Archive for the ‘Gute Idee eigentlich, aber wir sind ja jetzt erwachsen’ Category

Tu’ ma’ lieber die Mörchen?

Dienstag, Oktober 2nd, 2012

Ein großer Wurf! Gestern wurde bekannt, dass die ehemaligen Betreiber_innen der Bar25 (heute gegenüber im Kater Holzig involviert) mit ihrer »Holzmarkgenossenschaft plus eG« das Höchstgebot für das Gelände der ehemaligen Bar25 vorgelegt haben und damit in der Lage sind, Eigentümer_innen dieses Streifens Land zu werden (auch, wenn die offizielle Entscheidung der BSR erst am 17. Oktober verkündet werden wird). Das ist insofern besonders, weil damit an der Spree nicht das zigste Gebäude mit Wachschutz und Zaun gebaut wird. Die eG plant ein Dorf mit Park, Kidzklub und Imweiterensinnegewerberaum, Details sind der Seite der eG zu entnehmen. So weit, so ganz sympathisch. Unter den richtigen Vorzeichen, könnte das sogar ein Projekt sein, dass die in diesem Blog schreibenden Dauernörgler zufriedenstellen würde. Im Folgenden soll aber genörgelt und nicht zuletzt gezeigt werden, dass die Übernahme des Geländes nicht mal versucht, der kapitalistischen Dynamik eine Bremse in den Weg zu legen.

Die Artikel der Holzmarkt Genossenschaft offenbaren es schon, die, die da angetreten sind, sind auf einem Werbefeldzug für ein Berlin, dass sich nicht über große Unternehmen, sondern über Dynamik, Start Up, Fail Down und Jutebeutel als allgegenwärtige Werbefläche definieren möchte. Man propagiert Nachhaltigkeit, Synergieeffekte, bietet 24h Kinderbetreuung für Eltern kurz vor der Deadline, man achtet die Identität des Geländes, um sie nicht mit Glasbauten zuzustellen. Neubauten gelten für die Kritik der modernen Stadt gerne als seelen- oder kontextlose Gebilde, die sich in das gewachsene Konglomerat der bestehenden Stadt einfressen. Das ist selbstverständlich eine romantisierende Vorstellung der Stadt – in deutschen Großstädten dank der alliierten Umbaumaßnahmen während des Zweiten Weltkrieges besonders signifikant. Was heute als Stadt zu sehen ist, ist immer das Projekt von Brüchen und Konstanz, von Brand und Ausbau, Verfall und Kernsanierung. Ob die eine Seite der anderen vorzuziehen sei, ist wohl eine Frage, die sich nur geschmäcklerisch, also gar nicht, beantworten lässt.

Sicher ist aber, dass der Plan »Holzmarkt plus« kein Gegenmodell zu einer kapitalgetriebenen Bebauung öffentlicher Flächen ist, sondern nichts weniger als die zeitgemäße Umsetzung dieser Bebauung. In einer Stadt, deren maßgebliches Potential keine Industrie ist, sondern die Fähigkeit der Bewohner_innen als BeamtIn oder Lebenskünstler_in zu überleben, durch hippe Stadtteile und Clubs Tourist_innen anzulocken, ist es zwar nur folgerichtig, dass diese auch Kaufkraft auf sich vereinen, was auf der einen Seite (Politik, Wirtschaft) gerne nicht gesehen wird, auf der anderen aber auch kein Lob für die ist, die die Kaufkraft auf sich vereinen. Letzten Endes ist der Bebauungsplan »Holzmarkt plus« das längst hinfällige Symbol einer Individualisierung der Konkurrenz, in der nicht mehr die Belegschaft von Toyota versucht, die von Opel niederzukonkurrieren, sondern jede_r selber gucken muss, dass der Auftrag nicht an den Typen geht, der im Café neben einer sitzt.

Bei der immer noch existierenden kapitalistischen Totalität ist es kein Wunder, dass auch die Holzmarkt plus eG nicht weniger ist, als Akteurin in einer Dynamik, die derzeit die Lebenshaltungskosten in den zentralen Berliner Bezirken signifikant steigen lässt. Die Sprache der eG lässt, wie bereits erwähnt schließen, dass sie sich dieser Rolle vollends bewusst ist, von einer kritischen Reflektion ist bis dato allerdings nichts zu spüren. Von den Betroffenen einer so entstehenden Verdrängung, man könnte es Gentrifzierung nennen, wäre der Begriff nicht mittlerweile so inhaltsleer wie die durchschnittliche Besucher_in der Bar25 am Montagmorgen, ist auch niemandem geholfen, wenn die kreative Bohème ein volksoffenes Vorzeigeprojekt an der Spree ihr Eigen nennt. Man sollte in der Freude wenigstens anerkennen, dass das, was dort an der Spree passiert ist, nicht weniger ist als Lobbypolitik – gepaart mit einer Prise Recht des Stärkeren. Den Verdrängten kann es auch scheißegal sein, ob die Holzmarkt eG »die Narbe zwischen Ost und West« kaschieren kann, sie vom Spaziergang an der Spree abgehalten werden, oder eben nicht. Die Verdrängten werden nicht mehr da sein, wenn sie Vorzüge oder Nachteile einer so oder so gelagerten Bebauung aushalten müssten.

Man sollte dabei nicht den Fehler begehen und die Verdrängungsdynamiken auf die Schultern einzelner Personen oder Zusammenschlüsse laden – diese stehen den Dynamiken letztendlich so ohnmächtig gegenüber wie jede_r andere Akteur_in auch. Man sollte aber auch nicht den Fehler begehen, aus der Ohnmächtigkeit einzelner eine Ohnmächtigkeit aller abzuleiten. Gerade ein Projekt, dass sich vermeintlich für ein solidarisches Miteinander einsetzt, hat immer die Möglichkeit sich der ihm eigenen Öffentlichkeit zu bedienen, gerade wenn es eine so massive ist, wie in diesem Fall. Es wäre mehr als ein feiner Zug, wenn diese Möglichkeit nicht nur dafür genutzt würde, Wunschvorstellungen der eigenen Peer-Group zu manifestieren. Damit wird man die Probleme dieser Erde nicht lösen können, aber man kann ein Bewusstsein dafür schaffen, dass diese gelöst werden müssen. Auch wenn diese Lösung sicherlich nicht so einfach und erfolgsversprechend ist, wie das Lösen von Radmuttern an Polizei(angestellten)fahrzeugen.

Paaaaaaaaaaaaank! Fakten ohne Anspruch auf Authenzität.

Montag, Juli 9th, 2012

Über Musik schreiben geht nicht. Soweit, so klar. Zum Glück gehört es zu den Basisbanalitäten jeder Subkultur, dass sie jeweils mehr sei als nur Musik. Ein »Way Of Life«. Mehr als Nieten und Sterni. Auch was mit Politik und Zugehörigkeit. Der da drüben ist schon ewig dabei. Deswegen darf er auch keinen Punk mehr hören und Rotwein trinken, aber trotzdem Punk sein. Die da hingegen ist noch nicht so lange dabei. Sie hört Punk freiwillig und findet, dass Rotwein dieses eine Wort mit intel sei. Wie im Computer, nur anders.

Auch ich habe mal was mit Punk gemacht. Ich nenne es heute teilnehmende Beobachtung. Ich bin dabei gewesen. Leider habe ich alles Wichtige verpasst. West-Berlin, Schleimkeim, Chaos-Tage, Slime, Chaos Z, Hafen & Mainzer Straße, diese eine Startbahn. Selbst der zeitgenössische »goldene Herbst«, die Verhinderung mit allem Möglichen eines Naziaufmarschs im beschaulichen Göttingen, immerhin 2005 und damit durchaus erlebbar, ging an mir vorüber. Auch der G8 2007. Ich war zwar da, aber in der falschen Demonstration. Am Hafenbecken musste ich mich dann zurückhalten. Meine Mutter stand schließlich neben mir.

Dafür habe ich bei meiner ersten antifaschistischen Tätigkeit den Palast der Republik gestürmt. Nicht, dass ich gewusst hätte, was das sein soll. Wir mussten auch relativ bald wieder gehen, weil wegen Polizei, aber das sind unwichtige Details. Nebenbei wurde ein Naziaufmarsch verhindert, aber das war in Berlin – ohne brennende Blockaden und Geschichten, die man bei Fahnenfeuer und Dosenbier zum Besten geben kann.

Brennende Blockaden habe ich bis heute nicht gesehen. Einmal eine rauchende und einmal eine aus einem einzigen Mülleimer. Das zählt nicht. Ich habe auch nur einmal Dosenbier getrunken, das aber war auf einem Indiefestival, kein Faxe und zählt deswegen auch nicht. Kurzum, für mich war Punk eigentlich immer nur Musik. Das mit der Lebenseinstellung überließ ich meinen Freunden. Schon nach kurzer Zeit meiner teilnehmenden Beobachtung war mir klar, dass ich mich vollkommen auf sie verlassen kann.

Punk ist nicht lieb. Das sind immer die anderen. Meistens Hippies. Es gibt im Punk zwar Liebeslieder, die sind aber entweder Hochnot peinlich, oder es geht um Bier. Meistens beides. Punks sind auch nicht lieb, oder besser: Sie sind es nur hinter verschlossenen Tür. Nach einem halben Kasten Bier fällt das Stehen nicht unbedingt leichter. Ein gekonnter Punkplattenalleinunterhalter erkennt diesen Moment und schafft Abhilfe durch das Spielen einiger Klassiker. Schon nach wenigen Takten dieser Platten liegen sich alle in den Armen. Die Texte der Lieder in den nächsten drei Stunden muss man auswendig kennen. Die generell unkomplizierte Weise, in der Punklieder aufgebaut sind, erleichtert das ungemein. »Haut die Bullen platt wie Stullen, haut ihnen ins Gesicht« oder »Polizei, SA, SS, GSG-9 und BGS« kann man sich auch merken, wenn gehen nur noch in gemeinsamer Kraftanstrengung möglich scheint.

Es gibt natürlich auch Punk, der komplizierter ist. Unter echten Punks aber gerät dieser schnell in Verdacht so genannter »Abiturientenpunk« zu sein. Es gibt zwar auch in dieser Subkultur ein Abitur. Dieses hat aber mit – Überraschung – Dosenbier und Bordstein zu tun. Es firmiert unter dem Namen »Bahnhofsabitur«. Die genauen Abläufe sind geheim und genau genommen will man sie auch nicht kennen. Die Vorteile einer bestandenen Abiturprüfung kenne ich nicht. Ich bin gar nicht erst angetreten. Prüfungsangst.

Was es im Punk auch gibt, ist eine heilige Dreifaltigkeit. 3 Akkorde, 3 Menschen, 3 Minuten. Soviel braucht es für einen vernünftigen Punksong. So erklärt es sich auch, dass Punks ihre Platten mit A1-8 beschriften können, wo man bei manchen Technoproduktionen aufpassen muss, dass der Platz überhaupt für A1 reicht. Ich war auch mal Mitglied einer Punkband. Auch wir waren zu dritt. Ein Freund von mir am Schlagzeug und irgendein Jungpunk, von dem ich zugegebenermaßen vergessen haben, warum wir ihn überhaupt kannten, am Bass, ich habe gesungen. Einen Gitarristen haben wir nie gefunden. Wie die meisten Vorhaben meines Freunds und mir haben wir das Projekt relativ bald eingestellt. Ohne Namen, wir dachten kurz über Notausgang nach, aber mit zwei Liedern, die nie gehört wurden. Worum es ging, habe ich auch vergessen. Vermutlich um Pils und Polizistenhass.

Punk wird oft auf Pils und Polizistenhass reduziert. Das ist so wahr, wie es falsch ist. Man kann dem Punk als Kultur zugute halten, dass in ihm das politische präsenter ist, als anderswo. Zwar klappt es auch bei der Umsetzung des alten Leitspruchs »Das Private ist politisch« nicht immer die Theorie in die Praxis umzusetzen. Allerdings ist Politik hier mehr als Subtext. Wenn auch die Substanz zuweilen fehlt. Die, die am System gescheitert sind, wollen nicht mitspielen. Sie wollen rebellieren. Im besten Fall entwickelt sich aus dem Bauchgefühl der Verweigerung eine Perspektive der Überwindung. Besoffen Polizisten bepöbeln, Nazis jagen und das hassenswerte mit voller Inbrunst hassen ist dafür nicht der schlechteste Weg.

Meine Freiheit, deine Freiheit.

Dienstag, Mai 15th, 2012

Über wohl kaum ein Wort lässt sich so viel philosophieren, Unsinn reden, anderen Ahnungslosigkeit vorwerfen oder einfach nur mal gut oder schlecht fühlen, weil zu viel oder zu wenig, wie über das der Freiheit. Freiheit ist überall, Freiheit ist nirgendwo, Freiheit sind Gedanken, Freiheit hat jede_r in der Westentasche. Jede_r versteht was unter Freiheit und alle, von Luxemburg bis Patrick Döring, halten die Freiheit für ein hohes Gut. Die einen wollen die Freiheit zum Kiffen, die nächsten im Internet, wieder andere wollen ganz frei sein. Es scheint, dass in der pluralistischen Meinungsbildung Deutschlands bei der Freiheit für einen Moment Harmonie einkehrt, alle »We shall overcome« anstimmen und sich erst im nächsten Moment über Steuern, ACTAPIPASOPA, Griechenland und Landtagswahlen zerfleischen. Pustekuchen.

Denn so, wie jede_r den universalen Wert der Freiheit anerkennt, meinen auch alle etwas anderes, wenn sie von Freiheit reden. Zumindest etwas anderes, als die anderen. Zwar ist man sich weitestgehend einig, dass »Freiheit die Freiheit der anders Denkenden« (Luxemburg) sei. Das war es dann aber auch schon. Zur Bebilderung nehmen wir mal kurz die Bundespolitik. Da gibt es den Vorsitzenden einer Partei, die sich liberal nennt, Patrick Döring heißt jener. Dieser wirft der Piratenpartei vor, dass jene »ein beschränktes Verständnis von Freiheit [haben]. Sie sind befangen im Freiheitsbegriff des Pubertierenden, wir von der FDP stehen zu dem des Erwachsenen. Sie fragen nur nach ›Freiheit wovon?‹. Wir fragen nach ›Freiheit wozu?‹.« Nun, das Distinktionsmerkmal »Wir sind ja so erwachsen« ist an dieser Stelle verunglückt, albern, man möchte beinahe »kindisch« sagen, aber darum geht es hier gar nicht. Die Frage nach dem wozu, dem Zweck der ganzen freiheitlichen Veranstaltung ist aber schon mal eine gute. Ja, wozu denn die ganze Freiheit? Weil Döring diese Frage nicht beantwortet, bin ich mal so frei.

Ganz einfach, und da wird mir in der FDP vermutlich niemand widersprechen: Zum Geld verdienen. Nur ist das, und jetzt wird mir jede_r in der FDP widersprechen, kein sinnvoller Zweck. Wie wir alle in unserem Aufbaukurs Marx gelernt haben, geht das in großem Stile nämlich nur, wenn man sich Produktionsmittel aneignet, arme Pauper verpflichtet irgendwelche Dinge für einen herzustellen und am Ende weniger Kosten als Einnahmen in der Bilanz stehen hat. Wenn also einige wenige auf die Kosten vieler wirtschaften. Glück (ob in Lotterien oder Wertpapiergeschäften) sei hier mal vernachlässigt.

Dazu garantiert der demokratisch-aufgeklärte Staat noch ein paar Bonusfreiheiten. Die Freiheit sich seinen Wohnort im Staatsgebiet auszusuchen (wenn man sich die Gegend leisten kann). Die Freiheit alles und jede_n zu kritisieren (im Rahmen des Grundgesetzes). Die Freiheit Presse zu drucken (wenn man es sich leisten kann). Diese Freiheiten sollen bitte für alle gelten, so ganz im idealen Durchschnitt. Dass unterschiedliche Zugänge zur Freiheit auch unterschiedliche Möglichkeiten sich jener zu bedienen meint, kann unterschlagen werden. Man solle doch wenigstens mal die Chance haben, sich zu äußern.

Das wäre also die grob umrissene Freiheit, zu der man sich ins Recht gesetzt fühlen darf. Aber auch die Kehrseite, also das, was Döring als »beschränkte« Definition der Freiheit bezeichnet, soll hier gewürdigt werden. Die Freiheit von. Die Ex-Proletarier, heute Ichmachwasmitmedientarier, »Hartzer« oder Überbleibsel jenes Proletariats, das sich mal in Fabriken und Kohlenschächten um Leib und Leben rackerte, haben auch keine große Wahl. Manchmal haben sie nicht mal diese und sind darauf angewiesen, dass ein staatliches Gefüge existiert, das die Unausgebeuteten vor dem Elendstod schützt. Mit Marx: Die Freiheit von Leibeigentum und die Freiheit vom Besitz an Produktionsmitteln. Weiter: »Es handelt sich um die Freiheit, sein Privatinteresse gegen die anderen Subjekte zu verfolgen. So sind Erfolg oder Misserfolg in die Verantwortung der Individuen gestellt, die die Zwänge des Wettbewerbs an sich und anderen vollziehen müssen.« So steht es im Reader Der bürgerliche Staat der Gruppe 3 aus Göttingen, der nebenbei unbedingt empfehlenswert ist, wenn man was über die Verfasstheit der staatlichen Herrschaft lernen möchte. Aber weiter im Text: Die persönliche Freiheit der Individuen ist nicht ohne Einschränkung jener zu haben. Besonders deutlich wird dies in einer Gesellschaft, in der alle gegen alle in der Konkurrenz stehen, oder (wieder aus dem Reader): »Der häufig bejammerte Egoismus der Privatmenschen ist aber bitter nötig, um in einer Gesellschaft zurechtzukommen, die dem Einzelnen keine andere Wahl läßt, als zu versuchen, seine Anliegen gegen alle anderen MitbewerberInnen durchzusetzen. Wäre dies nicht so organisiert,würde sich der Aufruf zu ›mehr Mitmenschlichkeit‹ als überflüssig herausstellen, weil dann
ohnehin niemand eine solche Feindseligkeit der Interessen voraussetzen müßte.« Freiheit und die Einschränkung der Freiheit bedingen also einander. Wenn die Menschen es für ein taugliches Mittel zum Auskommen halten würden, mal auf den eigenen Vorteil zu verzichten (was im Kapitalismus freilich den Untergang bedeutet), und kooperativ die anfallende Tätigkeit erledigen würden, dann bräuchte man auch kein Gewaltmonopol mehr, das dafür sorgt, dass sich die Menschen im Namen ihres eigenen Willens nicht abschlachten.

Und da sind sich Piraten und FDP dann schon wieder näher, als sich aus den Nebelkerzen Dörings oder dem Spott der Piraten ob der zeitweilig unterirdischen Wahlergebnissen der FDP entnehmen lässt. Sowohl die Freiheit von staatlichen Eingriffen beim Ausleben des eigenen Individualismus im Internet und auf der Einkaufsmeile, als auch die Freiheit zum Geld verdienen, Ausbeuten und dem Annehmen von Geldern irgendeiner Industrie, meinen nichts weniger als die Vorraussetzung kapitalistischer Konkurrenz.

Aber was dann? Vielleicht wäre es an der Zeit gegen den Idealismus einer »herrschaftsfreien« Gesellschaft, mit dem einer freiheitsfreien Gesellschaft anzukämpfen. Eine Bewegung, die den jetzigen Zustand aufhebt, lässt sich jedenfalls nur schwerlich mit Individuen machen, die den jetzigen Zustand denken und diese Gedankenform für Emanzipation halten. Womit wir auch die Pathetik gewürdigt hätten.

Übrigens: Dass die USA ihr neues hochhausgewordenes Nationaldenkmal »Freedom Tower« (Fragmente sind auf den Bildern dieses Posts zu erkennen) nennen werden und damit die Unterdrückung weiter Teile der Welt in Glas, Beton, Stahl und High-Tech gießen, darf man ruhigen Gewissens symptomatisch für die Freiheit, die alle meinen aber keine_r definiert, nennen.

Deutschland, du bist Deutschland!

Montag, Mai 7th, 2012

Die Anklage in der Überschrift klingt redundant? Zugegebenermaßen. Aber ich will auch mal Gesellschaftskritik auf dem Level der nicht-mehr-ganz-so-neuen-antideutschen-Popmusik betreiben. Zuerst aber ein kleiner Blick in die Geschichte. Im Jahre 2006 fand in Deutschland eine Sportveranstaltung statt, bei der irgendwelche Männer irgendwelchen Bällen hinterherliefen und irgendwelche anderen fanden, dass das jetzt ein Supergrund sei auf die Männer, alle anderen Männer und ganze Nationen stolz zu sein. Gegen diese Welle des Hurra-Patriotismus stemmte sich wacker Egotronic. Die nahmen »Ten German Bombers« neu auf. Eine solche Provokation, dass sich selbst Spiegel Online genötigt sah, mit den Beteiligten mal ein ernstes Wörtchen zu reden. Was nicht einfach ist, wenn die Beteiligten kein ernstes Wörtchen mehr reden können. Heraus kam dieser Beitrag. Was man damals »keine Ahnung […] uncool […] keine Ahnung« fand, existiert heute immer noch. Grund genug für die Stars der nicht-mehr-ganz-so-neuen-antideutschen-Popmusik (»Frittenbude, Egotronic und die Tiere«) eine Erneuerung der verblichenen Kritik zu versuchen. Wo damals noch aus der Perspektive des Bomberpiloten über Deutschland geredet wurde, versucht sich Frittenbude im Dialog mit Deutschland. Und was sie haben sie Deutschland zu sagen? »Du fühlst dich immer noch so deutsch an.« Was, ja was, mag man den Popstars zurufen, solle Deutschland denn bitte sonst sein? Kommunistisches Wohlfühlparadies, Champagnerbecken, Straßen aus Zucker? Es endet zugegebenermaßen meistens peinlich, wenn sich Linke auf die Kunst stürzen und versuchen Gesellschaftskritik zu vermitteln. Oder noch genereller: Es endet meistens peinlich, wenn Menschen versuchen Gesellschaftskritik zu vermitteln. Fairerweise: Es endet meistens peinlich, wenn Menschen etwas versuchen. Unfairerweise: Selbst der Bericht bei Spiegel Online hatte noch mehr Substanz. Auch wenn die aus Speedresten in den Nasen der Protagonisten bestand. Die Empörung, die Frittenbude & Co versuchen zu repräsentieren, ist keine mehr. Wo Kinski noch beleidigte und Nikel Pallat immerhin versuchte das Interieur eines Fernsehstudios zu zertrümmern und die Mikrophone zu entwenden, lassen sich die nonkonformen Musiker heutzutage zum Abschied brav die Hand geben. Vermutlich, weil man irgendwie erfahren muss, wie sich Deutschland anfühlt. Was bleibt, ist ein fürchterlich belangloser Ohrwurm.

Wie es auch anders geht (nämlich betrunken, lustig und treffend) zeigte Olli Schulz als Charles Schulzkowski ein paar Wochen vorher in derselben Sendung:

Ihr seid nichts als linke Spießer.

Mittwoch, Mai 2nd, 2012

Zugegeben, dieser Artikel ist Nachtreterei. Aber: Sie haben es nicht anders verdient. Als die revolutionäre 1. Mai-Demo, eines der Highlights linker Identitätspolitik in Deutschland, von Einheiten der Polizei angegriffen wurde und sich dagegen wehrte, verlagerten sich die Ausschreitungen auch in die Lindenstraße. Das ist nicht die aus dem Fernsehen, aber immerhin gibt es dort momentan eine Baustelle, also Bauzäune, also astreines Barrikadenmaterial. Nun, das mit den Barrikaden kann die deutsche Linke nicht mehr, weswegen auch nicht viel mehr passierte, als dass die dort stehenden Zäune umgerissen wurden. Die berlinische Qualitätspresse (B.Z.) wusste in ihrem Ticker zu schreiben, dass »das Jüdische Museum mit Steinen beworfen [wurde]«.

Das wäre ein Problem. Wäre, weil es nicht passiert ist. Ein Problem, weil Angriffe auf jüdische Einrichtungen nichts weniger als antisemitisch wären. Nun, die normative Kraft des Erfundenen brachte einige Antideutsche auf die Barrikaden (virtuell natürlich nur, weil s.o.). In der Feindbildpflege höchst bemüht auch aus einer Nichtigkeit Antisemitismus zu konstruieren, konstruierten sie fleißig. Auch nach Hinweisen, dass nicht das Jüdische Museum angegriffen wurde, sondern eine Polizeibarracke davor, war man sich nicht zu blöde, weiter Antisemitismus zu wittern. Schließlich hätte diese Polizeibarracke ja die Aufgabe das Jüdische Museum vor den Angriffen der antisemitischen Internationale zu schützen. Wie ein kleines Haus (s. Bild unten) das bloß machen soll, und ob sich ein zum Angriff entschlossener Antisemit von 4 Bullen kurz vor der Rente und einem Häuschen mit einer Grundfläche von einem geschätzten Quadratmeter von diesem Angriff abhalten lassen würde, bezweifelt der Autor dieser Zeilen. In einer Realität, die Lowlights linker Identitätspolitik (Fahnen schwenken, Buttons tragen, Facebook-Postings) aber für eine sinnvolle Unterstützung von Israel hält, ergibt das vermutlich alles Sinn.

Es war nicht alles schlecht.

Mittwoch, Dezember 21st, 2011

Sicher, der Hunger ist schlimm. Atomraketen gehören auch nur in die Hände bürgerlicher Demokratien und ihres militärisch-industriellen Komplexes. Und diese Mauer erst, die ein Volk trennt – nun ja. Aber: Tanzen können die Nordkoreaner. Und wo getanzt wird, da kann es nicht ganz schlecht sein. Okay, das stimmt nicht. Doch diese Tränen, die sind echt.

Eine Altherrenrunde arbeitet ihre antideutsche Vergangenheit auf – oder: bei der NEA wird nichtmal mit Wasser gekocht

Dienstag, Dezember 20th, 2011

Sehnsüchtig erwartet fand am Samstag, dem 18.12.2011 die Veranstaltung „Rechtpopulismus und die Linke“, organisiert von der bauchlinken NEA („North East Antifascists“) und der Trend Online Zeitung, statt. Bereits im Vorfeld gab es auf der Facebookveranstaltungsseite kleinere verbale Schlagabtausche, sodass Prognosen von „der komplette Saal diskutiert gegen das Podium“ bis „Antiimpschläger springen auf alles, was die Stirn runzelt“ abgegeben wurden.
Zu dem sogenannten „Teach in“ erschienen soviele Leute, dass die Zuspätkommer nur noch Platz auf dem Boden fanden, wer meint, zum Thema Antideutschenbashing sei bereits alles gesagt, der irrt scheinbar.

Auf dem Podium, das nach Eigenaussage selbstverständlich nicht zur Selbstdarstellung angetreten war, fanden sich der leicht wirr wirkende Attila Steinberger, ehemals Krisis, nun Lieblingsreferent der kurz vor der Bedeutungslosigkeit stehenden NEA, der Jungle-World-Paris-Korrespondent Bernard Schmid, bei dem durchaus fraglich ist, was ihn ausgerechnet zu diesem Blatt trieb und dessen Anwesenheit wohl soetwas wie ein heterogenes Podium vorgaukeln sollte und Gerhard Hanloser, der insgesamt am souveränsten wirkte.

Vorweg muss gesagt werden, dass der Titel der Veranstaltung etwas irreführend war. Eigentlich war die Überschrift des Ganzen „Warum die Bahamas ein rassistisches Mistblatt ist“.

Denn „die Antideutschen“, über die Georg Klauda zu Beginn noch nicht als homogene Masse sprechen wollte, es aber trotzdem die ganze Zeit tat, das ist die Bahamas, der durch die Bezeichnung „Zentralorgan der Antideutschen“ eine Bedeutung zugeschrieben wurde, von der sie selbst wohl nur träumen kann, und noch ein paar andere Schreiberlinge. Und sonst nichts. Darin waren sich alle Beteiligten einig.

Selbst auf Nachfrage aus dem Publikum, wie es sich denn mit antideutschen Antifagruppen verhielte, stammelte Steinberger nur zusammen, dass er die ja ausschließlich aus dem Internet kenne und dazu auch nicht viel sagen könne.

Gerhard Hanloser eröffnete die Runde mit einer Darstellung der sogenannten Bahamasideologie ähnlich wie in dem von ihm mitgeschriebenen Buch „Der bewegte Marx“ mit dem Begriff des Zirkulationsmarxismus, der von Klassengesellschaft nichts wissen möchte. Das sogenannte „Antideutschland“, das er ohne weitere Begründung als Synonym für „die Antideutschen“ benutzte, die er für die deutschesten der Deutschen hält, schlage sich seiner Meinung nach durch die Ausblendung sozialer Kämpfe zwangsläufig auf die Seite der Herrschenden und der Nation.

Weiter ging es mit Bernard Schmid, der sich in einem Abriss der Geschichte der Antideutschen versuchte und zugab, früher ebenfalls dort verortet gewesen zu sein. Georg Klauda stimmte in den Chanson der Reue gegenüber der eigenen politischen Vergangenheit ein und beide versuchten, ihre Geschichte aufzuarbeiten, indem ein bunter Refrain aus „seit 9/11 gehen die aber garnicht mehr“ gesungen wurde. Schmid verglich seinen ehemaligen Helden Elsässer mit Mussolini und zeigte die Tiefe seiner Analyse, indem er Sören Pünjer mehrfach als „Würstchen“ titulierte.

Am – eh schon zweifelhaften – Niveau mussten weitere Abstriche gemacht werden, als Attila Steinberger das Wort erhielt. Völlig wirr arbeitete er sich an diversen Zitaten von Grigat, Küntzel und der Bahamas ab und feierte Sternstunden der Kritik, indem er die Exstenz eines Ummasozialismus durch Kreditangebote islamischer Bankinstitute versuchte zu widerlegen. Die wären schließlich auch mit Zinseszinz. Als Highlight des Kurzvortrags kann Steinbergers These, Milton Friedman könne ja nicht antisemitisch gewesen sein, er war ja selbst Jude, gesehen werden. Leider begriff Steinberger nicht, dass das Publikum hier und desöfteren sonst nicht mit, sondern über ihn lachte und warum Friedman Antisemit sein soll, blieb auch unklar.

Nach ein paar kurzen Fragen der Moderation an die vortragende Altherrenriege, bei deren Beantwortung zum hundertsten Mal – selbstverständlich mit Recht – der Rassismus der Bahamas betont wurde, wurde der Ring dann endlich eröffnet.

Generell hat sich die Moderation ganz gut angestellt, längere Wortbeiträge ohne konkrete Frage zu verhindern, auch wenn sich Herr Klauda dabei deutlich geschickter zeigte als sein Moderationskollege, dessen Taktik einzig darin bestand, ins Mikro zu rufen, dass er ja lauter könne.

Wie eingangs erwähnt, konnte auf die Frage, was denn zu anderen antideutschen Gruppierungen, die sich im Gegensatz zur Bahamas durchaus der radikalen Linken zurechnen, zu sagen sei, keine wirkliche Antwort gefunden werden und auch sonst diente die „Diskussion“ eher der eigenen Positionierung und war vom eigentlichen Inhalt des Wortes meilenweit entfernt, was durchaus auch daran gelegen haben könnte, dass vom Podium eher kein Austausch, sondern nur ein einseitiges Frage-Antwortspielchen gewünscht war.

Ganz nebenbei rutschte dem Herren Antirassisten Klauda dann noch ein „Asylanten“ in den Mund und die Antiimpschläger von Zusammen Kämpfen führten sich auf wie eine Mischung aus Fußballkurve und Jubelperser, wobei man sich manchmal wohl aus Verständnislücken unsicher war, ob nun geklatscht oder böse geguckt werden muss. Den bösen Blick ließ man im Zweifel lieber ins Publikum schweifen.

Während ein Podiumsteilnehmer dem politischen Gegner, nicht Feind, denn Feindschaft müsse ja gepflegt werden, Neurosen attestierte, ging der NEA, die zwar keine Ahnung hatte, aber immerhin Tresen gemacht hat, die Mate aus, was angesichts mancher Publikumsbeiträge („Denen sollte man mal aufs Maul haun!“) sicher eine günstige Fügung war, denn übrig war nur noch Bier und damit geht schließlich alles besser.

Alles in allem haben wohl ausschließlich die Jungs von ZK hier etwas Neues gelernt, von nun an können sie, nachdem sie Leuten, die sie unter „antideutsch“ subsummieren, nach der Faust im Gesicht noch hinterher rufen „für weil wegen Bahamas und so“, da fällt sicher in nächster Zeit nochmal eine Packung Merci für die Gruppe ab, die vor 2 Jahren noch ein Konzert mit Makss Damage plante und kürzlich ein Plakat erstellte, das genau so von Lichtenberger Nazis im Weitlingkiez plakatiert wurde.

Der beigefarbene Neanderthaler. Anmerkungen zur Kulturgeschichte.

Mittwoch, Dezember 7th, 2011


Es gehört zu den Grundtendenzen des Kapitalismus, dass er nicht müde immer noch einen drauf zu setzen. Zu jedem Popstar einen Poppigerstar, zu jedem Brunnen einen Auslandseinsatz und schlußendlich zu jeder modischen Fehlentwicklung hin zu Sackleinen und Entwürfen, die der schlechteste Sci-Fi-Produzent nicht als Kostüme nehmen möchte, den beigefarbenen Zipfelrock. Als Marx sagte, dass die Geschichte der Menschheit eine Geschichte der Klassenkämpfe sei, hatte er vermutlich Zipfelröcke im Hinterkopf. Ein Blick in die Höhlenmalereien, Tempel, Folterkammern dieser Erde zeigt der kundigen Beobachterin eines: Überall Zipfelröcke. Wenn man der landläufigen Darstellung der Entwicklung der Produktionsmittel glauben schenken mag, kann man vorherigen Menschengenerationen dabei zumindest in der Farbgebung Absolution erteilen. Es ging nun mal nicht besser. Der Eindruck eines Zipfelrocks entsteht von Zeit zu Zeit sicher auch, weil den armen Menschen, die sie tragen mussten, die Mittel fehlten ihre nicht als Zipfelrock entstandene Kleidung aus dem Zustand der zipfelröckigkeit zu befreien.

Im Kapitalismus verhält sich das freilich anders als beim Neanderthaler, dem eigentlichen Erfinder des Zipfelrocks. Der Kapitalismus hat aus freien Stücken beigefarbene Zipfelröcke zur Mode erkoren. Es ist nun weder so, dass Alternativen fehlen würden, noch so, dass man Klamotten heutzutage überhaupt nur in irgendeiner entfernt an Beige erinnernden Farbe herstellen müsste. Die Gesellschaft des Zipfelrocks hat geschafft im 21. Jahrhundert runde 42.011 Jahre in die Vergangenheit zu reisen. Eine gigantomanische Leistung. Selbst für die an Superlative gewöhnte Gegenwart sind 42.000 mal eben kurz im Handstreich auf dem Laufsteg pulverisierte Jahre beachtlich. Der Kapitalismus steuert dem Ende entgegen. Nach uns die Mammuts.

Robert Stadlober – eine Beschimpfung.

Montag, Dezember 5th, 2011

Es ist noch nicht sehr lange her, dass eine dieser unsäglichen, kritisch-kreativen Gestalten, die sich der medial-kulturelle komplex als Hofnarren hält, mit einer gleichzeitig so besinnungslosen wie wohldurchdachten Wortmeldung die Aufmerksamkeit leider auch von mir auf sich zog, eine Aufmerksamkeit, die ich lieber auf Lohnenswerteres oder wenigstens den Rest einer vorgestrigen Flasche Chardonnay gerichtet hätte. Die wahrgenommene Einladung zur Extra 3 genannten Version des öffentlich-rechtlichen Charaktermaskencastings jedenfalls war der letzte definitive Anlass, von all den hippen deutschen Jungschauspielern und -schriftstellern sowie deren unheilvollen Wirkens mich zu distanzieren, ein Wirken übrigens, das nun wahrlich weder mit Hippness noch mit Schauspielkunst das geringste zu tun hat und deren Existenzberechtigung spätestens nach “Sonnenallee” und “Good Bye Lenin” jeder vernünftig denkende Mensch mit gutem Gewissen und selbstverständlich verneinen muss.

Der selbst zu einem Salonrevoluzzer nicht taugende Robert Stadlober jedenfalls gab der Talkshowrunde den dandyhaften Andreas Baader, eingerahmt von einem erfrischend dummen Fußballprofi und einer blonden Smalltalknutte, lächelte, faselte, verstörte, provozierte ein wenig und warb für seinen neuen Film, ein Roadmovie zu Fuß übrigens. Mit der radikalen Linken sympathisiere er und Politik sei ihm ein Lust steigerndes Hobby, schleuderte er den Anwesenden – darunter der niedersächsische Ministerpräsident David Mcallister – mutig ins Gesicht, und man kann ihn förmlich vor sich sehen, wie er über der unverstanden unverdauten Minima Moralia weinend masturbiert, sich versichernd, dass nach Auschwitz und Adorno zwar kein Gedicht sich mehr schreiben lasse, in Bernd Eichingers gesamtdeutschen Besinnungsdramen aber immer noch der richtige Platz für praktische Ideologiekritik des österreichischen Nachwuchsmimens sei. Zur knallchargigen Borniertheit, die erstmal besitzen muss, wer der deutschen Unterhaltungsindustrie einen Satz wie “Solange in Hoyerswerda keine Asylantenheime brennen, habe ich kein Problem mit brennenden Mercedessen” ins Abendprogramm meint diktieren zu wollen, gab Thomas Bernhard einst folgendes von sich: „Wir sind Österreicher, wir sind apathisch; wir sind das Leben als das gemeine Desinteresse am Leben, wir sind in dem Prozeß der Natur der Größenwahn”, und er hätte damit eigentlich das nötige zu Stadlober und Konsorten gesagt. Eigentlich, denn der im Kärntner Freising geborene und in der Steiermark aufgewachsene Berliner Jungschauspieler hat ein neues Betätigungsfeld für sich entdeckt: das spannungsgeladene Verhältnis von Real- und Symbolpolitik nämlich, in diesem Fall an der Debatte um brennende Versicherungsfälle und den vermuteten Zusammenhang mit der sogenannten Gentrifizierung nämlich. Wie ausgeprägt muss des armen jungen Mannes Herkunftsschizophrenie sein, der aus Karrieregründen und mitteschalumwürgt ins Medienberlin zu ziehen müssen meinte und nun dritten Programmen und Stadtmagazinen den Verständnisonkel für rechtlich nun wirklich nicht einwandfreie Grillanzünderverwendungen aus Protest gegen Stadtteilaufwertungen spielt?

Frage man mich besser nicht nach dem Sinn solcher Zusammenkünfte und Meinungsäußerungen, ein Sinn, der ganz offensichtlich in nichts anderen als der kühlen Selbstbespiegelung ihrer eitlen Mitglieder zu suchen ist und der Tatsache, zweimal jährlich zur Eigenbeweihräucherung zusammenzukommen und da, nach von Staat, Industrie und Filmförderung bezahlter und teurer, weil Luxusanreise, in guten Berliner Hotels großbürgerlich aufgetragene Speisen isst und Getränke trinkt, um anderthalb Stunden lang um ihren faden Gedankenbrei herumzureden. Ist EINE dieser Gestalten schon lächerlich und, wo auch immer, für die Menschengesellschaft schwer erträglich, um wie vieles lächerlicher und unzumutbarer ist eine ganzer Haufen dieser kritischen Dampfplauderer, die ihre Schoßgebete und ihren nonkonformistischen Selbstfindungsmüll gen Springerverlag schicken, wie unerträglich die in ihrer Belanglosigkeit kaum noch unterscheidbaren Schweighöfers, Schweinsteigers, Schreinemakers, Stadlobers. Denn mal im ernst: Was gibt es denn widerwärtigeres als dieses in Talkshowkulissen und Hotelhallen sich vollziehende Schauspielergeschwätz, der jederzeit relativierbare weil nicht so gemeinte aber dann doch lieber nicht explizit ausgesprochene Kollegenhass, das Gebuhle um die nächste öffentlich geförderte Idiotenrolle in irgendeinem Idiotenfilm? Gibt es etwas widerwärtigeres, als die staatlich subventionierte und unter Bernd Eichingers stinkenden Fittichen sich auslebende Radikalinskisimulation? Ich denke nicht.

Der junge Herr Stadlober jedenfalls gab in der erwähnten Rederunde zu Protokoll, für ihn sei der Geist das höchste Stadium der Entwicklung. Es bleibt einem wohl nichts anderes übrig, als ihm zu wünschen, dass sein noch recht weiter Weg in diesem Sinne ein erfolgreicher sein möge, oder uns, dass er wenigstens kurz sei oder still verlaufe.

Guy Debord: Ausgewählte Briefe 1957-1994 – Book Trailer from Magazin on Vimeo.

Dieser Text wurde verlesen auf einer sich “Dicher & Dichter vs. Borderlines“ nennenden Veranstaltung im Salon zur Wilden Renate. Der Grund, diesen Text hier nochmals zu veröffentlichen, ist ganz einfach der, dass sich Herr Stadlober für Mittwoch, den 18. Januar, eben da angekündigt hat, um den Übersetzungen von Briefen Guy Debords zu lauschen. Ich komme selbstverständlich auch. Besoffen.

Früher war alles besser.

Sonntag, Dezember 4th, 2011

Und die Junge Welt schreibt an der Beerdigung.