Über Musik schreiben geht nicht. Soweit, so klar. Zum Glück gehört es zu den Basisbanalitäten jeder Subkultur, dass sie jeweils mehr sei als nur Musik. Ein »Way Of Life«. Mehr als Nieten und Sterni. Auch was mit Politik und Zugehörigkeit. Der da drüben ist schon ewig dabei. Deswegen darf er auch keinen Punk mehr hören und Rotwein trinken, aber trotzdem Punk sein. Die da hingegen ist noch nicht so lange dabei. Sie hört Punk freiwillig und findet, dass Rotwein dieses eine Wort mit intel sei. Wie im Computer, nur anders.

Auch ich habe mal was mit Punk gemacht. Ich nenne es heute teilnehmende Beobachtung. Ich bin dabei gewesen. Leider habe ich alles Wichtige verpasst. West-Berlin, Schleimkeim, Chaos-Tage, Slime, Chaos Z, Hafen & Mainzer Straße, diese eine Startbahn. Selbst der zeitgenössische »goldene Herbst«, die Verhinderung mit allem Möglichen eines Naziaufmarschs im beschaulichen Göttingen, immerhin 2005 und damit durchaus erlebbar, ging an mir vorüber. Auch der G8 2007. Ich war zwar da, aber in der falschen Demonstration. Am Hafenbecken musste ich mich dann zurückhalten. Meine Mutter stand schließlich neben mir.

Dafür habe ich bei meiner ersten antifaschistischen Tätigkeit den Palast der Republik gestürmt. Nicht, dass ich gewusst hätte, was das sein soll. Wir mussten auch relativ bald wieder gehen, weil wegen Polizei, aber das sind unwichtige Details. Nebenbei wurde ein Naziaufmarsch verhindert, aber das war in Berlin – ohne brennende Blockaden und Geschichten, die man bei Fahnenfeuer und Dosenbier zum Besten geben kann.

Brennende Blockaden habe ich bis heute nicht gesehen. Einmal eine rauchende und einmal eine aus einem einzigen Mülleimer. Das zählt nicht. Ich habe auch nur einmal Dosenbier getrunken, das aber war auf einem Indiefestival, kein Faxe und zählt deswegen auch nicht. Kurzum, für mich war Punk eigentlich immer nur Musik. Das mit der Lebenseinstellung überließ ich meinen Freunden. Schon nach kurzer Zeit meiner teilnehmenden Beobachtung war mir klar, dass ich mich vollkommen auf sie verlassen kann.

Punk ist nicht lieb. Das sind immer die anderen. Meistens Hippies. Es gibt im Punk zwar Liebeslieder, die sind aber entweder Hochnot peinlich, oder es geht um Bier. Meistens beides. Punks sind auch nicht lieb, oder besser: Sie sind es nur hinter verschlossenen Tür. Nach einem halben Kasten Bier fällt das Stehen nicht unbedingt leichter. Ein gekonnter Punkplattenalleinunterhalter erkennt diesen Moment und schafft Abhilfe durch das Spielen einiger Klassiker. Schon nach wenigen Takten dieser Platten liegen sich alle in den Armen. Die Texte der Lieder in den nächsten drei Stunden muss man auswendig kennen. Die generell unkomplizierte Weise, in der Punklieder aufgebaut sind, erleichtert das ungemein. »Haut die Bullen platt wie Stullen, haut ihnen ins Gesicht« oder »Polizei, SA, SS, GSG-9 und BGS« kann man sich auch merken, wenn gehen nur noch in gemeinsamer Kraftanstrengung möglich scheint.

Es gibt natürlich auch Punk, der komplizierter ist. Unter echten Punks aber gerät dieser schnell in Verdacht so genannter »Abiturientenpunk« zu sein. Es gibt zwar auch in dieser Subkultur ein Abitur. Dieses hat aber mit – Überraschung – Dosenbier und Bordstein zu tun. Es firmiert unter dem Namen »Bahnhofsabitur«. Die genauen Abläufe sind geheim und genau genommen will man sie auch nicht kennen. Die Vorteile einer bestandenen Abiturprüfung kenne ich nicht. Ich bin gar nicht erst angetreten. Prüfungsangst.

Was es im Punk auch gibt, ist eine heilige Dreifaltigkeit. 3 Akkorde, 3 Menschen, 3 Minuten. Soviel braucht es für einen vernünftigen Punksong. So erklärt es sich auch, dass Punks ihre Platten mit A1-8 beschriften können, wo man bei manchen Technoproduktionen aufpassen muss, dass der Platz überhaupt für A1 reicht. Ich war auch mal Mitglied einer Punkband. Auch wir waren zu dritt. Ein Freund von mir am Schlagzeug und irgendein Jungpunk, von dem ich zugegebenermaßen vergessen haben, warum wir ihn überhaupt kannten, am Bass, ich habe gesungen. Einen Gitarristen haben wir nie gefunden. Wie die meisten Vorhaben meines Freunds und mir haben wir das Projekt relativ bald eingestellt. Ohne Namen, wir dachten kurz über Notausgang nach, aber mit zwei Liedern, die nie gehört wurden. Worum es ging, habe ich auch vergessen. Vermutlich um Pils und Polizistenhass.

Punk wird oft auf Pils und Polizistenhass reduziert. Das ist so wahr, wie es falsch ist. Man kann dem Punk als Kultur zugute halten, dass in ihm das politische präsenter ist, als anderswo. Zwar klappt es auch bei der Umsetzung des alten Leitspruchs »Das Private ist politisch« nicht immer die Theorie in die Praxis umzusetzen. Allerdings ist Politik hier mehr als Subtext. Wenn auch die Substanz zuweilen fehlt. Die, die am System gescheitert sind, wollen nicht mitspielen. Sie wollen rebellieren. Im besten Fall entwickelt sich aus dem Bauchgefühl der Verweigerung eine Perspektive der Überwindung. Besoffen Polizisten bepöbeln, Nazis jagen und das hassenswerte mit voller Inbrunst hassen ist dafür nicht der schlechteste Weg.