Liebe mitlesende Menschen. Good news for bad people who love bad news: Die Krise geht weiter. Auf wenigstens unbestimmte Zeit. Ein an die Redaktion angeschlossener Trink Tank (Eiche, Merlot, 2003er Jahrgang), für Bestimmungen der Entwicklung des tendenziellen Falls der Füllrate zuständig, offenbart einen stetig sich dem Boden annähernden Trend. Aber auch in der Binnen-, Nichtbinnen und Sowiesowirtschaft sind die Vorhersagen düster.

Umso düsterer der Himmel der Prognose sich färbt, umso wagemutiger wollen die Medien über »das System« reden. Dieser eine aus dem heute journal, schon bei den Kommentaren zum Aufstandspektakel in der arabischen Welt um kein hämisches Grinsen verlegen, setzte diese weltmännische Spitzbübigkeit gekonnt fort, als um die Bewegung ging, die irgendwas besetzen wollte, und ist sicher nur noch einen, zugegebenermaßen großen, Schritt davon entfernt sich offiziell und zum Leitwesen der Intendantenschar gegen »das System« zu stellen. Und er ist nur einer. Die bildungsbürgerliche Pseudointelligenz (mit ihr verhält es sich wie mit Ephedrin und Pseudoephedrin, wirkt ein bisschen, tut aber eigentlich nur so) liest Bücher mit einstmals undenkbaren Titel wie »Empört euch« oder »Organisiert euch« (das naheliegende Nächstlingswerk »Erschießt euch« hat anscheinend keinen Verleger gefunden), in denen ein Veteran des antifaschistischen Widerstandes eindrucksvoll beweist, dass historische Leistungen nicht vor zeitgenössischer Dummheit schützen, und fragt sich wohin das alles gehen soll. Alles, das ist schon wieder dieses »System«. Nun, als Kommunistin könnte man jetzt Hoffnung schöpfen, wenn die SZ auf die Idee kommt »den unnützen Ballast des Kapitalismus« loszuwerden und die FAZ ausruft »Stellt endlich die Systemfrage«. Könnte man, wenn man sich auf die Überschriften beschränkt und sich in inhaltlichen Fragen an den oben erwähnten Trink Tank wendet.

Eigentlich sind mir diese ganzen Kommentare zur Krise auch zu dumm. Es ist nun weder ein Wunder, dass ein Feuilletonist der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vielleicht in Unbehagen promoviert, aber von Marx nicht einen Satz verstanden hat. Noch ist es verwunderlich, dass die Süddeutsche Zeitung, sowas wie der linksliberale Arm der medialen Vollverblödung, mit unnützem Ballast des Kapitalismus keineswegs Ausbeutung meint, sondern Gensalat und materiellen Wohlstand. Einer jener, die auf Eigenhandaufzucht aus dem eigenen Garten stehen, postuliert: »Nach der Energiewende kommt die Nahrungsmittelwende.« Immerhin, mag man meinen, wenn das so ist, bleibt einer als Verbraucherin noch wenigstens ein Jahrzehnt, bis die Diktatur der Nachhaltigkeit einem von Billigstproletarierinnen geernteten Biosalat aufzwingt und wir alle in Sackleinen in einer Prenzlauer Berg gewordenen Umwelt ein erbärmliches Leben auf dem Stand der Produktivkräfte von anno dazumal führen müssen.

Systemfrage heißt dann auf Seite 4 (die anderen 2 Seiten habe ich mir aus Angst um mein Seelenheil erspart) des erbärmlichen SZ-Artikels auch ein »neues Geldsystem« zu erfinden. Denn, ganz ohne Geld kann es auch nicht gehen! Die Finanzwirtschaft ist schließlich irgendwie irre systemwichtig um die Realwirtschaft und so weiter. Schon Hannah Ahrendt hat festgestellt, das »ein realistisch denkender Mensch nur mit dem [rechnet], was vor seiner Nasenspitze liegt« und Horkheimer und Adorno stellten im Kulturkapitel der Dialektik der Aufklärung fest: »Realitätsgerechte Empörung wird zur Warenmarke dessen, der dem Betrieb eine neue Idee zuzuführen hat«. An neuen Ideen und chronisch beschränkter Nasenspitzenbeschau mangelt es den Empörten von Wall Street bis Urban Gardening in Berlin-Kreuzberg in der Tat nicht. Jegliche Hoffnung, dass mit ihnen die Revolution aber ein Stückchen näher gerückt ist, sollte man fahren lassen, den Freundinnen erklären, warum sie trotzdem sein muss, und mal öfter, mal immer dem tendenziellen Fall der Füllrate des eigenen Trink Tanks unter die Arme greifen. Danke für die Aufmerksamkeit, Prost.