Eines meiner erkenntnistheoretischen Hobbies ist das Gucken der ARD-Sendung Brisant. Die ist meistens so unspektakulär und zum Gähnen langweilig, dass es sich sie hervorragend nicht gucken lässt. Genau genommen ist mein Hobby also das Nichtgucken von Brisant. Ausgenommen: Nachrichten über sämtliche Königliche Herrschaften der Welt – und aus Versehen brisante Kommentare zum Zeitgeschehen. Gerade Nachrichten, die sich alle Politik schon lange aus den Drehbüchern streichen wollten und Gesellschaft als besondere Individuen verstehen, können zum entlarvendsten Kommentar werden. Wer nicht drüber nachdenkt, macht einfach. Und wer nur den Maßstab berühmt oder reißerisch kennt, sortiert nach diesem Maßstab.

Vergewaltigungen sind so ein Thema, das reißerisch ist, ganz ohne Berühmtheiten zu brauchen. Mit Berühmtheiten natürlich noch viel reißerischer. So kamen dann heute auch direkt zwei Meldungen, die etwas mit sexuellen Übergriffen bzw. Vergewaltigungen zu tun haben. Fangen wir von hinten an: Anschuldigungen gegen Roy Horn von der Popgruppe Siegfried & Roy, er habe Krankenpfleger sexuell belästigt. TMZ hatte gestern berichtet, ein Video gesehen zu haben, dass solche Vorfälle zeige. Zur Anklage wird es nicht kommen, sexuelle Übergriffe verjähren in den USA nach einem Jahr, die Vorfälle sollen 2010 stattgefunden haben.

Auf der anderen Seite wird in unschöner Häufigkeit von Fällen berichtet, in denen eine Betroffene dem unschuldigen Täter das Leben so ordentlich versaut hat1Das heutige Beispiel. Das hat wenig mit der gesellschaftlichen Realität zu tun. Nun kann man ja sagen, die boulevardeske Newsmaschine hat mit empirischen Betrachtungen nichts zu tun, sie berichten auch über das Gegenteil, und überhaupt: Was guckst du den Scheiß eigentlich? Außerdem scheinen die Fälle stattgefunden zu haben und was stattfindet, das muss auch berichtet werden. Öffentliches Interesse, weißt du! Wenn etwas stattgefunden hat, dann hat es erstmal stattgefunden und ist gut oder schlecht. Das öffentliche Interesse sollte auch ein Interesse an Zusammenhängen sein. Es gibt nämlich nicht nur mutmaßliche Falschanschuldigungen – der Verein Terre Des Femmes nennt eine Zahl von 5% der Fälle2 – es gibt aber auch die große Mehrheit der richtigen Anschuldigungen und die noch viel größere Mehrheit der Fälle, in denen erst gar keine Anklage erhoben wurde, weil die Betroffenen sich dazu nicht in der Lage sehen. Es gibt eine Rape Culture, das Verharmlosen, das Verlachen, die gut gemeinten Ratschläge an die Betroffenen. Das alles könnte man thematisieren. Dann hätte man dem Bedürfnis nach seichter Unterhaltung zwar den Tag versaut, aber wenigstens kann man mit dem guten Gefühl zu Bett gehen, ausnahmsweise eine ausgewachsene Nachricht gesendet zu haben.

 

  1. Brisant dient mir hier zugegebenermaßen nur als Beispiel, andere Medien beherrschen dies wenigstens ebenso gut []
  2. Verbildlicht sieht das so ausdieser Artikel bei Slate liefert einen besseren Einblick in Zahlen und Häufigkeit []