Vor Ihnen liegt ein politisches Buch, keine wissenschaftliche Expertise. Die hätten sie vielleicht auch gar nicht gekauft. Ich bin nur der Bürgermeister eines Berliner Bezirks mit über 315 000 Einwohnerinnen und Einwohnern und der Flunderperspektive seines Rathausturms, kein Wissenschaftler. Die, die ich beschreibe, ist die Neuköllner Welt. Die Ableitungen, die ich für mich vornehme, müssen für die Gegebenheiten Ihrer Stadt und für Ihr Lebensumfeld nicht zutreffen. Die Entwicklung kann bei Ihnen sogar einen gegenteiligen Verlauf genommen haben. Insofern verschreibt dieses Buch nicht zwingend Rezepte. Ausschließen kann ich es aber nicht. Denn es gibt viele Neuköllns. Sie heißen nur anders. Doch egal, verständigen wir uns darauf, dass es einfach nur die aufgeschriebene Wirklichkeit an einem bestimmten Ort in der Bundesrepublik Deutschlands ist. (Seite 9)

Nun. Eigentlich sagt der erste Abschnitt mehr aus, als man bei der Lektüre des restlichen Buches zu erfahren hoffen kann. Was dazu einlädt, die Lektüre zu beenden und die Rezension kurz zu halten: Es ist vermutlich ganz einfach unnütz einem Buch, von dem schon der Autor glaubt, dass der Wahrheitsgehalt vielleicht keiner ist und der die These des Titels schon im ersten Absatz des Vorwrots selber in Zweifel zieht, mehr politische Aufmerksamkeit zukommen zu lassen als der letzten Ausgabe der Pixi-Heftchen. Da das Buch momentan in der 7. Auflage ausgeliefert wird, scheint dieser Appell zu spät zu kommen. Anstatt einer ausführlichen Diskussion trotzdem nur zwei alternative Deutungen.

Anhand von Sätzen wie »Der Name Neukölln hat durchaus einen beachtlichen Bekanntheitsgrad erlangt. Das verwundert aber nicht, weil, man ja auch New York, Paris und Rom kennt« (Seite 17) könnte man beinahe vermuten, dass es Buschkowsky hier nicht mal wirklich um ein politisches Projekt ging, sondern um eine Rolle im samstagabendlichen Krawallklamauk rund um Cindy und die jungen Wilden. Die Wendung, zu der er in den letzten beiden Sätzen des Buches kommt (»Wo Neukölln ist, ist vorne. Sollten wir einmal hinten sein, ist eben hinten vorne.« [Seite 382]) lässt hingegen vermuten, dass er selbst dem ollen Hegel Konkurrenz in dialektischer Methode machen will. Selbstverständlich trifft keines von beidem zu. So ernst er sich selber und seinen literarischen Erguss, der oft auf dem Niveau einer Schularbeit verbleibt, nimmt, so ärgerlich ist das Buch. Letztendlich ist es aber nur ein weiteres Ärgernis in einem ohnehin ärgerlichen Diskurs. Buschkowsky ist sicher nicht das große Böse – ebensowenig aber ein Streiter für die Emanzipation. Sein Buch als Wiedergabe der Wirklichkeit teilweise tatsächlich interessant, als Deutung jener aber weitgehend unbrauchbar.

Heinz Buschkowsky; Neukölln ist überall | Ullstein; 2012 | gebundene Ausgabe; 19,99€ | bereits erschienen