Archive for the ‘Eine Flanke gegen die Gegebenheiten’ Category

How low can you go?

Mittwoch, Oktober 17th, 2012

Man kann sich Politik ganz einfach machen. Das geht ungefähr so: Man ersetzt Inhalte durch Befindlichkeiten und Befindlichkeiten durch Wortspiele. Aus der Solidarität mit den Betroffenen wird so schnell ein Fetisch der Betroffenheit und aus der Beschäftigung mit Befindlichkeiten und ihrem politischen Gehalt Oppression Bingo, in dem gewonnen hat, wer sich am meisten Unterdrückungsmechanismen in den Lebenslauf schreiben kann.

Unterdrückung ist natürlich keine Besserungsanstalt und die Geschichte der Menschheit bietet Anschauungsmaterial genug, dass Unterdrückung genauso viele oder wenige Gründe bietet, sich mit der Herrschaft zu arrangieren, eine alternative Herrschaft zu fordern oder zur Überwindung der Herrschaft aufzurufen. Deswegen schadet es natürlich nicht, wenn man weiß, wo man in den Matrizen der Herrschaft steht. Aber auch nicht mehr oder weniger. Die Gründe gegen die jeweilige Unterdrückung lehrt eine_n nicht die Unterdrückung, sondern die Beschäftigung mit dieser. Die Auswüchse einiger Sektionen der internationalen Linken im Fahrwasser eigentlich sinniger Beschäftigungsgebiete wie Gender Studies oder Rassismusstudien verkommen zu Lachnummern, weil sie dies nicht wahrhaben wollen, dass sie jeden Inhalt, der ja erst die Parteilichkeit erklären und gebieten kann, zugunsten einer dogmatischen Parteilichkeit ausgetauscht haben.

Es verwundert deswegen nicht, dass im Interwebs ein kleines Spiel kursiert, dass jedem Menschen auf einem Graph von -x bis +x erklärt, wie privilegiert sie_er sei. Ich komme  auf knapp über 100, ein Wert, bei dem mir das Spiel dann ernsthaft suggeriert, dass ich jeden Tag gucken solle, ob ich noch so privilegiert sei. Nur wozu? Weil jemand, der kein Problem damit hat, privilegiert zu sein, das bekommt, wenn er sich jeden Tag wieder gut fühlen kann? Gute Idee, wirklich.

Ach ja, ich hätte da noch einen Vorschlag: Die 15 Unterdrückungspunkte, die Angehörige der staatlichen Ordnungsmacht sammeln können, könnte man zu 1500 Bonuspunkten macht, wenn man das ganze postuniversitäre Rumgeschwafel der Critical Betroffeness nicht versteht. Dann komme ich doch auf knappe -1400 Punkte und kann mich beruhigt im Stuhl zurücklehnen. Oppressed as hell.

Tu’ ma’ lieber die Mörchen?

Dienstag, Oktober 2nd, 2012

Ein großer Wurf! Gestern wurde bekannt, dass die ehemaligen Betreiber_innen der Bar25 (heute gegenüber im Kater Holzig involviert) mit ihrer »Holzmarkgenossenschaft plus eG« das Höchstgebot für das Gelände der ehemaligen Bar25 vorgelegt haben und damit in der Lage sind, Eigentümer_innen dieses Streifens Land zu werden (auch, wenn die offizielle Entscheidung der BSR erst am 17. Oktober verkündet werden wird). Das ist insofern besonders, weil damit an der Spree nicht das zigste Gebäude mit Wachschutz und Zaun gebaut wird. Die eG plant ein Dorf mit Park, Kidzklub und Imweiterensinnegewerberaum, Details sind der Seite der eG zu entnehmen. So weit, so ganz sympathisch. Unter den richtigen Vorzeichen, könnte das sogar ein Projekt sein, dass die in diesem Blog schreibenden Dauernörgler zufriedenstellen würde. Im Folgenden soll aber genörgelt und nicht zuletzt gezeigt werden, dass die Übernahme des Geländes nicht mal versucht, der kapitalistischen Dynamik eine Bremse in den Weg zu legen.

Die Artikel der Holzmarkt Genossenschaft offenbaren es schon, die, die da angetreten sind, sind auf einem Werbefeldzug für ein Berlin, dass sich nicht über große Unternehmen, sondern über Dynamik, Start Up, Fail Down und Jutebeutel als allgegenwärtige Werbefläche definieren möchte. Man propagiert Nachhaltigkeit, Synergieeffekte, bietet 24h Kinderbetreuung für Eltern kurz vor der Deadline, man achtet die Identität des Geländes, um sie nicht mit Glasbauten zuzustellen. Neubauten gelten für die Kritik der modernen Stadt gerne als seelen- oder kontextlose Gebilde, die sich in das gewachsene Konglomerat der bestehenden Stadt einfressen. Das ist selbstverständlich eine romantisierende Vorstellung der Stadt – in deutschen Großstädten dank der alliierten Umbaumaßnahmen während des Zweiten Weltkrieges besonders signifikant. Was heute als Stadt zu sehen ist, ist immer das Projekt von Brüchen und Konstanz, von Brand und Ausbau, Verfall und Kernsanierung. Ob die eine Seite der anderen vorzuziehen sei, ist wohl eine Frage, die sich nur geschmäcklerisch, also gar nicht, beantworten lässt.

Sicher ist aber, dass der Plan »Holzmarkt plus« kein Gegenmodell zu einer kapitalgetriebenen Bebauung öffentlicher Flächen ist, sondern nichts weniger als die zeitgemäße Umsetzung dieser Bebauung. In einer Stadt, deren maßgebliches Potential keine Industrie ist, sondern die Fähigkeit der Bewohner_innen als BeamtIn oder Lebenskünstler_in zu überleben, durch hippe Stadtteile und Clubs Tourist_innen anzulocken, ist es zwar nur folgerichtig, dass diese auch Kaufkraft auf sich vereinen, was auf der einen Seite (Politik, Wirtschaft) gerne nicht gesehen wird, auf der anderen aber auch kein Lob für die ist, die die Kaufkraft auf sich vereinen. Letzten Endes ist der Bebauungsplan »Holzmarkt plus« das längst hinfällige Symbol einer Individualisierung der Konkurrenz, in der nicht mehr die Belegschaft von Toyota versucht, die von Opel niederzukonkurrieren, sondern jede_r selber gucken muss, dass der Auftrag nicht an den Typen geht, der im Café neben einer sitzt.

Bei der immer noch existierenden kapitalistischen Totalität ist es kein Wunder, dass auch die Holzmarkt plus eG nicht weniger ist, als Akteurin in einer Dynamik, die derzeit die Lebenshaltungskosten in den zentralen Berliner Bezirken signifikant steigen lässt. Die Sprache der eG lässt, wie bereits erwähnt schließen, dass sie sich dieser Rolle vollends bewusst ist, von einer kritischen Reflektion ist bis dato allerdings nichts zu spüren. Von den Betroffenen einer so entstehenden Verdrängung, man könnte es Gentrifzierung nennen, wäre der Begriff nicht mittlerweile so inhaltsleer wie die durchschnittliche Besucher_in der Bar25 am Montagmorgen, ist auch niemandem geholfen, wenn die kreative Bohème ein volksoffenes Vorzeigeprojekt an der Spree ihr Eigen nennt. Man sollte in der Freude wenigstens anerkennen, dass das, was dort an der Spree passiert ist, nicht weniger ist als Lobbypolitik – gepaart mit einer Prise Recht des Stärkeren. Den Verdrängten kann es auch scheißegal sein, ob die Holzmarkt eG »die Narbe zwischen Ost und West« kaschieren kann, sie vom Spaziergang an der Spree abgehalten werden, oder eben nicht. Die Verdrängten werden nicht mehr da sein, wenn sie Vorzüge oder Nachteile einer so oder so gelagerten Bebauung aushalten müssten.

Man sollte dabei nicht den Fehler begehen und die Verdrängungsdynamiken auf die Schultern einzelner Personen oder Zusammenschlüsse laden – diese stehen den Dynamiken letztendlich so ohnmächtig gegenüber wie jede_r andere Akteur_in auch. Man sollte aber auch nicht den Fehler begehen, aus der Ohnmächtigkeit einzelner eine Ohnmächtigkeit aller abzuleiten. Gerade ein Projekt, dass sich vermeintlich für ein solidarisches Miteinander einsetzt, hat immer die Möglichkeit sich der ihm eigenen Öffentlichkeit zu bedienen, gerade wenn es eine so massive ist, wie in diesem Fall. Es wäre mehr als ein feiner Zug, wenn diese Möglichkeit nicht nur dafür genutzt würde, Wunschvorstellungen der eigenen Peer-Group zu manifestieren. Damit wird man die Probleme dieser Erde nicht lösen können, aber man kann ein Bewusstsein dafür schaffen, dass diese gelöst werden müssen. Auch wenn diese Lösung sicherlich nicht so einfach und erfolgsversprechend ist, wie das Lösen von Radmuttern an Polizei(angestellten)fahrzeugen.

Ohne weitere Worte.

Montag, Oktober 1st, 2012

We’re not generating enough angry white guys to stay in business for the long term.

Lindsey Graham, pessimistische Grinsebacke & republikanischer Senator in den USA. Oder auch: Man braucht keine 20 Semester Politikwissenschaften um seine Klientel zu kennen.

Marketing-Aua.

Mittwoch, Juli 4th, 2012

Man weiß nicht genau, was manche Menschen dazu treibt, das zu tun, was sie tun. Zumindest bei Unternehmen des Sehrspätkapitalismus sollte man auf eine Ordnungsmacht hoffen können, die wissen, was sie da tun. Im besten Fall ist das jemand, der Ahnung hat und sagt: »Stop, das ist jetzt echt zu peinlich!« Wie jeder gute Idealismus zerschellt diese Hoffnung natürlich sehr bald an der grausamen Küste der Realität. Dann kommen da Produkte wie Firmen-Hymnen raus (aus Rücksicht sei auf eine Verlinkung verzichtet), oder eben Videos, die anpreisen, wie toll der eigene Ausbeutungsgeber eben sei. Das folgende Beispiel kommt vom Focus und will in in … ähm … naja, es will halt anpreisen. Wie toll der Focus, genauer die neue Focus-App sei, was für engagierte, junge, sportliche, untalentierte Menschen dort arbeiten. Und so weiter. Man ist sich für nichts zu schade und hoffentlich werden die Verantwortlichen nicht entlassen. Für Ideologiekritik gibt es doch nichts praktischeres als eine Realität, die zu blöd ist, sich den schönen Schein zu basteln.

Talking ’bout a … – Anmerkungen zu #Blockupy.

Donnerstag, Mai 17th, 2012

Wenn sich Menschen gegen die Herrschaft auflehnen, bin ich grundsätzlich solidarisch. Meine Solidarität wird in dem Moment aber zu einer kritischen, wenn ihr Appell der nach einer besseren Herrschaft ist und zusätzlich noch mit Ankündigungen wie dieser garniert wird: »12:35h #Frankfurt Paulsplatz: Pfiffe gegen die unverständlichen Polizeidurchsagen. Konstantin Wecker singt gleich durchs Megaphon. #Blockupy«. Das geht nun, mit Verlaub, wirklich zu weit. Weil aber auch kritisch-solidarisches Verhalten das solidarisch noch in sich trägt, ignoriere ich das Weckersche Treiben und versuche mich stattdessen in Diskursanalyse. Im Internet. Bei Twitter! Das verspricht doch witzig zu werden. Humor für Leute mit Humor. Aber ernsthaft. Im Folgenden: 3 Blöcke. 1. Block: Die Versammlungsfreiheit. 2. Block: Polizei, Gewalt und Friedlichkeit. 3. Block: Versammelte Kuriositäten in 140 Zeichen.

1. Die Versammlungsfreiheit – Fluch und Segen eines guten Idealismus.

Die Vergleiche, die man ob des Verhaltens von Legislative, Judikative, Exekutive und Pressekative anstimmte, waren vielfältig, meistens krude und selten auf den Punkt. Damit meine ich auf irgendeinen. Spätestens nach 2 Stunden Tweets lesen, waren meine Erwartungen geschrumpft. Armin H. aus F. witterte den Geruch von »Schönwettergrundrecht«, Rainer wusste zu vergleichen: »#Blockupy Veranstaltungen werden verboten! #NAZIS dürfen regelmäßig in deutschen Städten aufmarschieren!« Marie Laveau sah das ähnlich. Andreas Marktzyniker hingegen erklärte die Stadtregierung Frankfurts kurzerhand zur »schwarz-grünen Junta« und fragte, wann denn wohl das Kriegsrecht verhängt werden würde. S. Fischer fühlte seine Menschenrechte direkt »mit Füßen getreten«. Hui ui ui. Da in Frankfurt scheint ja ganz schön was los zu sein. Ist es aber gar nicht.Verschiedene linke Gruppe haben zu Aktionstagen aufgerufen, im gemeinsamen Aufruf heißt es, dass man »am 18. Mai den Geschäftsbetrieb der Banken in Frankfurt blockieren« werde, um wütend zu sein. Am 17. Mai wolle man zentrale Plätze besetzen (der 17. Mai begann dann mit der Räumung des Empörten-Camps durch die Polizei) und am 19. Mai eine breite, lustige, bunte und was man halt sonst noch so auf Demos haben will Demo veranstalten.

Verschiedene Gerichte haben dann eigentlich alles verboten – bis auf die Demo am Samstag. Warum? Nimmt man die Begründungen der Occupy-Twitterer_innen liegt es auf der Hand. »Legitimer Protest« solle unterdrückt werden, während der Staat ja offensichtlich nichts gegen Nazis unternehme. »Grundrechte« würden ausgehöhlt. Jetzt heißt es im Art. 20 GG zwar, dass »alle Staatsgewalt vom Volke« ausgeht, aber im Satz danach, der von denen, die vor einigen Momenten mit dem Buch in der Hand rumwedeln, anscheinend nicht gelesen wurde, »sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen […]« ausgeübt. Artikel 18 GG schreibt fürderhin fest, dass wer die Grundrechte »zum Kampfe gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung mißbraucht« diese Grundrechte verwirke. Jetzt wollen die Empörten in Frankfurt natürlich keinesfalls die Grundordnung antasten, nein, nein. Ihr Protest richtet sich gegen eine schlechte Repräsentation in der Politik und »Verschwendung« oder »Gier« im Finanzsektor. Sie wollen dementsprechend »echte Demokratie« und »gezügelte Finanzmärkte«. Das weiß auch die Rechtsprechung (und wenn auch erst die höchstrichterliche im Nachhinein, wenn es halt alles schon vorbei ist). Wenn die Protestierenden sich aber auf die Grundrechte berufen, machen sie sich einen Idealismus von diesen zu Eigen. Die sind nämlich gar nicht festgeschrieben worden, um die Wohlfühloase jener zu bilden, die vom kapitalistischen Betrieb enttäuscht wurden, sondern im Gegenteil zur Aufrechterhaltung der kapitalistischen Wirtschaft als Geschäftsgrundlage der Demokratie.

Und das heißt jetzt konkret? Das heißt konkret, dass ein Protest, der für einen ganzen Tag einen der zentralen Orte des marktwirtschaftlichen Treibens stilllegen möchte, außerhalb des demokratischen Normalvollzugs verortet und als solcher eben nicht geduldet wird. Die Demo am Samstag ist erlaubt, so wie Nazi-Demos durch irgendwelche Provinzkäffer erlaubt werden. An diesem Vergleich zeigt sich nicht, wie oben vermutet, die Aushöhlung der Grundrechte, sondern die abstrakte Gleichheit jener. Die Einzelinteressen, und seien es die der Mehrheit, zählen nicht, im Gegenteil ist die Staatsgewalt angetreten, das Gesamtinteresse gegen die Einzelinteressen durchzusetzen. Der Wille des Volkes, das Handeln des Volkes, meint nicht das Handeln der Individuen, sondern das Handeln einer Abstraktion (vgl. dazu Der bürgerliche Staat, §2 Souveränität – Volk – Grundrechte – Repräsentation), wie Gesellschaft nicht aus den einzelnen Menschen besteht, »sondern die Summe der Beziehungen, Verhältnisse, worin diese Individuen zueinander stehen« (Marx) ausdrückt. Das Problem ist also nicht, dass die Grundrechte nicht gelten und »legitimer Protest« unterdrückt wird, dass Problem ist, dass die Grundrechte einer Gesellschaft gelten, die fundamentale Kritik (und sei sie noch so zahnlos) an ihr als Grundrecht ausgeschlossen hat. In anderen Worten: Die Protestierenden wollen gegen ein vom Staat geschütztes Wirtschaftssystem angehen und wundern sich dann, wenn der Staat es schützt. Das Berufen auf die Versammlungsfreiheit verbleibt so in der Beschränkung der Demokratie gefangen. Das Aufbringen von Bussen (z.B. aus Berlin), die auf den Weg zu diesen Versammlungen sind, die momentan schlicht und ergreifend verboten sind, ist nichts weniger und nichts mehr als das Durchsetzen der Rechtslage. Nach dieser ist es nämlich verboten, zu verbotenen Veranstaltungen anzureisen.

2. Polizei, Gewalt und Friedlichkeit.

Zu den größeren Aufregern des gestrigen Tages gehörte es, man mag es Farce nennen, dass tatsächlich ein Bulle eingesetzt wurde, der im Zuge der S21-Proteste mal Demonstrant_innen geschlagen hat. Für die Kommentator_innen des öffentlich-basisdemokratischen Kurznachrichtenfunkes Grund genug für einige Vermutungen. Für die einen ist er Nazi, die anderen rufen ihn dazu auf, »sich gleich mal von #Blockupy zu verpissen« ein anderer (ich habe den Tweet leider ausgedruckt und dann verlegt) scheint es offensichtlich, dass der unliebsame Ordnungshüter geschickt wurde, um die Protestierenden zu provozieren. Nicht, dass die Anwesenheit von ein paar hundert Bullen Grund genug wäre, sich provoziert zu fühlen. Dieser eine spezielle ist das. Wenn man das auf alle bundesdeutschen Hundertschaften und Streifenbullen anwenden würde, die im Dienst schon mal jemanden geschlagen haben, hätte vermutlich jeder Polizeieinsatz den alleinigen Grund die Betroffenen durch Anwesenheit bestimmter Einzelfälle zu provozieren. Nene. Nichtsdestoweniger hallen die Aufrufe durch die Gänge, dass man sich auf keinen Fall provozieren lassen soll, dass die Friedlichkeit die stärkste Waffe des Protestes sei usw. Stimmt schon, die Staatsgewalt, gewandt gegen das Volk, das gibt immer feine Bilder in den bundesdeutschen (vielleicht gar weltweiten!) Medien ab. Danach wird dann zwei Tage ein wenig Kritik geübt. Nicht an der Staatsgewalt an sich, sondern an den Ausschweifungen jener. Vielleicht gibt es noch eine Runde bei Jauch, in der der Bundesinnenminister »hart durchgreifen« sagt (was anderes kann er nämlich gar nicht sagen, Berufskrankheit), Geißler den Schlichter spielt (Knüppel: ja, aber mit Zuckerwatte), Schäuble sagt »Es ist ja nicht alles gut, deswegen bin ich mal hierher gekommen« und im Publikum Leute mit hässlichen T-Shirts sitzen, die dann auch mal befragt werden, um der Basisdemokratie Genüge zu tun.

So weit wird es aber nicht kommen. Wenn es nach dem Willen der Protestierenden geht. Zwar bringt sie das in ein Dilemma, das irgendwo in den tausenden Kommentaren auch mal erkannt wurde: Ohne Gewalt wird gar nicht berichtet, mit Gewalt nur über die Gewalt. Da alleinig der Maßstab »Es wurde berichtet« reicht (für Satisfaktion oder Shitstorm), kann ein klein wenig Gewalt den Protestierenden nur recht sein. Ist es aber nicht. Man muss sich ja alleine schon »von Chaoten abgrenzen« – während Pressemeldungen veröffentlicht werden, dass der Protest sich keinesfalls spalten lasse. Von Zeit zu zeit heißt es, dass die staatliche Gewalt zu akzeptieren sei und es halt keine Gewalt neben ihr geben dürfe (Grundgebote, Artikel 2). Zwar ist man sich nicht zu blöd (s. Absatz 3) sich auf eine Stufe mit den Protestierenden weltweit zu stellen, aber friedlich. Weiteres zur Gewalt will ich an dieser Stelle nicht anmerken und verweise stattdessen auf einen alten Artikel zur Gewalt, einen Text zur Militanzdebatte und eine kommende Rezension des Buches »Von der Diktatur zur Demokratie« von Gene Sharp in diesem Blog.

3. Kuriositätenkabinett.

Deadline für dieses Kabinett ist 15.40h gewesen, man muss ja irgendwie zum Ende kommen, die Auswahl ist vollkommen subjektiv und sicherlich nicht komplett.

»Ok, wenn die Banklobbyisten #Blockupy Demo verbieten, Plan B: Konten leer räumen. Und zu Sparkassen wechseln.« (Frank)

»#OCCUPY #REICHSTAG RT @broeselbub: Totalitäre Staaten verbieten Demos, weil sonst was über üble Machenschaften nach außen dringt. #Blockupy« (Schwarz Weiß)

»›Dieser Zug hält nicht an der #Taunusanlage!‹ Müsste ich da jetzt hin wäre ich ziemlich sauer! #Blockupy #Frankfurt« (Oliver Schellpepper)

»Spontan-Demos mit 3 Leuten können nicht verboten werden#Blockupy #Frankfurt #Occupy http://t.co/BmsxFS7U« (Zimbi)

»#blockupy Diese Protestler müssten jede Uniform die sie mit Farbe versaut haben ausnahmslos bezahlen. Kein Pardon für Störenfriede…« (Strolch von nebenan)

»Uni #Frankfurt wird wegen #Blockupy geschlossen. Asta ist über autoritäre Präsidiumspolitik schockiert http://t.co/6SBDlylr« (ak. analyse & kritik)

»Das bespritzen von Polizisten ist NICHT friedlich! #Occupy ist NICHT friedlich! Blockadecamps sind NICHT friedlich! #frankfurt #Blockupy« (Luca Leittersdorf)

»RT @Dahonk: Was gerade in Frankfurt passiert, erinnert mich an die letzten Tage der DDR 1989. Danach brach das System zusammen.#blockupy« (Thom Twitting)

»#zumglueck89nichtaufdiestrasse ›16 Menschen wurden vorläufig festgenommen‹ (Frankfurt) & ›18 Menschen wurden festgenommen‹ (Baku) #blockupy« (Else)

»Es ist leichter in Teheran gegen die Mullahs zu demonstrieren, als in Frankfurt gegen die Globalisierung #blockupy« (H. Martin)

»Wann verhängt die schwarz-grüne #Junta wg. #Blockupy das Kriegsrecht über #Frankfurt? Was kommt noch? #Ausgangssperren?#cdu #grüne #fail« (Andreas Marktzyniker)

»Wenn meine Schule uns schon nach Hause schickt um unsere Sicherheit zu gewähren, heißt das was. #Blockupy« (Jessy.)

 

Meine Freiheit, deine Freiheit.

Dienstag, Mai 15th, 2012

Über wohl kaum ein Wort lässt sich so viel philosophieren, Unsinn reden, anderen Ahnungslosigkeit vorwerfen oder einfach nur mal gut oder schlecht fühlen, weil zu viel oder zu wenig, wie über das der Freiheit. Freiheit ist überall, Freiheit ist nirgendwo, Freiheit sind Gedanken, Freiheit hat jede_r in der Westentasche. Jede_r versteht was unter Freiheit und alle, von Luxemburg bis Patrick Döring, halten die Freiheit für ein hohes Gut. Die einen wollen die Freiheit zum Kiffen, die nächsten im Internet, wieder andere wollen ganz frei sein. Es scheint, dass in der pluralistischen Meinungsbildung Deutschlands bei der Freiheit für einen Moment Harmonie einkehrt, alle »We shall overcome« anstimmen und sich erst im nächsten Moment über Steuern, ACTAPIPASOPA, Griechenland und Landtagswahlen zerfleischen. Pustekuchen.

Denn so, wie jede_r den universalen Wert der Freiheit anerkennt, meinen auch alle etwas anderes, wenn sie von Freiheit reden. Zumindest etwas anderes, als die anderen. Zwar ist man sich weitestgehend einig, dass »Freiheit die Freiheit der anders Denkenden« (Luxemburg) sei. Das war es dann aber auch schon. Zur Bebilderung nehmen wir mal kurz die Bundespolitik. Da gibt es den Vorsitzenden einer Partei, die sich liberal nennt, Patrick Döring heißt jener. Dieser wirft der Piratenpartei vor, dass jene »ein beschränktes Verständnis von Freiheit [haben]. Sie sind befangen im Freiheitsbegriff des Pubertierenden, wir von der FDP stehen zu dem des Erwachsenen. Sie fragen nur nach ›Freiheit wovon?‹. Wir fragen nach ›Freiheit wozu?‹.« Nun, das Distinktionsmerkmal »Wir sind ja so erwachsen« ist an dieser Stelle verunglückt, albern, man möchte beinahe »kindisch« sagen, aber darum geht es hier gar nicht. Die Frage nach dem wozu, dem Zweck der ganzen freiheitlichen Veranstaltung ist aber schon mal eine gute. Ja, wozu denn die ganze Freiheit? Weil Döring diese Frage nicht beantwortet, bin ich mal so frei.

Ganz einfach, und da wird mir in der FDP vermutlich niemand widersprechen: Zum Geld verdienen. Nur ist das, und jetzt wird mir jede_r in der FDP widersprechen, kein sinnvoller Zweck. Wie wir alle in unserem Aufbaukurs Marx gelernt haben, geht das in großem Stile nämlich nur, wenn man sich Produktionsmittel aneignet, arme Pauper verpflichtet irgendwelche Dinge für einen herzustellen und am Ende weniger Kosten als Einnahmen in der Bilanz stehen hat. Wenn also einige wenige auf die Kosten vieler wirtschaften. Glück (ob in Lotterien oder Wertpapiergeschäften) sei hier mal vernachlässigt.

Dazu garantiert der demokratisch-aufgeklärte Staat noch ein paar Bonusfreiheiten. Die Freiheit sich seinen Wohnort im Staatsgebiet auszusuchen (wenn man sich die Gegend leisten kann). Die Freiheit alles und jede_n zu kritisieren (im Rahmen des Grundgesetzes). Die Freiheit Presse zu drucken (wenn man es sich leisten kann). Diese Freiheiten sollen bitte für alle gelten, so ganz im idealen Durchschnitt. Dass unterschiedliche Zugänge zur Freiheit auch unterschiedliche Möglichkeiten sich jener zu bedienen meint, kann unterschlagen werden. Man solle doch wenigstens mal die Chance haben, sich zu äußern.

Das wäre also die grob umrissene Freiheit, zu der man sich ins Recht gesetzt fühlen darf. Aber auch die Kehrseite, also das, was Döring als »beschränkte« Definition der Freiheit bezeichnet, soll hier gewürdigt werden. Die Freiheit von. Die Ex-Proletarier, heute Ichmachwasmitmedientarier, »Hartzer« oder Überbleibsel jenes Proletariats, das sich mal in Fabriken und Kohlenschächten um Leib und Leben rackerte, haben auch keine große Wahl. Manchmal haben sie nicht mal diese und sind darauf angewiesen, dass ein staatliches Gefüge existiert, das die Unausgebeuteten vor dem Elendstod schützt. Mit Marx: Die Freiheit von Leibeigentum und die Freiheit vom Besitz an Produktionsmitteln. Weiter: »Es handelt sich um die Freiheit, sein Privatinteresse gegen die anderen Subjekte zu verfolgen. So sind Erfolg oder Misserfolg in die Verantwortung der Individuen gestellt, die die Zwänge des Wettbewerbs an sich und anderen vollziehen müssen.« So steht es im Reader Der bürgerliche Staat der Gruppe 3 aus Göttingen, der nebenbei unbedingt empfehlenswert ist, wenn man was über die Verfasstheit der staatlichen Herrschaft lernen möchte. Aber weiter im Text: Die persönliche Freiheit der Individuen ist nicht ohne Einschränkung jener zu haben. Besonders deutlich wird dies in einer Gesellschaft, in der alle gegen alle in der Konkurrenz stehen, oder (wieder aus dem Reader): »Der häufig bejammerte Egoismus der Privatmenschen ist aber bitter nötig, um in einer Gesellschaft zurechtzukommen, die dem Einzelnen keine andere Wahl läßt, als zu versuchen, seine Anliegen gegen alle anderen MitbewerberInnen durchzusetzen. Wäre dies nicht so organisiert,würde sich der Aufruf zu ›mehr Mitmenschlichkeit‹ als überflüssig herausstellen, weil dann
ohnehin niemand eine solche Feindseligkeit der Interessen voraussetzen müßte.« Freiheit und die Einschränkung der Freiheit bedingen also einander. Wenn die Menschen es für ein taugliches Mittel zum Auskommen halten würden, mal auf den eigenen Vorteil zu verzichten (was im Kapitalismus freilich den Untergang bedeutet), und kooperativ die anfallende Tätigkeit erledigen würden, dann bräuchte man auch kein Gewaltmonopol mehr, das dafür sorgt, dass sich die Menschen im Namen ihres eigenen Willens nicht abschlachten.

Und da sind sich Piraten und FDP dann schon wieder näher, als sich aus den Nebelkerzen Dörings oder dem Spott der Piraten ob der zeitweilig unterirdischen Wahlergebnissen der FDP entnehmen lässt. Sowohl die Freiheit von staatlichen Eingriffen beim Ausleben des eigenen Individualismus im Internet und auf der Einkaufsmeile, als auch die Freiheit zum Geld verdienen, Ausbeuten und dem Annehmen von Geldern irgendeiner Industrie, meinen nichts weniger als die Vorraussetzung kapitalistischer Konkurrenz.

Aber was dann? Vielleicht wäre es an der Zeit gegen den Idealismus einer »herrschaftsfreien« Gesellschaft, mit dem einer freiheitsfreien Gesellschaft anzukämpfen. Eine Bewegung, die den jetzigen Zustand aufhebt, lässt sich jedenfalls nur schwerlich mit Individuen machen, die den jetzigen Zustand denken und diese Gedankenform für Emanzipation halten. Womit wir auch die Pathetik gewürdigt hätten.

Übrigens: Dass die USA ihr neues hochhausgewordenes Nationaldenkmal »Freedom Tower« (Fragmente sind auf den Bildern dieses Posts zu erkennen) nennen werden und damit die Unterdrückung weiter Teile der Welt in Glas, Beton, Stahl und High-Tech gießen, darf man ruhigen Gewissens symptomatisch für die Freiheit, die alle meinen aber keine_r definiert, nennen.

Deutschland, du bist Deutschland!

Montag, Mai 7th, 2012

Die Anklage in der Überschrift klingt redundant? Zugegebenermaßen. Aber ich will auch mal Gesellschaftskritik auf dem Level der nicht-mehr-ganz-so-neuen-antideutschen-Popmusik betreiben. Zuerst aber ein kleiner Blick in die Geschichte. Im Jahre 2006 fand in Deutschland eine Sportveranstaltung statt, bei der irgendwelche Männer irgendwelchen Bällen hinterherliefen und irgendwelche anderen fanden, dass das jetzt ein Supergrund sei auf die Männer, alle anderen Männer und ganze Nationen stolz zu sein. Gegen diese Welle des Hurra-Patriotismus stemmte sich wacker Egotronic. Die nahmen »Ten German Bombers« neu auf. Eine solche Provokation, dass sich selbst Spiegel Online genötigt sah, mit den Beteiligten mal ein ernstes Wörtchen zu reden. Was nicht einfach ist, wenn die Beteiligten kein ernstes Wörtchen mehr reden können. Heraus kam dieser Beitrag. Was man damals »keine Ahnung […] uncool […] keine Ahnung« fand, existiert heute immer noch. Grund genug für die Stars der nicht-mehr-ganz-so-neuen-antideutschen-Popmusik (»Frittenbude, Egotronic und die Tiere«) eine Erneuerung der verblichenen Kritik zu versuchen. Wo damals noch aus der Perspektive des Bomberpiloten über Deutschland geredet wurde, versucht sich Frittenbude im Dialog mit Deutschland. Und was sie haben sie Deutschland zu sagen? »Du fühlst dich immer noch so deutsch an.« Was, ja was, mag man den Popstars zurufen, solle Deutschland denn bitte sonst sein? Kommunistisches Wohlfühlparadies, Champagnerbecken, Straßen aus Zucker? Es endet zugegebenermaßen meistens peinlich, wenn sich Linke auf die Kunst stürzen und versuchen Gesellschaftskritik zu vermitteln. Oder noch genereller: Es endet meistens peinlich, wenn Menschen versuchen Gesellschaftskritik zu vermitteln. Fairerweise: Es endet meistens peinlich, wenn Menschen etwas versuchen. Unfairerweise: Selbst der Bericht bei Spiegel Online hatte noch mehr Substanz. Auch wenn die aus Speedresten in den Nasen der Protagonisten bestand. Die Empörung, die Frittenbude & Co versuchen zu repräsentieren, ist keine mehr. Wo Kinski noch beleidigte und Nikel Pallat immerhin versuchte das Interieur eines Fernsehstudios zu zertrümmern und die Mikrophone zu entwenden, lassen sich die nonkonformen Musiker heutzutage zum Abschied brav die Hand geben. Vermutlich, weil man irgendwie erfahren muss, wie sich Deutschland anfühlt. Was bleibt, ist ein fürchterlich belangloser Ohrwurm.

Wie es auch anders geht (nämlich betrunken, lustig und treffend) zeigte Olli Schulz als Charles Schulzkowski ein paar Wochen vorher in derselben Sendung:

Still not lovin’ sausage dogs – Wider den Dackeln in allen Bereichen des Lebens!

Dienstag, Februar 21st, 2012

Es ist beinahe süß, wie er da auf dem Boden liegt. Die Beine leicht angewickelt, an den Lefzen meint man ein genüssliches Grinsen zu erkennen, als die Hand seiner Herrin sich langsam dem Bauch nähert. Kaum berührt sie ihn geht ein Ruck durch das Lebewesen auf dem Boden – und die rechte Pfote schleudert sich zielgerichtet in die Luft. Dem Hitler sei Ehre zu erweisen, irgendsoein kruder Gedankengang muss durch das Gehirn des Hundes schießen. Ein Hund, der nicht weniger ist, als ein Dackel.

Seit Jahrhunderten schon, ist der Dackel der willige Helfer des Deutschen. Er ist nicht weniger als das Tier des Volkes, dessen Welteroberungspläne hoffentlich immer scheitern werden – schon alleine, um uns (das meint Menschen mit Geschmack und Herz, okay, ohne Herz, aber mit umso mehr Geschmack) vor der weltweiten Dackelplage zu schützen. Momentan sieht es nämlich ganz gut aus. Seit Jahren befindet sich die Dackelplage auf dem Rückzug. Dieser Hund, der »sehr muskulös, mit aufrechter Haltung des Kopfes und aufmerksamem Gesichtsausdruck« (Wikipedia) den Widerstand der tapferen Volksgenossen gegen Müßigkeit und Körpererschlaffung als Maskottchen bebildert, wurde 2005 nur noch 7.300 mal, was selbstverständlich 7.300 Rattenverschnitte zu viel sind, dem Volkskörper zur Fürsorge übergeben. Und so wird wohl bald, es ist zu hoffen, der Dackel neben Elefant, Giraffe und Tiger das Co. bilden und in Zoos zu verachten sein. Denn, dass die Deutschen, ohne selber vom Erdboden getilgt zu werden, der Ausrottung des Dackels keinen Widerstand entgegensetzen werden, muss als unwahrscheinlich gelten.

Der aufmerksamen Leserin mag es aufgefallen sein, die Beschreibung des Dackels aus der Wikipedia. Mit ein klein wenig mehr Nachdenken bekommt das scheußliche Bauchgefühl, das sich breit machte, mehr Nahrung und wird schließlich zur fürchterlichen Gewissheit: Mit dem Dackel hat sich das deutsche Volk in den vergangenen 4 Jahrhunderten nichts weniger gezüchtet als ein tierisches Äquivalent zum Idealtypus des sogenannten Ariers. Kraft der Wirkungsgeschichte, mag man sogar meinen, dass der Arier eher dem Dackel nachempfunden ist. Pfuidaibel. Ein weiteres pikantes Detail findet sich bei genauerer Betrachtung der Züchtungsgeschichte. Der Dachverein deutscher Dackelzüchter_innen, der »Deutsche Teckelklub 1888« äußert sich auf seiner Homepage nicht zur Geschichte von 1933-’45. Die Informationen muss man sich mühsam zusammenklauben, wenn man folgendes liest, vermag man auch zu ahnen, warum: »August 1935: Die beiden württembergischen Vereine müssen formell ihre Auflösung erklären, um in die ›Fachschaft Jagdgebrauchshunde‹ im 1933 gebildeten ›Reichsverband für das Deutsche Hundewesen‹ überführt werden zu können.« Wohlgemerkt nur formell. Der Verein ging in einen von den NationalsozialistInnen geschaffenen Einheitsverband über. Eine Praxis, die von diversen Burschenschaften und Corps hinlänglich bekannt ist. An anderer Stelle erfährt man dabei noch interessanteres über den eigentlichen Deutschen Teckelklub. Dieser war ab 1906 Mitglied des »Deutschen Kartell für Hundewesen«, der zu seiner Auflösung nicht mal gebracht werden musste, denn »Am 14. Juli 1933 wurde das Deutsche Kartell umbenannt in ›Reichsverband für das Deutsche Hundewesen‹.« Der Reichsverband also, dem Sektionen des Teckelklubs »angeschlossen« wurden.

Die rein formelle Auflösung des Deutschen Teckelklubs lässt auch das relativ schnelle Wiederauferstehen des Klubs erklären, schon am 24.11.1945 erblüht der Teckelklub wieder, eine Umbenennung, die bei einigen studentischen Corps noch Usus war, wird von diesem anscheinend nicht verlangt, der Traditionalismus wurde von den Befreier_innen toleriert. Ist doch auch ein solcher Klub, bei erstem Hinsehen, vielleicht gerade mal putzig ob einer Zuneigung zu Tieren, die eher als vergrößerte Ratten erscheinen, denn als Hunde.

Einzig die Nennung dieses Kapitels in der Geschichte der Corps und des Teckelklubs, wird ausgelassen, nur auf das seit 110 Jahren bestehende Zuchtbuch wird verwiesen, dass dieses kaum 110 Jahre alt wäre, wenn nicht die Zeit des NS und die aktive Arbeit in diesen Jahren existieren würde, kann unterschlagen werden.

Deutschland nur anhand des NS’ zu kritisieren, muss aber jenen, die der »Zukunft zugewandt« sind, wie es in einer Hymne der proletarischen Bewegung heißt, als müßig erscheinen. Es ist im Grunde auch nicht nötig, denn auch in den Jahrzehnten nach der nationalsozialistischen Diktatur reißt die Verbindung von Dackeln und Deutschen keineswegs ab.

Das Maskottchen der Olympischen Spiele 1974 war Waldi. Und das war klar: Ein Dackel. Florian Langenscheidt schrieb eine seltenbescheuerte Ode an das Deutsche (»Das Beste an Deutschland – 250 Gründe unser Land heute zu lieben«) und der Dackel fand sich mittenmang dabei. Aber nicht irgendwo ganz hinten, die 249 vielleicht, um eine Lücke zu füllen. Keineswegs. Der Dackel prangte neben dem Kaiser Franz, Bier und Adidas auf der Titelseite. Und während in Zeiten der totalen Globalisierung noch jeder Furz einen Anglizismus erhält, heißt der Weltverband der Dackelzüchter_innen »Welt Union Teckel«. Denn wer sich mit dem Deutschen nicht identifiziert, der muss auch nicht verstehen, was diese Union eigentlich will.

Aber wo wir gerade bei Sprache sind – ein kleiner linguistischer Einwurf, eine Reise durch das Land der Übersetzungen. Die: gibt es nämlich im Grunde nicht. Im Englischen wurde nicht mehr als das Synonym Dachshund übernommen, das Japanische liefert mit »dakkusufunto« nicht mehr als eine dem Zungenschlag angepasste Umschreibung. Auf französisch »teckel« und so weiter, lediglich das Finnische hat mit »mäyräkoira« eine Abweichung vom deutschen Konsens zu bieten. Da ist dann das, in der Überschrift angeklungene, »sausage dog« aus dem Englischen die einzig sympathische Variante.
Der Dackel, obschon muskulös, zeichnet sich fürderhin durch ein ausgeprägtes autoritäres Bewusstsein aus. »Im Dachsbau ist der Hund ein Alleinjäger und muss seine eigenen Entscheidungen treffen, da der Hundeführer ihn hier nicht leiten kann.« Ein Auflehnen des Dackels scheint ausgeschlossen. Ist auch nicht nötig, zeichnet sich der Dackel doch durch eine ausgeprägte Bildungsunwilligkeit aus. Diese Bildungsunwilligkeit gegenüber progressiven Bewegungen ist auch dem Deutschen (der klar als Konstruktion hier auftaucht, anhand der Historie diese Konstruktion aber auch gerne bestätigt) nicht fremd, dem sein Volk, sein Standort, auch heute noch zu den wichtigsten Angelegenheiten gehört.
Eins noch, die japanische Nationalmannschaft des Herrenfußballs kürte einen Dackel 2006 zu ihrem Maskottchen für die in Deutschland stattfindende Weltmeisterschaft. Als wäre das nicht genug, nannten sie ihn: Erwin Rommel. Long live the axis!

Mit einem Dackel an der Hacke wird der Kommunismus im Leben nicht zu erreichen sein. Wer Dackel und Deutsche hasst, kann kein schlechter Mensch sein.

That same old discussion.

Mittwoch, Februar 15th, 2012

Debatten in der bürgerlichen Gesellschaft haben eine lustige Eigenart. Weil sich die grundlegende Scheiße nicht ändert, die durchschnittliche Bürgerin aber auch nur ein Geschichtsbewusstsein von eben bis gleich mitbringt dreht sich alles im Kreis. So verwundert es kaum, dass, just wo das Urheberinnenrecht durch ACTA/SOPA/PIPA wieder diskutiert wird, auch die Standpunkte die gleichen sind wie damals®. Ich meine damit ein damals vor ungefähr zwanzig Jahren, in der durch Samplingmaschinen und grundlegenden technischen Fortschritt neue Möglichkeiten mit Musik umzugehen geschaffen wurden. Plötzlich muss man Musik nicht mehr selber machen, sondern konnte aus der Musik der anderen prägnante Teile samplen, in den eigenen Song einbauen und damit Millionen verdienen. Okay, letzteres eher nie. Um sich einen Überblick über die Diskussion zu verschaffen, könnte man also sich durch Berge und Gebirge von Büchern und Texten wühlen, oder man guckt sich folgende Dokumentation vom Ende der Achtziger an. Das Who is who der Rap-Szene (Ice T! Beastie Boys! De La Soul!) bezieht Stellung, ein Anwalt kommt zu Wort. Alles wie immer, auch, weil der Gesetzgeber anscheinend nicht in der Lage oder Willens ist, Sachen zu ändern und die Umwälzung, alles zu beenden, Revolution, wohl noch ein paar Dekaden auf sich warten lässt. Shit happens.

Die Banalität der Dummheit.

Donnerstag, Dezember 22nd, 2011

Man kann ja immer nur meckern. Mache ich auch. Zum Beispiel über ein demokratisches Welterklärungsmodell, welches sich »Extremismustheorie« nennt. Wir erinnern uns: In der politischen Landschaft des postmodernen Deutschlands gibt es noch Menschen, die aus welchen Gründen auch immer den Laden schließen wollen. Die meisten von denen sind ähnlich verdummt, wie die Apologetinnen der Gesellschaft, die sie überwinden wollen. Manche auch mehr, egal ob sie dem linken, rechten oder religiösem Extremismus zugerechnet werden. Eine Aufzählung exemplarischer Dummheiten würde Gefahr laufen, als Relativierung des subjektiv am bösesten Befundenen erkannt zu werden. Linke vermeinen da oft zu meinen, dass sie ja gar nicht das wollen, was die Nazis wollen. Wollen sie auch nicht. Was dabei aber oft vergessen wird, ist der Blick der aufrechten Demokratin. Wollen sie doch: Eben die gute, freie und gerechte Herrschaft der modernen Demokratie überwinden. Die Gründe warum und die Richtung wohin können der, dem Grundgesetz ergebenen, Demokratin dann auch völlig wumpe sein. Das ist schon blöd genug.

Nun hat sich das Bundesministerium für Familie, Jugend, Extremismus und andere Zwangskollektive auf die Fahnen geschrieben gegen jeden Extremismus und Deutschenfeindlichkeit mit aller Konsequenz und unter möglichst konsequenter Vermeidung von Ausschlägen auf dem EEG vorzugehen. Schülerinnen der BBS II im beschaulichen Dorf Göttingen wollen da mitmachen. So weit so unspektakulär, wären die Beiträge nicht mit grottenschlecht in allen Belangen noch freundlich umschrieben (editor’s choice: Der schwarze Block) und wäre da nicht noch ein klitzekleines Detail. Wer sich mit der Geschichte des Antisemitismus auseinandergesetzt hat, erinnert sich vielleicht an die Darstellung einer Krake, die die Welt umarmt, Symbol der vermeintlichen jüdischen Weltverschwörung. Nun, gutmütig möchte ich vermuten, dass die angehenden Expertinnen in Sachen Staatsfreundlichkeit sich einfach nicht erinnerten, als sie ihren Logovorschlag ausgearbeitet haben. Und so darf dann mal wieder ganz unverkrampft die Welt umarmt werden. Das ist kein Faschismus, aber ein unglaublich hoher Schwachsinnsquotient.

P.S. In der weiten Netzwelt kann man das mit der Krake auch. Vollkommen ohne Abstraktion.