Es sieht zugegebenermaßen gut aus, einen Schrank voller Platten im Zimmer stehen zu haben. Platten sind in dem Falle das musikalische Äquivalent des Buches. Unübersehbare Manifestation des eigenen Geschmacks. Es sieht nicht gut aus, eine Festplatten voller Audiodateien im Zimmer stehen zu haben. Audiodateien sind in dem Falle das Äquivalent zum E-Reader. Auch sie können Manifestation von Geschmack sein – man sieht ihn nur nicht. Durch eine Liste von Dateien zu scrollen ist ungefähr so spannend, wie dem Verfaulen einer trockenen Nudel beizuwohnen. MP3s haben keine haptisch fassbaren Cover. Platten schon. Platten sind geil. Sind sie?

Vor allem sind Platten schwer und vergänglich. Verdammt schwer. Nicht so verdammt vergänglich, aber die kaputte Rille der Lieblingsplatte ist allen ein Begriff, die mit Platten umgehen. Trotzdem halten sich die Liebhaber_innen mit einigem Eifer an ihrem Medium fest, kolportieren Gerüchte, werden in manchen Fällen leider komplett verrückt darüber. Um das hier kurz festzuhalten: Die, die über ihrem Platten-Fantum verrückt werden, sagen nichts gegen oder über das Medium aus. Kaffee wird auch nicht besser, weil irgendwelche Trottel Glaubenskriege über die richtige Herstellungsweise führen. Um die Verrückten soll es mir aber auch gar nicht gehen. Es soll über – oder vielmehr: gegen – das Gerücht gehen, dass das Medium die Nachricht ist. Wobei das abstrakt und für sich genommen sogar stimmt.

Die Frage, die sich also vorher noch gestellt werden muss, ist, welche Nachrichten ein Medium senden kann und welche nicht und, daran anschließend, ob wirklich diese Nachrichten beabsichtigt sein sollten, wenn man wieder einmal »The medium is the message« sagt. Am konkreten Beispiel Vinyl kann die Nachricht zum Beispiel sein, dass man sich schon seit Jahren Musik kauft, distinguiert auf dem Turm über dem Haifischbecken Populärkultur steht, oder sich in einer kulturellen Tradition sieht. Die 12“ ist vermutlich das eingängigste und immer noch gegenwärtigste Symbol – okay, neben Pillen – von Techno als Kultur. Über diesen Zusammenhang wurde schon genug geschrieben, auch von Menschen, die sich damit wesentlich besser auskennen, als ich. Was aber schon klar wird: Keiner der wenigstens halbwegs offensichtlichen Nachrichten des Vinyls hat etwas mit der Musik als solches zu tun. Wenn man bezogen auf die Musik sagt »The medium is the message«, dann wechselt man fröhlich den Gegenstand.

Wenn man Musik aneinanderreiht und das auch noch öffentlich tut, muss man sich mit allerlei Unwägbarkeiten rumschlagen. Kaputte Technik, nervige Gäste, zu wenig Getränke, komische Veranstalter_innen. Das alles macht nichts! Man macht es ja gerne. Man liebt die Musik. Umso nerviger, wenn es dann nicht um die Musik geht, sondern man sich für die Methode rechtfertigen muss, mit der man auflegt. Das Auflegen mit Laptop und Controller steht unter dem Verdacht, von der Fähigkeit zum Auflegen meilenweit entfernt zu sein. Warum eigentlich? Weil das Programm einer erspart, die halbe Zeit damit zu verplempern, die nächste Platte auf Geschwindigkeit zu bringen? Weil einer ein Programm wie Traktor durch Loops oder die Möglichkeit die A1 und A2 einer Platte, die dann selbstverständlich keine Platte mehr ist, nacheinander zu spielen, Felder der Kreativität geöffnet werden, die mit zwei Plattenspielern höchstens ein feuchter Traum waren? Sicher. Man kann sich in den technischen Möglichkeiten verlieren und zigmiarden Effekte auf tausende Samples treffen lassen. Aber das ist nur ein mögliches Problem des Mediums, kein notwendiges. Man kann es genauso gut lassen. Platten klingen nicht mal besser. Sie klingen höchstens anders. Und in einer Welt, in der sich die Menschen Musik von YouTube rippen (es soll sogar Leute geben, die mit YouTube-Rips auflegen), klingt das irgendwie egal. 99% der Musikkonsument_innen werden den Unterschied erst erkennen, wenn die Platte springt, oder sie dann plötzlich eine gute Anlage vor sich haben und sich wundern, warum der YouTube-Rip scheiße klingt. Zuhause war doch noch alles gut. Falls sich jetzt jemand fragt, warum das so ist: Das Problem liegt um die 128kbps und ist die Soundqualität, in der YouTube abspielt.

Von Seiten der Vinyl-Fanatiker_innen kriegt man weiterhin zu hören, dass man sich über das Gewicht der Platten nicht beschweren solle, schließlich kriegt man ja Geld dafür, im Club zu spielen und dann kann man doch ein wenig Arbeit auf sich nehmen. Mag sein. Aber nur, wenn man das Geld fürs Plattenschleppen kriegen würde. Dann soll sich aber auch bitte nicht beschwert werden, wenn die angestellten Schlepper_innen die Tasche hinter dem Pult abstellen und sich dann betrinken gehen. Übrigens: Das »bisschen Arbeit« ist schon zu einigen Stunden Arbeit geworden, bevor man sich überhaupt auf den Weg zum Club macht. Musik kaufen, Musik hören, sich einen ungefähren Plan ausdenken, wie man was spielen will, Plan wieder verwerfen, Musik von vorne hören, noch eine kleine künstlerische Krise, neuer Plan. Nur damit dann vor Ort doch alles anders ist. Aber man liebt ja die Musik.

Und wo wir gerade bei Liebe sind. Fernab aller Medien: Die wichtigste Voraussetzung, um Musik ineinander zu mischen, ist und bleibt, sich mit Musik zu beschäftigen. Es spielt dabei überhaupt keine Rolle, ob man »Ahnung von Musik« hat. Diese Ahnung ist nichts, als Standesdünkel jener, die die Musik durch Begriffe ersetzt haben. Das Beharren auf der Überlegenheit des Vinyls wiederum muss sich dem Vorwurf stellen, Standesdünkel jener zu sein, die die Musik durch Medien ersetzt haben. An diesem Punkt kann die Verteidigung der Platte nur noch mit einem »Ja, aber« aufwarten. Die Musik ist gut, aber. (Im Falle als schlecht empfundener Musik gerne durch ein gehässiges »Ha! Die Musik ist scheiße, Laptop-DJ« ersetzt.) Dieser Elitismus wirkt besonders komisch, wenn er in einer (Sub)kultur geäußert wird, die – damals, als die Pillen noch gut waren – angetreten ist, die Unterschiede zwischen den Menschen, auch zwischen Publikum und DJ, aufzuheben in kollektive Ekstase und Egalität. Für die Unmöglichkeit dieses Projekts, wenn der Inhalt sich auf BummBumm, Bumsen und Pillen beschränkt, kann man ihn natürlich auch bezeichnend finden.

Warum bitte sollte das Vermitteln von Musik das Hobby oder gar der Job jener sein, die es sich leisten – oder irgendwie von den Rippen absparen – können, mit einem bestimmten Medium auflegen zu können? Dass es auch im Bereich der elektronischen Tanzmusik nicht gelungen ist, die allgegenwärtige Konkurrenz im Hamsterrad aufzuheben, rächt sich im Zeitalter der endgültigen technischen Reproduzierbarkeit eines jeden Werkes. Die Demokratisierung der Produktionsmittel kann in der Logik der Konkurrenz nur als Angriff auf das Etablierte erscheinen. Das vernünftige Projekt wäre kein Dogmatismus, sondern das Einsehen in Nach- und Vorteile aller Medien. Wie diese zu gewichten sind, bleibt Sache der Einzelnen.

Dass die Demokratisierung einen Haufen Scheiße an die Öffentlichkeit spült, ist auch nicht mehr oder weniger als die Aufhebung tradierter Formen der Öffentlichkeit. Ich gehe jede Wette ein, dass der Geschmack der Mehrheit in den Anfangstagen des Technos ebenso beschissen war, wie der Geschmack der Mehrheit, der auf Soundcloud & Co veröffentlichen Werke. Die Tragik der Popularisierung trifft Techno im weiteren Sinne nicht als erstes und hat ihn auch nicht als letztes getroffen. Die allgemeine Verfügbarkeit von Pinseln und Blättern schaffte keine Millionen Picassos und die Verfügbarkeit von Photoshop keine Millionen Graphikdesigner_innen. Genauso wenig schafft die allgemeine Verfügbarkeit von Traktor oder Serato und der zugehörigen Musik für lau auf unzähligen Blogs Millionen guter DJs.

So droht die prinzipiell begrüßenswerte Destruktion bestehender Zugangshierachien allerortens an der Ahnungslosigkeit der Mehrheit zu scheitern. Es ist zum Verzweifeln. Nicht nur, aber auch, weil man eigentlich nur Musik hören wollte. The medium is a message, so wie das Sprechen darüber eine ist. Ein Medium ist aber vor allem eines: Medium.