Archive for the ‘Milieuschaden’ Category

Kurzer Einwurf, die Realpolitik betreffend.

Samstag, Juli 13th, 2013

Ich muss unumwunden zugeben, dass ich eigentlich keine Ahnung habe, vermute aber, dass Ahnung zu realpolitischen Einwürfen sowieso eher nicht dazugehört. Es ist aber so, wie gesagt, ich könnte mich irren, dass in Großbritannien Anfang der letzten 90er, Ende der letzten 80er des vergangenen Jahrtausends eine politisch-unpolitische Bewegung namens Acid House/Rave, garniert mit runden (nicht immer) Dingern, die im Jargon der Staatsverwaltung »Ecstacy-Tabletten« heißen mögen, der marodierenden Bewegung der Casuals/Hoolijänz/Firms/… den Garaus machte. Oder besser: Sie zu Unvernunft, Gefühlen und Tanzen brachte.

Wäre es nicht jetzt, wo Berlin von einer Bewegung von Pub-Crawler_innen/Säufer_innen/Easy-Jet-Säufer_innen/… erfasst wird und die gemeine Einwohner_in knapp neben dem Kulturschock steht, nicht wieder an der Zeit, durch massenhafte Gabe von »Ecstacy-Tabletten« zu intervenieren. Das könnte das Verhältnis des regeressiven Stammes der Einwohnerwütenden zum regressiven Stamm der Besoffenwütenden schlagartig bessern. Ist jetzt aber nur so eine Idee. Wowi, übernehmen Sie (der Appell an die Politik ist bei realpolitischen Einwürfen immens wichtig, weil man ja eben nicht selber tun will, sondern nur deutlich machen möchte, dass man eine Idee hat, die wenigstens Idee, also nicht Hirntod, ist)!

Extacy

Vergewaltigungen brisant.

Donnerstag, April 25th, 2013

Eines meiner erkenntnistheoretischen Hobbies ist das Gucken der ARD-Sendung Brisant. Die ist meistens so unspektakulär und zum Gähnen langweilig, dass es sich sie hervorragend nicht gucken lässt. Genau genommen ist mein Hobby also das Nichtgucken von Brisant. Ausgenommen: Nachrichten über sämtliche Königliche Herrschaften der Welt – und aus Versehen brisante Kommentare zum Zeitgeschehen. Gerade Nachrichten, die sich alle Politik schon lange aus den Drehbüchern streichen wollten und Gesellschaft als besondere Individuen verstehen, können zum entlarvendsten Kommentar werden. Wer nicht drüber nachdenkt, macht einfach. Und wer nur den Maßstab berühmt oder reißerisch kennt, sortiert nach diesem Maßstab.

Vergewaltigungen sind so ein Thema, das reißerisch ist, ganz ohne Berühmtheiten zu brauchen. Mit Berühmtheiten natürlich noch viel reißerischer. So kamen dann heute auch direkt zwei Meldungen, die etwas mit sexuellen Übergriffen bzw. Vergewaltigungen zu tun haben. Fangen wir von hinten an: Anschuldigungen gegen Roy Horn von der Popgruppe Siegfried & Roy, er habe Krankenpfleger sexuell belästigt. TMZ hatte gestern berichtet, ein Video gesehen zu haben, dass solche Vorfälle zeige. Zur Anklage wird es nicht kommen, sexuelle Übergriffe verjähren in den USA nach einem Jahr, die Vorfälle sollen 2010 stattgefunden haben.

Auf der anderen Seite wird in unschöner Häufigkeit von Fällen berichtet, in denen eine Betroffene dem unschuldigen Täter das Leben so ordentlich versaut hat1Das heutige Beispiel. Das hat wenig mit der gesellschaftlichen Realität zu tun. Nun kann man ja sagen, die boulevardeske Newsmaschine hat mit empirischen Betrachtungen nichts zu tun, sie berichten auch über das Gegenteil, und überhaupt: Was guckst du den Scheiß eigentlich? Außerdem scheinen die Fälle stattgefunden zu haben und was stattfindet, das muss auch berichtet werden. Öffentliches Interesse, weißt du! Wenn etwas stattgefunden hat, dann hat es erstmal stattgefunden und ist gut oder schlecht. Das öffentliche Interesse sollte auch ein Interesse an Zusammenhängen sein. Es gibt nämlich nicht nur mutmaßliche Falschanschuldigungen – der Verein Terre Des Femmes nennt eine Zahl von 5% der Fälle2 – es gibt aber auch die große Mehrheit der richtigen Anschuldigungen und die noch viel größere Mehrheit der Fälle, in denen erst gar keine Anklage erhoben wurde, weil die Betroffenen sich dazu nicht in der Lage sehen. Es gibt eine Rape Culture, das Verharmlosen, das Verlachen, die gut gemeinten Ratschläge an die Betroffenen. Das alles könnte man thematisieren. Dann hätte man dem Bedürfnis nach seichter Unterhaltung zwar den Tag versaut, aber wenigstens kann man mit dem guten Gefühl zu Bett gehen, ausnahmsweise eine ausgewachsene Nachricht gesendet zu haben.

 

  1. Brisant dient mir hier zugegebenermaßen nur als Beispiel, andere Medien beherrschen dies wenigstens ebenso gut []
  2. Verbildlicht sieht das so ausdieser Artikel bei Slate liefert einen besseren Einblick in Zahlen und Häufigkeit []

Zum aktuellen Stand des Immerblöden: ECHO 2013.

Freitag, März 22nd, 2013

Um die Nachricht des Tages vorwegzunehmen: Ich bin jetzt Cro-Fan. Der macht zwar ungefähr so nichtssagende, weil jeglicher Denkleistung beraubte, Popmusik wie die Postpunks (im schlechtesten Sinne) von den Toten Hosen, geht dabei aber nicht auf die Nerven. Seine Live-Performance mit einer Bühne voller Cros ist dann auch das Highlight der gestrigen Show. Zwar nicht direkt neu, aber immerhin ein aktualisiertes Zitat eines Auftritts von Eminem.


Ansonsten kann man, das meint das bundesdeutsche Feuilleton und die paar Popkulturspacken außerhalb dessen, vom ECHO halten, was man will. Dass die deutsche Inszenierung von Pop schon immer an der nationalen Borniertheit oder einer Unfähigkeit zur Inszenierung außerhalb von Parteitagen (pun intended) scheitert, ist nun wirklich weder eine neue These noch eine spektakuläre. Wenn deswegen bei SPON oder der Süddeutschen heute wieder konstatiert wird, dass alles langweilig war, ist das langweilig. Horkheimer und Adorno wussten das schon länger. Irgendwo im Kulturindustriekapitel der Dialektik der Aufklärung hielten diese fest, dass realitätsgerechte Empörung die Warenmarke derjenigen ist, die dem Betrieb eine neue Idee zuführen wollen. Der gestrige Versuch einer aalglatten Selbstbeweihräucherung der schön Erfolgreichen und leidlich Schönen blieb ohne jede Empörung (die Mini-Empörung um Frei.Wild hatte sich schon recht bald erledigt, weit vor gestern 20.15h) und ohne jede neue Idee. Anstatt Ideen übt man sich in Star-Recycling, Einspieler-Werbefilmchen, und Höhnerscher Feier- und Frohsinn-Kotzerei. Immergleich stays Immergleich.


Der Witz des ECHOs ist ein anderer, wenn auch kein guter. Ein Preis, der auf der Basis der Beliebtheit bei denjenigen vergeben wird, die in jeder Umfrage wieder bezeugen, wie ekelhaft sie als Kollektiv sind, die Deutschen, ist keine Auszeichnung, sondern eine Beleidigung. Robbie Williams’ Reaktion auf seinen Echo, ungespielte Langeweile, wird so zur einzig richtigen. Die Sache mit dem Eigenlob kriegt er, auch kein Wunder, wesentlich besser hin als BAP-Niedecken.


Und sonst so: Frida Gold versucht die 90er wiederzubeleben mit einer grausamen Cover-Version eines grausamen Liedes, dessen grausamen Namen ich zum Glück schon wieder vergessen hatte, Cascada zeigt Dance-Pop zum Gähnen. Selbst das zweite Highlight, Emili Sandé, muss mit einem »Naja« vermerkt werden. Das glorreiche Ende ist der ECHO fürs Lebenswerk (national) für Hannes Wader, garniert mit einer Meyschen Gutmenschenlitanei, die man bis zum Moment, an dem sich Wader mehr davon wünscht, fast unverdient finden möchte. Auch Wader verzichtet dann auf eine neue Idee (Die Internationale, Der heimliche Aufmarsch, ich hätte fast alles mit Kusshand genommen) und trällert seinen Kosens-Hit »Heute hier, morgen dort«. Ein beeindruckendes Beispiel dafür, dass zwar tatsächlich »nichts bleibt, wie es war« – es allerdings auch nicht besser wird. Auch und gerade nicht mit den Toten Hosen. Ende. Nicht ohne ein weiteres Mal »An Tagen wie diesen« ertragen zu müssen. Tagesthemen. Snafu.

Schredder-Internationalismus.

Montag, November 26th, 2012

Der deutsche Verfassungsschutz musste sich einigen Vorwürfen stellen, sich sogar von denen, die Aktenvernichtung erfunden haben (auf ’ne Art) – den Autonomen nämlich –, vorwerfen lassen, wie unfähig er sei, dass er aufgelöst gehöre. Das stimmt zwar eigentlich. Allerdings steht der Verfassungsschutz in guter Gesellschaft mit den üblichen Verdächtigen von Inge Höger über die demokratische Mitte bis zu diesem Nazi-Marx. Dass es jedenfalls keine gute Idee ist, die allgemeine Gewalt zu entfernen, wenn die partikulare Gewalt tendenziell mit allen Mitteln durchgesetzt wird, erschließt sich aus der Logik der Dinge.

Und solange es noch nicht soweit ist, die partikulare Gewalt durch die Zärtlichkeit der Nichtmehrvölker ersetzt zu haben, solange hilft nur Galgenhumor. Und dem Verfassungsschutz sicher die internationale Solidarität der Polizei von New York. Die haben nämlich: Akten geschreddert. Und dann zu Konfetti verarbeitet. Es geht doch immer noch blöder. Auch aus der Logik der Dinge erschließt sich aber, dass Konfetti neben Glitzer nach ICD-14 (am besten schneller) zu diagnostizieren seien wird, und man manches wirklich nicht mehr unterbieten muss. Oder, um es deutlich zu sagen: Es wird Zeit für einen Umsturz. Ein Unsichtbares Kollektiv stellte schon fest, dass es Unsinn ist, zu warten. In einem Lichte, das Repressionsbehörden weltbekannter Bananenrepubliken als unfähige Ansammlung von Karnevalsvereinen und in ordentlich gescheiterten Staaten als halbprivatisierte Mörderbanden scheinen lässt, wird es immer unsinniger.

Sag mal, GdP (Gewerkschaft der Polizei)!

Dienstag, Oktober 30th, 2012

Geht es es dir eigentlich so elend, dass du den Mund gar nicht mehr aufkriegst? Das wäre nicht weiter schlimm, würdest du wenigstens deiner Konkurrenz der DPolG (Deutsche Polizeigewerkschaft) das Maul verbieten. Und bitte diesem Wendt als erstes. Und wo wir schon von dir sprechen, DPolG, klar, du bist nunmal eine Gewerkschaft für PolizistInnen und wir wissen alle, dass die als Kind vor lauter Verfassungstreue vergessen haben, von der Intelligenz zu kosten das Argument gegen den Staat zu lernen. Deswegen auch klar: Du machst Law & Order und vor lauter Law & Order schaffst du es weiterhin nicht von der Intelligenz zu kosten wenigstens mal für 2 Cent nachzudenken ach, egal. Deswegen darf sich dein Vorsitzender, oben erwähnter Wendt, auch weiter an die Presse wenden (und vermutlich sogar noch gefragt werden, schäm dich, Journalismus!) und so kluge Sätze sagen wie: »Man sieht wieder einmal, die Gerichte machen schöngeistige Rechtspflege, aber richten sich nicht an der Praxis aus«. Zum Thema racial profiling. Denn du und deine KollegInnen, ihr wisst natürlich: In Wahrheit sind diese ganzen Schwarzen wenigstens kriminell. Und wenn sie schon nicht kriminell sind, dann wenigstens verdächtig. Wie sagt man da so schön: 1312.

PSLOLOMGROLF c/o tagesschau.de, du glaubst also wirklich, dass ein Gerichtsurteil Rassismus und rassistische Verhaltensweisen einfach so abschafft? Oder wie darf ich den Satz »In den USA wurde die Praxis im Jahr 2003 abgeschafft« sonst verstehen? Kleiner Tipp: Guck dir doch mal die Realität an, hast du bestimmt irgendwo in deinen Archiven.

The medium is the medium.

Dienstag, Oktober 30th, 2012

Es sieht zugegebenermaßen gut aus, einen Schrank voller Platten im Zimmer stehen zu haben. Platten sind in dem Falle das musikalische Äquivalent des Buches. Unübersehbare Manifestation des eigenen Geschmacks. Es sieht nicht gut aus, eine Festplatten voller Audiodateien im Zimmer stehen zu haben. Audiodateien sind in dem Falle das Äquivalent zum E-Reader. Auch sie können Manifestation von Geschmack sein – man sieht ihn nur nicht. Durch eine Liste von Dateien zu scrollen ist ungefähr so spannend, wie dem Verfaulen einer trockenen Nudel beizuwohnen. MP3s haben keine haptisch fassbaren Cover. Platten schon. Platten sind geil. Sind sie?

Vor allem sind Platten schwer und vergänglich. Verdammt schwer. Nicht so verdammt vergänglich, aber die kaputte Rille der Lieblingsplatte ist allen ein Begriff, die mit Platten umgehen. Trotzdem halten sich die Liebhaber_innen mit einigem Eifer an ihrem Medium fest, kolportieren Gerüchte, werden in manchen Fällen leider komplett verrückt darüber. Um das hier kurz festzuhalten: Die, die über ihrem Platten-Fantum verrückt werden, sagen nichts gegen oder über das Medium aus. Kaffee wird auch nicht besser, weil irgendwelche Trottel Glaubenskriege über die richtige Herstellungsweise führen. Um die Verrückten soll es mir aber auch gar nicht gehen. Es soll über – oder vielmehr: gegen – das Gerücht gehen, dass das Medium die Nachricht ist. Wobei das abstrakt und für sich genommen sogar stimmt.

Die Frage, die sich also vorher noch gestellt werden muss, ist, welche Nachrichten ein Medium senden kann und welche nicht und, daran anschließend, ob wirklich diese Nachrichten beabsichtigt sein sollten, wenn man wieder einmal »The medium is the message« sagt. Am konkreten Beispiel Vinyl kann die Nachricht zum Beispiel sein, dass man sich schon seit Jahren Musik kauft, distinguiert auf dem Turm über dem Haifischbecken Populärkultur steht, oder sich in einer kulturellen Tradition sieht. Die 12“ ist vermutlich das eingängigste und immer noch gegenwärtigste Symbol – okay, neben Pillen – von Techno als Kultur. Über diesen Zusammenhang wurde schon genug geschrieben, auch von Menschen, die sich damit wesentlich besser auskennen, als ich. Was aber schon klar wird: Keiner der wenigstens halbwegs offensichtlichen Nachrichten des Vinyls hat etwas mit der Musik als solches zu tun. Wenn man bezogen auf die Musik sagt »The medium is the message«, dann wechselt man fröhlich den Gegenstand.

Wenn man Musik aneinanderreiht und das auch noch öffentlich tut, muss man sich mit allerlei Unwägbarkeiten rumschlagen. Kaputte Technik, nervige Gäste, zu wenig Getränke, komische Veranstalter_innen. Das alles macht nichts! Man macht es ja gerne. Man liebt die Musik. Umso nerviger, wenn es dann nicht um die Musik geht, sondern man sich für die Methode rechtfertigen muss, mit der man auflegt. Das Auflegen mit Laptop und Controller steht unter dem Verdacht, von der Fähigkeit zum Auflegen meilenweit entfernt zu sein. Warum eigentlich? Weil das Programm einer erspart, die halbe Zeit damit zu verplempern, die nächste Platte auf Geschwindigkeit zu bringen? Weil einer ein Programm wie Traktor durch Loops oder die Möglichkeit die A1 und A2 einer Platte, die dann selbstverständlich keine Platte mehr ist, nacheinander zu spielen, Felder der Kreativität geöffnet werden, die mit zwei Plattenspielern höchstens ein feuchter Traum waren? Sicher. Man kann sich in den technischen Möglichkeiten verlieren und zigmiarden Effekte auf tausende Samples treffen lassen. Aber das ist nur ein mögliches Problem des Mediums, kein notwendiges. Man kann es genauso gut lassen. Platten klingen nicht mal besser. Sie klingen höchstens anders. Und in einer Welt, in der sich die Menschen Musik von YouTube rippen (es soll sogar Leute geben, die mit YouTube-Rips auflegen), klingt das irgendwie egal. 99% der Musikkonsument_innen werden den Unterschied erst erkennen, wenn die Platte springt, oder sie dann plötzlich eine gute Anlage vor sich haben und sich wundern, warum der YouTube-Rip scheiße klingt. Zuhause war doch noch alles gut. Falls sich jetzt jemand fragt, warum das so ist: Das Problem liegt um die 128kbps und ist die Soundqualität, in der YouTube abspielt.

Von Seiten der Vinyl-Fanatiker_innen kriegt man weiterhin zu hören, dass man sich über das Gewicht der Platten nicht beschweren solle, schließlich kriegt man ja Geld dafür, im Club zu spielen und dann kann man doch ein wenig Arbeit auf sich nehmen. Mag sein. Aber nur, wenn man das Geld fürs Plattenschleppen kriegen würde. Dann soll sich aber auch bitte nicht beschwert werden, wenn die angestellten Schlepper_innen die Tasche hinter dem Pult abstellen und sich dann betrinken gehen. Übrigens: Das »bisschen Arbeit« ist schon zu einigen Stunden Arbeit geworden, bevor man sich überhaupt auf den Weg zum Club macht. Musik kaufen, Musik hören, sich einen ungefähren Plan ausdenken, wie man was spielen will, Plan wieder verwerfen, Musik von vorne hören, noch eine kleine künstlerische Krise, neuer Plan. Nur damit dann vor Ort doch alles anders ist. Aber man liebt ja die Musik.

Und wo wir gerade bei Liebe sind. Fernab aller Medien: Die wichtigste Voraussetzung, um Musik ineinander zu mischen, ist und bleibt, sich mit Musik zu beschäftigen. Es spielt dabei überhaupt keine Rolle, ob man »Ahnung von Musik« hat. Diese Ahnung ist nichts, als Standesdünkel jener, die die Musik durch Begriffe ersetzt haben. Das Beharren auf der Überlegenheit des Vinyls wiederum muss sich dem Vorwurf stellen, Standesdünkel jener zu sein, die die Musik durch Medien ersetzt haben. An diesem Punkt kann die Verteidigung der Platte nur noch mit einem »Ja, aber« aufwarten. Die Musik ist gut, aber. (Im Falle als schlecht empfundener Musik gerne durch ein gehässiges »Ha! Die Musik ist scheiße, Laptop-DJ« ersetzt.) Dieser Elitismus wirkt besonders komisch, wenn er in einer (Sub)kultur geäußert wird, die – damals, als die Pillen noch gut waren – angetreten ist, die Unterschiede zwischen den Menschen, auch zwischen Publikum und DJ, aufzuheben in kollektive Ekstase und Egalität. Für die Unmöglichkeit dieses Projekts, wenn der Inhalt sich auf BummBumm, Bumsen und Pillen beschränkt, kann man ihn natürlich auch bezeichnend finden.

Warum bitte sollte das Vermitteln von Musik das Hobby oder gar der Job jener sein, die es sich leisten – oder irgendwie von den Rippen absparen – können, mit einem bestimmten Medium auflegen zu können? Dass es auch im Bereich der elektronischen Tanzmusik nicht gelungen ist, die allgegenwärtige Konkurrenz im Hamsterrad aufzuheben, rächt sich im Zeitalter der endgültigen technischen Reproduzierbarkeit eines jeden Werkes. Die Demokratisierung der Produktionsmittel kann in der Logik der Konkurrenz nur als Angriff auf das Etablierte erscheinen. Das vernünftige Projekt wäre kein Dogmatismus, sondern das Einsehen in Nach- und Vorteile aller Medien. Wie diese zu gewichten sind, bleibt Sache der Einzelnen.

Dass die Demokratisierung einen Haufen Scheiße an die Öffentlichkeit spült, ist auch nicht mehr oder weniger als die Aufhebung tradierter Formen der Öffentlichkeit. Ich gehe jede Wette ein, dass der Geschmack der Mehrheit in den Anfangstagen des Technos ebenso beschissen war, wie der Geschmack der Mehrheit, der auf Soundcloud & Co veröffentlichen Werke. Die Tragik der Popularisierung trifft Techno im weiteren Sinne nicht als erstes und hat ihn auch nicht als letztes getroffen. Die allgemeine Verfügbarkeit von Pinseln und Blättern schaffte keine Millionen Picassos und die Verfügbarkeit von Photoshop keine Millionen Graphikdesigner_innen. Genauso wenig schafft die allgemeine Verfügbarkeit von Traktor oder Serato und der zugehörigen Musik für lau auf unzähligen Blogs Millionen guter DJs.

So droht die prinzipiell begrüßenswerte Destruktion bestehender Zugangshierachien allerortens an der Ahnungslosigkeit der Mehrheit zu scheitern. Es ist zum Verzweifeln. Nicht nur, aber auch, weil man eigentlich nur Musik hören wollte. The medium is a message, so wie das Sprechen darüber eine ist. Ein Medium ist aber vor allem eines: Medium.

Bummelmuttis. Über die Unmöglichkeit der Diskretion auf dem Gehweg.

Samstag, Oktober 27th, 2012

Eye, selig-naiv grinsende Bummelmuttis, die ihr euren Nachwuchs wie Monstranzen des Bessermenschentums rumgewickelt vor euch hertragt und wie die Bachen im Frühling auf der Waldlichtung euch auf dem Bürgersteig schart, als habet ihr mit der Gnade der Mutterschaft das Vorrecht erwirkt, euren Mitmenschen die Zeit zu stehlen, denn weder links noch rechts noch mittendrin führt ein Weg an eurem penetrant zur Schau gestellten Glück vorbei! Nein, ich neide euch nichts und wenn ich beladen mit einer bleiernen Aldi-Tüte in der Linken und einem mittelschweren Aktenkoffer in der Rechten daherkomme und im Rahmen sozialer Gepflogenheiten, sozusagen freundlich aber bestimmt, um Platz und Vorbeikommen bitte, dann gibt es keinen Grund, ausfällig engagiert zu erklären, mir fehlte der Kindersegen für meine charakterliche Ausgeglichenheit; überflüssig, eure Augäpfel zu verdrehen, eure Nasen zu rümpfen und auch der Faltenwurf auf euren sonst so anmutig östrogengeglätteten Stirnen ist umsonst. Wundert euch aber nicht, wenn ich die linke Braue über ein solches Gebaren anhebe und mir die Adern in den Schläfen anschwellen und bersten. Denn euer verächtliches Betragen erfüllt eine psychologische Funktion: Niedergekommen aus einer entstellten Vorstellung von Freiheit, spiegelt es nicht weniger als eure Ohnmacht in den heurigen Verhältnissen – was ihr wenigstens mit dem Gefühl moralischer Überlegenheit zu entschädigen sucht.

Anders verkraftet ihr eure Kränkung nicht, da ihr insgeheim lange schon und ganz zu recht habt alle Hoffnung fahren lassen. Verkraftbar ist euch dies mit einer Politur der Widersprüche, die euch selbst mit allen Zwängen versöhnt denken lässt. Was euch Unbehagen bereitet, sind jene, die abweichen von euch, die ihr das Allgemeinste als Individuelles begreift. Anders leuchtet nicht ein, wie ihr privates Glück in einen Heilsdienst an der Menschheit umdeutet, der gefälligen Respekt von allen einfordert, die sich der Hingabe an die Strapazen einer Mutterschaft entziehen. Kinderlose Frauen gehen, wie Homosexuelle (Neuerdings werden auch alle, die sich dem Zwang zur inzwischen ökonomisch notwendigen Selbstoptimierung, z.B. qua Nicht-Rauchen, leiblicher Ertüchtigung und Halbfettmargarine verweigern, als fragwürdig identifiziert.), das Wagnis ein, erkennen zu geben, dass sie ihre leibliche Funktion nicht in den Dienst des Kollektivs stellen, Sexualität gar zum individuellen Lustgewinn praktizieren und werden deshalb apriorisch verdächtigt, die Reproduktion zu hintergehen. Ganz so, als sei ein Einzelnes mächtig, sich gesellschaftlicher Zwangsarbeit, wenn auch in ihrer abgemilderten Variante, zu verweigern, wird jedes Indiz für Individualität zur nackten Provokation. Die Blaupausen vom selben Entwurf, Menschenleben genannt, werden vom weichgespülten liberalen Verstand als höchster Wert veranschlagt, doch sind sie ohne Fleisch und Blut, denn das vermittelnde Element für Assimilation schlechthin ist in der Überflussgesellschaft Mangelware und eben diese Relation produziert gesellschaftlich überflüssige Mangelwesen.

Die Akzeptanz dieser Anomie gelingt nicht ohne Qual. Der Besitz an sich selbst und freier Wille können allenfalls Schein sein, wenn private Existenz abhängt von unbeeinflussbaren ökonomischen Prozessen. Niemand gibt pränatal sein Einverständnis darin, das Licht dieser Welt zu erblicken. Aber selbst von allem Sinn beraubt, treibt die gesellschaftliche Ordnung dennoch dazu an, Erleuchtung in der Unterjochung des persönlichen Glücks zu suchen. Die vorbehaltlose Bejahung des eingekerkerten Lebens kennt nicht einmal die Hoffnung auf ein seliges irdisches Leben. Ökologische Gemüsekisten und nachhaltige Kindergärten vermögen findig darüber hinwegzutäuschen, dass Leben in der Gegenwärtigkeit nur als verwertendes von Wert ist. Das Subjekt, das sich selbst erkennende Erkennende, verdankt die Eventualität seiner Existenz überhaupt erst dem Markt, denn Individualität hatte ihre Geburtsstunde in der Entfesselung der Zirkulationssphäre: Diese Art der Unfreiheit, private Arbeitskraft gesellschaftlich veräußern zu müssen, setzt paradoxerweise die Fähigkeit voraus, sich selbst zum Gegenstand von Erkenntnis zu machen und sich von anderen unterschieden wahrnehmen zu können. Selbsterkenntnis könnte den Status eigener Gefangenschaft bewusst mitdenken. Der unerträglichste Widerspruch ist jener, dass das Potential zu individuellen Lebensentwürfen überhaupt erst im Warentauschverhältnis möglich wird; denn der Markt ist leidenschaftslos gegen Alter, sexueller Identität und Hautfarbe, er kennt nur Verwertungsobjekte, treten diese nun als Arbeitskraft oder Konsument in Erscheinung. Innerhalb dieser allgemeinen Nivellierung ist die Entscheidung für oder gegen Elternschaft überhaupt erst denkbar. Verachtung gegen Mütter, weil diese den Ruch der alten Ordnung, die Stigmata der Bezwingung durch das Patriarchat und biologische Dienstbarkeit an sich trügen, verfehlt den Gedanken von Emanzipation. Solche Lesart blendet den eigenen Gehorsam gegen die bestehenden Verhältnisse aus, verkennt, dass die Gesellschaft nicht für die Menschen geschaffen wurde, missdeutet Individualität als ahistorisch und natürlich. Was von falsch verstandenem Feminismus anvisiert wird, ist die Gleichberechtigung oder Machtumkehr der Geschlechter im Konkurrenzverhältnis am Arbeitsmarkt.

Zweifelsohne sind in der Logik des Bestehenden egalitäre Integrationschancen für die Existenzerhaltung elementar notwendig, nur ist es eine fragwürdige Utopie von einer Gesellschaft, die allen das gleichrangige Recht zur Selbst- und Fremdausbeutung gewährt. Es nimmt nicht wunder, wenn aus solchem Verständnis Mutterschaft grundsätzlich reaktionär geschimpft wird. Indes ist der zur Schau gestellte Regress jener Frauen, die in ihrer Mutterrolle aufgehen und kinderloses Leben nur als Stumpfexistenz begreifen, die Kehrseite desselben Ungemachs über die Unmöglichkeit der Glücksverheißung. Die aufgrund nicht-konformer Geschlechteridentität sichtbar gemachte Differenz, die Ahnung von souverän bestimmter Selbstentfaltung, wirft Fragen auf über den Charakter des gesellschaftlichen Status quo: Die als verwirklicht behauptete Freiheit könnte als Feigenblatt und Legitimation gesellschaftlich schlechter Praxis enttarnt werden – und die Sinnlosigkeit des eigenen Lebens gleich mit. Aber die Wut darüber richtet sich nicht gegen die Verhältnisse, sondern wird untereinander gewaltvoll ausgetragen. Die Verrohung der Umgangsformen und die Kultivierung der Rücksichtslosigkeit auf den Gehwegen, Bahnsteigen und Shopping Malls ist Hingabe an die verdrängte eigene Ohnmacht. Der Ekel davor, sich selbst Gewalt antun zu müssen, sich selbst und andere auszubeuten, wird, einem Spiegelkabinett als Schaustellerattraktion gleich, verzerrt nach außen zurückgeworfen auf alle, die sich als Opfer anbieten. Wer sich in der öffentlichen Sphäre zurück nimmt statt zu nehmen, überhaupt meint, es mit besonnenen Menschen zu tun zu haben, gibt sich selbst als menschlich zu erkennen, markiert den Makel der Verletzlichkeit und erinnert an die unbezwungene Sterblichkeit. Die sich als sorgende Gemeinschaft gerierende Horde fand genau deshalb zusammen, um die Aussicht auf das Durchprügeln der Partikularinteressen wahrscheinlicher zu machen. Wer glaubt, Individuen anzusprechen, der irrt!

Individuelle menschliche Verhaltensweisen erinnern die Monaden an ihre rudimentäre Mündigkeit, die allenfalls ausreichte, Entscheidungsgewalt im Namen des Gemeinen auszuüben. Höflichkeit, die zeremonielle Umgangsform bei Hofe, die elegant die blutigen, unvermittelten Hierarchieverhältnisse der Ständegesellschaft durch zivilisierte Unterwerfungsrituale nicht nur widerspiegelte sondern reproduzierte, findet inzwischen nicht Verwendung, ohne zugleich als überkommen verhöhnt zu werden, denn sie ist nutzlos in einer Gesellschaft, in der die Verfügungsgewalt alle erfasst. (vgl. Adorno, Minima Moralia, Aphorismus No. 19, Zur Dialektik des Takts) Die entstellte Gesellschaft muss sich nicht noch länger verstellen: Sie hat nicht einmal die Sanktion gegen Devianz mehr nötig, denn wer sich der Verwertbarkeit nicht andient, den straft die Zeitigung des eigenen Lebens. Das einstige bürgerlich-emanzipatorische Anliegen, dem Tod von der Schippe zu springen, die Gesellschaft menschenwürdig einzurichten, wurde inzwischen zur Lüge. Dass sogar Gesten, die Menschlichkeit anrühren könnten, von den Menschen selbst abgewehrt und bestraft werden mit Rüpelei und Rempelei, ist das richtige Abbild der falschen Ordnung.

How low can you go?

Mittwoch, Oktober 17th, 2012

Man kann sich Politik ganz einfach machen. Das geht ungefähr so: Man ersetzt Inhalte durch Befindlichkeiten und Befindlichkeiten durch Wortspiele. Aus der Solidarität mit den Betroffenen wird so schnell ein Fetisch der Betroffenheit und aus der Beschäftigung mit Befindlichkeiten und ihrem politischen Gehalt Oppression Bingo, in dem gewonnen hat, wer sich am meisten Unterdrückungsmechanismen in den Lebenslauf schreiben kann.

Unterdrückung ist natürlich keine Besserungsanstalt und die Geschichte der Menschheit bietet Anschauungsmaterial genug, dass Unterdrückung genauso viele oder wenige Gründe bietet, sich mit der Herrschaft zu arrangieren, eine alternative Herrschaft zu fordern oder zur Überwindung der Herrschaft aufzurufen. Deswegen schadet es natürlich nicht, wenn man weiß, wo man in den Matrizen der Herrschaft steht. Aber auch nicht mehr oder weniger. Die Gründe gegen die jeweilige Unterdrückung lehrt eine_n nicht die Unterdrückung, sondern die Beschäftigung mit dieser. Die Auswüchse einiger Sektionen der internationalen Linken im Fahrwasser eigentlich sinniger Beschäftigungsgebiete wie Gender Studies oder Rassismusstudien verkommen zu Lachnummern, weil sie dies nicht wahrhaben wollen, dass sie jeden Inhalt, der ja erst die Parteilichkeit erklären und gebieten kann, zugunsten einer dogmatischen Parteilichkeit ausgetauscht haben.

Es verwundert deswegen nicht, dass im Interwebs ein kleines Spiel kursiert, dass jedem Menschen auf einem Graph von -x bis +x erklärt, wie privilegiert sie_er sei. Ich komme  auf knapp über 100, ein Wert, bei dem mir das Spiel dann ernsthaft suggeriert, dass ich jeden Tag gucken solle, ob ich noch so privilegiert sei. Nur wozu? Weil jemand, der kein Problem damit hat, privilegiert zu sein, das bekommt, wenn er sich jeden Tag wieder gut fühlen kann? Gute Idee, wirklich.

Ach ja, ich hätte da noch einen Vorschlag: Die 15 Unterdrückungspunkte, die Angehörige der staatlichen Ordnungsmacht sammeln können, könnte man zu 1500 Bonuspunkten macht, wenn man das ganze postuniversitäre Rumgeschwafel der Critical Betroffeness nicht versteht. Dann komme ich doch auf knappe -1400 Punkte und kann mich beruhigt im Stuhl zurücklehnen. Oppressed as hell.

39 Kilometer Langeweile.

Montag, Oktober 15th, 2012

Die Spannung war kaum zu fassen, als Felix B. eine endlose Liste Sicherheitsmaßnahmen durchging und endlich ans Fenster trat. Er öffnete das Fenster und sprang. Felix B. wird heute von der Welt unisono als »Held« betitelt. Der höchste Sprung aller Zeiten. Schallgeschwindigkeit. Einschaltsquoten auf YouTube, von denen die Piratenpartei nur träumen kann. Selbst das Fernsehen mit mit einer »Quotensensation«. Ausrufezeicheneinseinsausrufezeichenelfausrufezeicheneinseinself. Aber mal ernsthaft: What teh fuck?


Zugegebenermaßen: Ich hab das auch geguckt. Und mein ganzer Freund_innenkreis. Nur irgendwie war ich nicht begeistert. Den Moment der Momente habe ich sogar verpasst, weil ich gerade etwas spannenderes gesehen habe, als eine Kapsel in der Stratosphäre. Auch wenn ich mich daran nicht mehr erinnern kann. Zugegebenermaßen: Auch ich ziehe hiermit meinen Hut vor der Leistung von Red Bull und Felix B. Und auch ich bemühe dafür einen Superlativ. Das, was da gestern über Millionen Bildschirme flimmerte, war die größte Demonstration der gesellschaftlichen Langeweile, die man seit einiger Zeit multimedial und in HD aufbereitet sehen konnte. Es war die eindrucksvollste Demonstration der Verschiebung von Langeweile in den Bereich der Raserei. Eine Verschiebung, die Surfen auf Zügen oder Springen von Hochhäusern mehr und mehr aus dem erlesenen Kreis der Abenteuer ausschließt. Die gesellschaftliche Suche nach dem nächsten Superlativ, dem nächsten Eintrag in irgendeine Bestenliste, den nächsten 15 Minuten Ruhm verlässt dabei zusehends die Grenzen den Menschenmöglichen.


Über die Welt erfährt man so einiges, wenn man ihr zuguckt. Und einiges erst im Kontrast zu der funkelnden Glitzerwelt einer konzerngetriebenen Hochleistungsgesellschaft. Zum Beispiel, dass der Ausschluss aus jener oft tödlich endet. Ein Ausschluss, dem niemand zugucken will, auch wenn die Konsequenz öffentlich ausgetragen wird. So zündete sich ein Mensch am Samstag vor der Besucher_innenmenge des Reichstages öffentlich an, anscheinend, weil er keine Wohnung fand. Die Berichterstattung über Selbstmorde wurde irgendwann zusammengestaucht, weil durch sie zu viele Nachahmer_innen angestachelt wurden. Die Berichterstattung über den nächsten Höhenflug wird hingegen neue Superlative aufstellen. Nachahmer_innen muss man kaum befürchten. Wer hat schon 50 Millionen für die Befriedigung des eigenen Spleens auf der hohen Kante? Eben. Und so bleibt festzuhalten, dass die Gesellschaft, die alle Abenteuer abschafft, ein einziges Abenteuer übrig lassen wird: Diese Gesellschaft abzuschaffen. Im Sinne derer, die sich ihre Träume nicht erfüllen können, bitte möglichst schnell.

Kleiner Bushido.

Mittwoch, Oktober 10th, 2012

Im JUNI-Magazin für Kultur und Politik schrieb Sascha Verlan vor einigen Jahren über die damals noch recht frische »Gangster«-Rap-Bewegung in Deutschland: »Sie [Aggro Berlin etc.; Anm. RnR] bedienen die Klischees, um davon finanziell zu profitieren, nicht um sie zu brechen, wie es gute HipHop-Tradition wäre. Nein, hier geht es niemandem um HipHop oder gar darum, die Verhältnisse zu ändern. Es geht schlicht um Publicity, es geht um Öffentlichkeit und es geht um Verkaufszahlen.« Die jungen Rapper und ein paar wenige Rapperinnen kamen aus einem Ghetto, das sie selber erschufen, sie »verwechselten Härte mit Gewalt, Authentizität mit schlechten Lebensverhältnissen« (Verlan).

So geht das mit Bushido seit ungefähr unzähligen Alben und Singles, Möchtegernskandalen und Preisen. Wo die Beats früher noch aus purer Not schlecht waren, sind sie es heute aus der puren Gefälligkeit, die Popmusik auszeichnet, die schon immer nicht auf die Verkaufszahlen schielt, sondern diese fest im Blick hat. Das hat natürlich nichts mehr mit dem mysteriösen Bordstein zu tun, von dem er sich mal verabschiedete, um – Authenzität oder was auch immer sei gelobt – zwei Alben später wieder zu ihm zurückzukehren. Es spricht zwar nichts dagegen, ein Album in einer limitierten Edition für 39,90€ zu verscherbeln, es spricht aber auch nicht sonderlich viel dafür. Es spricht auch nichts dagegen, 10 Jahre den gleichen Aufguss schlechter Raps zu verkaufen, nur auch wieder nicht sonderlich viel dafür. An dieser Stelle sei fairerweise erwähnt: Es spricht auch nichts dafür, den gleichen Aufguss schlechter Raps immer wieder zu kaufen.

Wenn Bushido es schon nicht lassen kann, von Authentizität zu schwafeln und eine Marke zu verkaufen, dann wäre es vielleicht an der Zeit, seine Authentizität zu erneuern und vom harten Leben mit dem Aushandeln von Plattenverträgen zu erzählen. Blöd nur, dass das nun wirklich niemanden mehr interessiert. Dann halt wieder die immergleiche Melange aus Punchlines hart wie Butter nach einer Stunde in der Sonne und schlecht inszenierter Gewalt. Ein kleines bisschen Aufschrei im Feuilleton ist sicher wieder drin. Film ab.