Es ist zum Kotzen. In einer Welt, in der der Stern plötzlich als Leitmedium des Antisexismus’ erscheint und man sich bei Stern TV nicht über den Einspieler sondern über die Feministin mit dem schönen Namen von Horst, die im Brustton der nicht durchdachten Überzeugung verkündet, dass Frauen kein übergriffiges Verhalten an den Tag legen könnten, aufregt, hilft selbst der vollste Kühlschrank nicht, den Magen genügend zu füllen. Meiner ist leer.

Deswegen, nur zur Klarstellung: Natürlich ist der Stern nicht das antisexistische Leitmedium der Postpostpostmoderne und natürlich hat Frau von Horst Unrecht. Unrecht, gutes Thema. Wo Recht zu Unrecht wird, so hieß es, wird Widerstand zur Pflicht. Wenn Dummheit zur Gewohnheit wird, so heißt es: Willkommen in der Realität. Es überrascht deswegen kaum, dass auch viele Kommentare zum #Aufschrei, der gerade durch deutsche Medien geht, dumm wie Brot sind und fragmentarisch wie ebenjenes in geschnitten. Den großen Zusammenhang »Gesellschaft« halluziniert man höchstens noch herbei, ohne größere Anstrengungen zu unternehmen, ihn zu fassen. Manchmal erspart man sich selbst die Halluzination der Gesellschaft um sich ein wenig gutes Leben unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zu gönnen.

So zum Beispiel Birgit Kelle, ihres Zeichens Christin und Antifeministin, denn es gibt ja Gleichstellungsgesetze – und wie wir alle wissen, reicht eine Vorschrift. Deswegen gibt es in den USA keinen Rassismus mehr und nach dem Ende des Dritten Reiches waren in Deutschland alle Nazis verschwunden. Stimmt gar nicht? Sagt das lieber Frau Keller. Diese jedenfalls hat zum Aufschrei unter der Überschrift »Dann macht doch die Bluse zu« auch ein bisschen hysterisches Gequake beizutragen. Um es vorwegzunehmen: Ihr Gequake ist Produkt einer leidlich erfolgreichen und glücklichen Aneinanderreihung von Begebenheiten, aus der sie eine gesellschaftliche Norm ableitet. Frei nach irgendsoeinem König: Die Gesellschaft ist sie.

Aber der Reihe nach. Mit einem Gedankenexperiment startet die Autorin. Was, ja was, wäre wohl passiert, wenn Brüderle Clooney heißen würde und nicht »frisches Gesicht« der FDP sondern Hollywoodgröße sei. Es mag der Phantasie von Keller nicht einfallen, dass auch Clooney sich übergriffig verhalten kann, dass ihn vielleicht gar nicht alle Menschen so töfte finden. Weiter fabuliert sie von heißen Flirts – der nebenbei auch bei Brüderle hätte entstehen können, hätte er zufälligerweise eine Frau erwischt, die auf junggebliebene Altpolitiker steht – und leitet ab, mit Gedankensprung aber ohne Zusammenhang: »Was wir daraus lernen? Wo persönliche Befindlichkeit als ausreichender Gradmesser erscheint, um Sexismus zu definieren, verkommt der Begriff zur Beliebigkeit.« Was wirklich zu lernen gewesen wäre, wäre natürlich etwas anderes: Übergriffigkeit kann nur über persönliche Maßstäbe definiert werden. Natürlich ist es gut, wenn eine Person mit mir flirtet, mit der ich flirten will und natürlich ist es schlecht, wenn das eine tut, die mich in Ruhe lassen soll. Das ist keine Beliebigkeit, das ist eine Basisbanalität. Bestimmtes Verhalten ist mal übergriffig und mal nicht. Im Sinne mündiger Menschen wäre es folglich auch nicht, einen Regelkatalog aufzustellen, der von A-Z erklärt, dass dieses oder jenes nicht sein darf, sondern soziale Intelligenz, Aufmerksamkeit und Absehen von der Durchsetzung des eigenen Willens. Das ist nicht einfach. Eine angenehmere Alternative als das Zertrampeln anderer Menschen aber allemal.

Wenn man das rafft und zusätzlich noch einsieht, dass Gesellschaft nicht die Borniertheit der Erfolgreichen ist, nicht die Einzelnen sind, sondern »die Summe der Beziehungen, Verhältnisse […], worin diese Individuen zueinander stehn« (Marx) – was Keller natürlich beides unterlassen hat –, kommt man noch ein Stückchen weiter. Der Blick auf den Arsch, das »Meer von Banalitäten, die nichts weiter sind als das alltägliche Balzverhalten zwischen Mann und Frau« (Keller) sind Ausdrücke der Gesellschaft und aus der Summe der Vorfälle lassen sich z.B. Machtverhältnisse absehen. Das alltägliche Balzverhalten ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Machtverhältnisses, so wie der Blick auf den Arsch eines ist. Übergriff fängt nicht bei der Vergewaltigung an, anders wird ein Schuh draus: Auch die Vergewaltigung ist Ausdruck ebenjenes Machtverhältnisses, das es strukturell eben eher Männern erlaubt, sich etwas rauszunehmen. Das macht nicht alle Männern zu Tätern – individuelles Verhalten lässt sich zum Glück reflektieren und ändern – setzt aber das männliche Geschlecht nach wie vor in eine Machtposition. Und diese Machtposition ist nach wie vor gesellschaftlich. Dass im Einzelfall was anderes passiert, ist gut oder schlecht, aber noch nicht absolut. Die Erfahrungen (sich selber durchsetzen können, Solidarität), die Keller während ihres Studiums gemacht hat, sind gut und schön. Keller leitet daraus ab, dass die Probleme sich für alle erledigt hätten. Und das ist dumm.

Ebenso dumm, aber leider nicht minder populär, ist die Forderung, die schon in Kellers Überschrift anklang: Die Frauen sollen doch bitte in Sack und Asche laufen. Zuhause machen sie sich ja schließlich auch nicht zurecht! Damit schneidet sie übrigens ein interessantes Kapitel an: Die Ableitung des eigenen Selbstwertes aus der Achtung von anderen. Man kleidet sich anders, verhält sich anders, legt andere Maßstäbe an sich und die Welt an, wenn man nicht alleine ist. Das ist ein Problem, aber darum soll es jetzt nur am Rande gehen. Das eigentliche Problem ist doch, die Unbedingtheit, die aufgefahren wird, wenn Frauen dazu aufgefordert werden sich »nicht aufreizend« zu kleiden, gar dafür verantwortlich gemacht werden, wenn ihnen etwas zustößt. In was für einer beschissenen Welt leben wir eigentlich?

Und ja, vielleicht zieht man sich bestimmt an, um Reaktionen zu erhalten. Vielleicht will man diese Reaktionen aber nicht von jedem und vielleicht will man nicht jede Reaktion? Wäre das nicht mal einen Gedanken wert? Aus Minirock folgt nicht von jedem Mann begafft zu werden. Das folgt aus den Gedanken der Männer, die Frauen zu den Objekten ihrer Begierde machen. Get over it.

Diese Objektivierung, die Dummheit der einen entschuldigt ja nicht die Dummheit der anderen, ist andersrum natürlich auch verkehrt. Deswegen regt man sich über von Horst bei Stern TV auf, und das vollkommen zurecht, und auch darüber, wenn eine Kolumnistin in der taz phantasiert, dass »das rätselhafte Geschlecht nicht die Frauen« seien. Das Rätsel eines jeden Zwangskollektivs besteht darin, dass Individuen in diesem zusammengefasst werden, die Regeln mehr oder weniger akzeptieren, sich aber nicht auf diese geeinigt haben. Das rätselhafte Geschlecht sind alle Menschen als Menschengeschlecht. Was zu hoffen bleibt ist, dass die Menschen irgendwann mal auf die Idee kommen, dass es vielleicht weit weniger anstrengend wäre, wenn sich alle mal halbwegs vernünftig benehmen und nicht wie das letzte Arschloch in der Welt rumpoltern.