Back in the days, als Stalin noch Bundeskanzler war, CD Seife und Video Latein, war die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben. Immerhin hatte Stalin der Hitlerei ein Ende gesetzt und die deutsche Linke schon immer ein Standbein in der Vergötterung projektiver Fremdbezogenheit.

In Wahrheit nämlich war schon damals alles, gelinde gesagt, scheiße. Die revolutionären Hoffnungen, die in die Novemberrevolution gelegt wurden, enttäuscht von einem Apparat aus Mord und Klüngelei, die Gesellschaft der »freien und gleichen«, die Marx und Engels erhofften, nie geworden.Der Apparat richtete sich ein und die Charaktermasken der Herrschaft wurden wieder getragen – in sowjetrotem Anstrich.

Dieses traurige Scheitern mag unvermeidbar gewesen sein. Um das zu sagen, müsste man Geschichte aber wenigstens von Zeit zu Zeit als determiniertes Handlungskonzept sehen, welche sie nur ist, wenn alle sie so sehen. Und sich über den Weg einig sind. Über den Weg sind sich aber nie alle einig, und so ist der Weg der Geschichte nie gegeben, muss immer gemacht werden. Das ist damals geschehen, von den Bolschewiki, von reaktionären Kräften, nur von der wirklichen Bewegung, Marx, die den jetzigen Zustand aufhebt, keine wirkliche Spur. Das geschieht auch heute, die reaktionäre Internationale ist nicht wesentlich untätiger als in den vergangenen Jahren, sie hat sich nur einiges mehr einverleibt. Die Grünen zum Beispiel, aber die sind ausnahmsweise nicht Thema.

Die reaktionäre Nationale in Russland bläst in den vergangenen Monaten zum Frontalangriff und irgendwie gucken alle nur zu. Angesichts der wirtschaftlichen Abhängigkeit weiter Teile Europas von russischem Öl und der geopolitischen Machtposition, die das Land immer noch hat, ist auch nicht wirklich anderes zu erwarten. Aber der Reihe nach – diese stellt bekanntlich das Problem vor die Intervention.

Die Duma, das russische Parlament, verabschiedete vor kurzem ein Gesetz, das sich gegen »Homosexuellen-Propaganda« wendet. Soll sein? Im Grunde alles, was Homosexuelle nicht sofort und ohne Umwege in die Hölle oder wenigstens mit gebrochener Nase in die Gosse befördern möchte. Das mag ein wenig zugespitzt formuliert sein, entbehrt aber traurigerweise keineswegs der Wahrheit. Es ist eine heilige Allianz aus Bullen, orthodoxen Gläubigen, Neonazis und der ressentimentgetränkten Normalbürgerin, die durch das Gesetz ins Recht gesetzt wird, und sich in diesem Recht wohl genug fühlt, auf offener Straße gegen Schwule, Lesben und Transsexuelle vorzugehen. Wer kotzen möchte, findet Videos und Beschreibungen solcher Übergriffe in anderen Ecken des Internets. Aber wer will das schon. Unter dem Vorwand, Kinder vor Perversionen zu schützen, findet diese Hetzjagd statt. Wieder einmal. Die Familie muss erhalten werden, das zukünftige Staatsvolk gezüchtet. Und das nicht nur in Russland.

In Deutschland sagte das jüngst eine gewisse Erika Steinbach, ihres Zeichens Vorsitzende des Vollidiotinnenvereins für die deutsche Osterweiterung, in Frankreich rief die geplante Legalisierung der Ehe für fast alle, für Monate Tausende auf die Straße, in den USA ruft nicht nur die Westboro Baptist Church »God hates fags«.

Um auch auf Lenin zurückzugreifen: Was tun? Die naheliegendste wie verführerischste Option, Resignation, ist nicht von der Hand zu weisen. Tilda Swinton, ihres Zeichens Schauspielerin, stellte sich mit Regenbogenfahne auf den Roten Platz. Stephen Fry, ebenso Schauspieler, verglich Vladimir Putin mit Dobby, dem Hauself aus Harry Potter, und gab den Ratschlag, ihn einfach nicht ernstzunehmen. Fast so verführerisch wie Resignation!

Angesichts der Tatsache aber, dass Putin eben kein Hauself mit Persönlichkeitsschaden ist, sondern Machthaber einer Nation mit Polizei, Geheimdienst, Militär und Kirche, auch gefährlich. Es ist eben nicht putzig oder gar bemitleidenswert, was geschieht. Es ist abstoßend und ekelhaft. Putin ist nicht Dobby, er ist ein Arschloch. Das Bitterernste durch lachen zu demaskieren, läuft außerdem akut Gefahr, sich selber lächerlich zu machen. Thälmanns Ausspruch, dass man einen Finger brechen kann, fünf aber eine Faust sind, lässt sich auf Witze nicht übertragen. Fünf Witze sind einfach nur fünf Witze – und beim derzeitigen Stand des Humors sind vermutlich vier davon schlecht.

Es wäre angemessener sich des Idealismus zu entledigen, der die Menschheit doch ganz töfte scheinen lässt, als immer wieder auf jene Masche zu setzen, die unsympathische Menschen entmenschlichen will. Als wäre es nicht genau das, was diese mit ihren Kontrahentinnen tun. Zugegebenermaßen: Die Vorstellung Putin und Konsorten irgendwann in einem Lesekreis in Sibirien oder einer Fischmehlfabrik in Bremerhaven zu sehen, wird dadurch nicht weniger verlockend. Wir alle wissen aber auch, dass nur Menschen lesen können.

Zurück zu Putin: Übrigens ein Arschloch, das noch über die eine oder andere Bewunderin außerhalb organisierter Schlägerinnenbanden verfügt. Als er neulich seine neue Staatskarosse (Verbrauch: Bis zu 65 Liter auf 100 Kilometer) ablehnte, wurde flugs ein Designwettbewerb für eine neue gestartet. Jüngst wurde das Siegermodell gekürt, eine innovationslose Protzlimousine namens »President«.

Und die gute Nachricht? Das schöne Ende? Hoffnung? Klingt verrückt, aber ich hätte da was. So, wie Sowjetrussland die Hoffnung auf Emanzipation und gutes Leben einst enttäuschte, wäre es doch nur allzu richtig, wenn der reaktionäre Bullshit heutiger Tage im Laufe der nächsten Monate umschlägt und hunderte weinende Arschlöcher auf der Straße hinterlässt. Ihre Hoffnungen im Zug nach Sibirien verfrachtet, ihre Führer weg, die vormaligen Kolleginnen nun Lokomitvführerinnen jener wirklichen Bewegung, die den jetzigen Zustand aufhebt. Man wird ja wohl noch träumen dürfen. Und wenn das nicht klappt, muss Plan B her: Die Rote Einhorn Armee.

(Dieser Text war im Original ein Redebeitrag auf der Veranstaltung Theorie & Liebe: Russland. Theorie & Liebe ist eine alle zwei Wochen auf dem Wagenplatz Pink&Brainy stattfindende Lesereihe zu allem Möglichen.)