will. Selbstverständlich trifft keines von beidem zu. So ernst er sich selber und seinen literarischen Erguss, der oft auf dem Niveau einer Schularbeit verbleibt, nimmt, so ärgerlich ist das Buch. Letztendlich ist es aber nur ein weiteres Ärgernis in einem ohnehin ärgerlichen Diskurs. Buschkowsky ist sicher nicht das große Böse – ebensowenig aber ein Streiter für die Emanzipation. Sein Buch als Wiedergabe der Wirklichkeit teilweise tatsächlich interessant, als Deutung jener aber weitgehend unbrauchbar.

Heinz Buschkowsky; Neukölln ist überall | Ullstein; 2012 | gebundene Ausgabe; 19,99€ | bereits erschienen